Johannes der Täufer und Augustinus von Hippo haben beide einen Platz in Corvey: der große Kirchenlehrer (354 – 430) figürlich neben dem Nordseitenaltar der barocken Abteikirche und der Wüstenprediger und Wegbereiter Christi (etwa 7 v. Chr. – ca. 30 n. Chr.) als Namensgeber der bedeutenden Emporenkirche im Obergeschoss des karolingischen Westwerks.

Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek hat in der hl. Messe im Johanneschor Gemeinsamkeiten zwischen dem Namensgeber des frühmittelalterlichen Sakralraums und dem Kirchenlehrer Augustinus nachgezeichnet. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht
An diesem Ort – dem Johanneschor – hat Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek die beiden Heiligen jetzt zusammengeführt. Anlass der verbindenden Gedanken war die traditionelle hl. Messe zu Ehren des Namensgebers im Johanneschor. Der Pastoralverbund Corvey feiert diesen Gottesdienst entweder zum Hochfest der Geburt Johannes‘ des Täufers (24. Juni) oder zum Gedenktag seiner Enthauptung (29. August). In diesem Jahr verlegten die Organisatoren die Eucharistiefeier aus praktischen Gründen auf den Vorabend des Todestages. Der wiederum fällt auf das Datum, an dem die Kirche des hl. Augustinus gedenkt (28. August).
„Für mich ein guter Grund, den Pragmatismus inhaltlich aufzugreifen und den Blick darauf zu richten, was beide Männer verbinden könnte“, kündigte Pfarrdechant Krismanek zu Beginn seiner Predigt an. Johannes, mit dem die Heilsgeschichte des Evangeliums beginnt, habe über sich selbst hinaus auf Christus verwiesen. Und Augustinus habe erkannt, dass der Mensch erst dann zu seiner echten Größe finde, wenn er aufhöre, sich selbst zum Gott seines Lebens zu machen. In seinen Confessiones (Bekenntnissen) finde sich der berühmte Ausspruch „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott.“
Diese „geistliche Haltung der Demut vor Gott“ sei wohl das stärkste Band zwischen beiden, brachte der Pfarrdechant die Parallelen auf den Punkt. Denkanstöße für uns heute kleidete der Geistliche in eine Frage: „Haben wir den Mut und Demut, unser kirchliches Leben immer wieder neu von Christus her zu denken und auf die Zeichen der Zeit und die Menschen von heute auszurichten?“
Gründergeist der Mönche
Dieser Impuls erfüllte den frühmittelalterlichen Kirchenraum auch mit dem Gründergeist der ersten Mönche des Weserklosters: Die Ordensmänner aus Corbie waren in der Ausgestaltung ihres neuen Glaubensstützpunkts vom Evangelium geleitet und auf die Menschen ihrer Zeit ausgerichtet. Denn die Menschen sind es, denen die Mönche die frohe Botschaft sowohl baugestalterisch als auch mit Worten und Gesten verkünden wollten.
Diesen Überzeugungswillen atmen die mehr als 1100 Jahre alten Mauern des Westwerks bis heute. Bei der Eucharistiefeier zu Ehren Johannes‘ des Täufers machte der Pfarrdechant sie zum Resonanzboden für eine zentrale Herausforderung unserer Zeit: Der „innere beziehungsweise geistliche Kern unseres aktuellen Bistumsprozesses“ sei nichts anderes als der nötige Mut samt Demut, kirchliches Leben von den Wurzeln her neu zu denken und auf die Menschen unserer Zeit auszurichten.
Mit der durchgreifenden Reform werden jahrhundertealte Strukturen aufgelöst. Diese Tragweite erfüllt viele Menschen mit Unbehagen. Dass der Pfarrdechant an einem Ort wie Corvey Christus und seine Botschaft als Kompass für die Ausgestaltung der einschneidenden Veränderungen ins Gespräch bringt, kann den Gläubigen Mut machen. Denn das Kloster und heutige Welterbe ist in den mehr als 1200 Jahren seiner Geschichte trotz mannigfacher Veränderungen, auch Kriegen und Zerstörungen, ein beständiger Ort des Glaubens geblieben. Daher kann dieser Leuchtturm der Christenheit auch in einer Zeit durchgreifender Strukturveränderungen Zuversicht ausstrahlen.
Wer singt, betet doppelt
Diese Hoffnung, eine der Grundhaltungen des christlichen Glaubens, geht seit jeher auch von der Liturgie aus – gesprochen wie gesungen. Den musikalischen Part der hl. Messe im Johanneschor übernahmen Domorganist Dominik Balduin und die von ihm gegründete Schola „Canta voce“. Als die Frauenstimmen den frühmittelalterlichen Sakralraum und seine magische Akustik mit ihrer berührenden Harmonie erfüllten, kam den Zuhörenden ein Augustinus-Wort in den Sinn: „Wer singt, betet doppelt.“
Ein weiterer Aphorismus des großen Kirchenlehrers breitete seine Aussagekraft im zweiten Teil des Abends wie Flügel aus: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“ Annika Pröbe, Standortleitung für das karolingische Westwerk und die barocke Abteikirche, und Architekt Albert Henne machten die Gäste nach dem Gottesdienst mit den Besonderheiten der Inschriftentafel aus der Gründungszeit des Klosters vertraut. Das berühmte Zeitzeugnis hat zu Saisonbeginn einen würdigen Platz im Johanneschor eingenommen.
Den Weg dorthin – eine logistische Herausforderung – zeichnete Architekt Albert Henne eindrücklich nach. Genauso versicherte er dem Auditorium, dass die an Stahlseilen befestigte Sandsteinplatte sicher hängt – auch wenn sie mitsamt ihrem Metallrahmen 300 Kilogramm wiegt. Wie Restaurator Matthias Rüenauver und sein Mitarbeiter Olav Renger sie in diese exponierte Position gebracht und die Halterung konstruiert haben, erläuterte Albert Henne ebenfalls sehr plastisch.
Ebenso lebendig ordnete die Historikerin Annika Pröbe ein, welch prägende Rolle die Inschriftentafel auch für die Antikenrezeption im frühen Mittelalter spielt. In diesem Kulturtransfer war die damals junge Benediktinerabtei am Weserbogen führend. Dass der in Stein gemeißelte Segenswunsch der Mönche für ihr Kloster auch auf das Himmlische Jerusalem aus der Johannesoffenbarung Bezug nimmt, schilderte die Standortleiterin den Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gottesdienstes ebenfalls auf impulsgebende Art und Weise.
Weitere Abendführungen in der neuen Saison
Mit diesem lehrreichen Abschluss des Abends hat Annika Pröbe das Konzept eines Formats aufgegriffen, das sie in diesem Sommer erfolgreich ausgerollt hatte: Mit zwei sommerabendlichen Führungen unter dem Leitwort „Begegnungsraum Kirche“ hat die Historikerin ein neues Angebot ins Leben gerufen. Die Resonanz war an beiden Premieren-Abenden hervorragend.
Zusammen mit Domorganist Dominik Balduin und seiner Schola „Canta voce“ möchte die Standortleiterin die abendlichen Führungen in der kommenden Saison monatlich anbieten. Thematisch hat sie schon viele Ideen – die im Westwerk fragmentarisch erhaltenen Wandmalereien beispielsweise. Im Oktober oder November beginnen umfassende Restaurierungsarbeiten an diesen Kostbarkeiten. „Schauen Sie uns gerne über die Schulter“, rief Annika Pröbe den Gästen zu. „Wenn Sie im Westwerk oder in der Kirche ein Gerüst sehen, sprechen Sie uns an. Wir erzählen gerne, was wir gerade tun und warum wir so gerne hier arbeiten.“
In diesem Bekenntnis klingt Augustinus durch: Die Standortleiterin liebt, was sie tut. Und schafft es auch deshalb – kombiniert mit profunder Kenntnis –, so viele Menschen für das unvergängliche Corvey zu begeistern.


