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Museumsvitrinen von heute bewahren kostbare Exponate nicht nur vor Diebstahl, sondern auch vor schädigenden Umwelteinflüssen wie Klimaschwankungen. In sämtlichen Erfordernissen – von der Sicherheit bis hin zum konservatorischen Schutz – sind Corveys Kirchenschätze in der neu konzipierten Dauerausstellung wohl behütet. Die Vitrinentechnik ist in ihrer Zuverlässigkeit auf Höhe der Zeit. Einen entsprechend guten Eindruck machten die Exponate der Kirchengemeinde, die Restauratorin Sina Theile kürzlich im Ausstellungsteil zum „Goldenen Zeitalter“ unter die Lupe nahm.

Die Silberbüsten der Schutzpatrone St. Stephanus (vorne) und St. Vitus künden in der Dauerausstellung von der Heiligen- und Reliquienverehrung im Goldenen Zeitalter. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht

Dieses „Goldene Zeitalter“ der Benediktinerabtei am Weserbogen umfasst die Zeit vom 17. Jahrhundert bis zur Säkularisation 1803 und entfaltet sich am Äbtegang im Obergeschoss des Ostflügels des Schlosses in vier Themeneinheiten. Reliquienschreine und -büsten künden vom Aufschwung der Heiligen- und Reliquienverehrung nach dem Dreißigjährigen Krieg. Die Fürstäbte der Barockzeit erzählen an einer Hörstation, aber auch mit kostbaren Codices, Portraits und Paramenten von ihrem geistlichen und repräsentativen Wirken.

Als Höhepunkt schließlich vergegenwärtigt die Schau im letzten Raum die prachtvolle barocke Festliturgie: Vor der raumhohen Installation der Altartrias der ehemaligen Abteikirche nimmt die „rote Kapelle“ des Fürstabts Maximilian von Horrich (amt. 1714-1721), bestehend aus einem Chormantel und zwei Dalmatiken, in ihrer Imposanz Aufstellung. Zwei aufwändig restaurierte Kesselpauken komplettieren den Glanzauftritt und bringen die musikalische Dramaturgie (gefühlt) zum Klingen.

Barockzeitliche Goldschmiedekunst beeindruckt

Das fulminante Gesamtkunstwerk dieser Inszenierung samt festlicher Orgelmusik lassen die Gäste zunächst auf sich wirken, wenn sie den Ausstellungsraum betreten. Nach diesen magischen ersten Momenten treten sie ein in die Szenerie und richten bewundernde Blicke auf die Vitrinen an einer der Seitenwände: Vom Abtsstab Florenz von dem Veldes (amt. 1696-1714) bis hin zu einer prunkvollen Monstranz, einem Kelch, einem Weihrauchfass und einem Schiffchen kündet liturgisches Gerät von der wahren Meisterschaft barockzeitlicher Goldschmiedekunst zur Ehre Gottes.

Auch diese besonderen Schätze sind – wie alle Exponate – in den modernen Schaukästen sicher untergebracht. Gleichwohl gilt es, sie ebenso wie die Buch-, Textil-, und Schnitzkunst der Schau in Abständen restauratorisch im Auge zu behalten.

Die Restauratorin Sina Theile kommt gebürtig aus dem mit Corvey verbundenen Obermarsberg.

Hier kommt Sina Theile aus Diemelstadt ins Spiel: Im Auftrag der Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus ist die Restauratorin regelmäßig in Corvey, weil sie die Barockausstattung der ehemaligen Abteikirche bei Monitorings begutachtet. An einem Spätsommertag 2026 führte der Weg sie dann aber nicht, wie gewohnt, in die Kirche, sondern in die Dauerausstellung. Erstmals nach dem Start der runderneuerten Schau im März 2023 wurden die Vitrinen mit den Schaustücken der Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus Corvey und des Erzbistums Paderborn geöffnet. Die Restauratorin nahm die Exponate allesamt in Augenschein – beginnend mit dem renaissancezeitlichen Prozessionsschrein zu Ehren des Schutzpatrons St. Vitus im ersten Ausstellungsraum.

Architektur im Kleinformat

Der Schrein setzt Schlüsselsituationen aus der Vita des Heiligen gemalt in Szene und umgibt die Flächen mit Säulen und einem umlaufenden Gesims – also mit Architektur im Kleinformat. Die riesige Vitrinentür geöffnet, leuchtet Sina Theile mit ihrer Taschenlampe in kleinste Ecken. Durch leichtes Klopfen ermittelt sie, ob Lockerungen an Farbfassungen aufgetreten sind. „Das hört man am Klang“, erläutert sie. Und gibt gleich Entwarnung.

Der renaissancezeitliche Prozessionsschrein zu Ehren des Schutzpatrons St. Vitus war das erste Exponat, das Restauratorin Sina Theile bei ihrem Monitoring unter die Lupe nahm.

Als unvermeidlich – trotz aller Sicherungssysteme innerhalb der Vitrine – ordnet sie die minimalen Staubspuren auf einigen Flächen des Reliquienschreins ein. „Diese lassen sich aber problemlos abreinigen“, sagt die Fachfrau. Kein Grund zur Sorge also.

Minimale Fassungslockerungen spürt sie an der barocken Reliquienbüste des heiligen Ansgar auf. Der als Missionar des Nordens verehrte erste Erzbischof von Hamburg und Bremen ist von Corvey aus hinausgezogen. Die Silberbüste stand lange im Chorraum der ehemaligen Abteikirche und teilt sich jetzt in der neuen Dauerausstellung einen Raum mit dem Prozessionsschrein. Das prachtvolle Kopfreliquiar besteht – was der Laie auf den ersten Blick nicht sieht – aus Holz. Blattmetallauflagen geben ihm den silbernen Glanz.

Die Glanzversilberung ist, so Sina Theile, nicht direkt auf das Holz aufgetragen worden. Der Künstler hat den Untergrund zunächst mit einem Poliment, also einer speziell aufbereiteten Tonerde (Bolus), präpariert. Dann erst folgten die Blattmetallauflagen.

St. Ansgar bekommt für die Kirche ein Double

Die Tonerde gibt es in unterschiedlichen Farben, berichtet Sina Theile. Je nachdem, ob das Objekt versilbert oder vergoldet wirken soll, nimmt man als Unterschicht die rote oder die schwarze Variante. Den Blick auf die Ansgar-Büste gerichtet, deutet die Restauratorin auf eine klitzekleine Stelle, an der die rote Grundierung durchschimmert. So lässt das Exponat bei genauem Hinsehen tief blicken.

Minimale Fassungslockerungen hat die Restauratorin bei der Ansgar-Büste festgestellt.

Die Büste ist jahrelang zur ökumenischen Ansgar-Vesper im Februar vor den Altar gebracht worden. Jetzt lässt die Kirchengemeinde für diesen Zweck eine Replik anfertigen, kündigt Marcus Beverungen, Verwaltungschef des Pastoralverbunds Corvey und Geschäftsführer des kirchlichen Teils der Welterbestätte, an. „Das ist besser“, begrüßt die Restauratorin diese Initiative. Denn dem Original bleiben dank des „Doubles“ Transporte erspart. Diese kommen als Ursache für die entdeckten Fassungslockerungen infrage.

Die Restauratorin dokumentierte bei ihrem Monitoring die Fassungslockerungen und untersuchte die weiteren Exponate – unter ihnen die schmucken Büsten der Schutzpatrone St. Stephanus und Vitus. Sie sind glanzvoller Mittelpunkt des zweiten Ausstellungsraums und bestehen komplett aus Metall.

Marcus Beverungen und Annika Pröbe, Standortleiterin für das karolingische Westwerk und die barocke Abteikirche, nutzten die erste Öffnung der Schaukästen zur Inventarisierung der Exponate.

Dem ersten Monitoring sollen weitere Begutachtungen in regelmäßigen Abständen folgen. Sodass die Kirchengemeinde frühzeitig und präventiv eingreifen kann, falls sich Beeinträchtigungen abzeichnen.

Exponate inventarisiert

Die erste Öffnung der Schaukästen hat die Kirchengemeinde genutzt, um die Exponate zu inventarisieren und dem Vitrinenplan exakt zuzuordnen. Der Arbeitsrundgang bestärkte Marcus Beverungen in einer Empfehlung an alle Corvey-Freunde aus nah und fern: „Besuchen Sie unsere Dauerausstellung.“ Ein Rundgang wird die Gäste eintauchen lassen in das tausend Jahre währende benediktinische Leben an der Weser. Die Zeitreise lohnt sich. Und ist auch für „Diensthabende“ wie den Geschäftsführer des kirchlichen Teils der Welterbestätte immer wieder eine große Freude.