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Zu einer Stunde in der Himmelsstadt haben sich am Ende eines sonnigen Sommertages mehr als 40 Gäste einladen lassen. Die zweite Auflage der neuen Abendführungen der Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus erwies sich erneut als erfreulicher Erfolg.

Annika Pröbe und Dr. Holger Kempkens erläuterten die Inschriftentafel und die antiken Vorbilder der Schriftart Capitalis Quadrata. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht

Steinbauten waren im 9. Jahrhundert rar im Land der Sachsen. Von wenigen ersten Sakralbauten abgesehen, dominierten Holz und Fachwerk die Architektur. Entsprechend überwältigt müssen die Menschen beim Anblick der Klosterkirche der Weserabtei Corvey gewesen sein. Denn die damalige Dreiturm-Front des Westwerks war nicht nur aus Stein, sondern wirkte in angesichts ihres wehrhaften und herrschaftlichen Charakters geradezu monumental.

Nicht steinsichtig, sondern hell verputzt, leuchtete an der imposanten Fassade die Inschriftentafel aus Solling-Sandstein in ihrem intensiven Rotton heraus. Die Goldschrift funkelte den Pilgern und Wallfahrern entgegen, als sie sich dem Westwerk näherten. Die Menschen müssen vor Ehrfurcht und Erstaunen den Atem angehalten haben.

Fassade des Westwerks beeindruckt die Menschen noch heute

Von dieser geradezu magischen Wirkung vermittelten Annika Pröbe, Standortleiterin für das karolingische Westwerk und die barocke Abteikirche, und Dr. Holger Kempkens, Direktor des Diözesanmuseums Paderborn, den Gästen gleich zu Beginn der Sommerabend-Führung einen Eindruck. An der markanten Doppelturmfassade schaute die Gruppe während der plastischen Erläuterungen hinauf. Als wäre es Teil der Dramaturgie gewesen, brachte die Abendsonne das zum Welterbe geadelte Meisterwerk karolingischer Architektur in diesen Momenten zum Leuchten. Eindruck macht die nicht mehr drei-, sondern zweitürmige Fassade bis heute – und steht als Gesicht der Welterbestätte wie eine wohltuende Konstante in unruhiger Zeit für Fotos Modell.

Annika Pröbe und Dr. Holger Kempkens freuten sich über die große Resonanz auf die abendliche Führung.

Die Inschriftentafel, um die sich die abendliche Führung drehte, ist wie im Mittelalter draußen zu sehen – inzwischen aber „nur“ in Gestalt einer Kopie. Das kostbare Original ist aus konservatorischen Gründen durch die Replik ersetzt worden und in die Herzkammer des Welterbes, den Johanneschor im Obergeschoss des Westwerks, umgezogen. Dorthin führte der Weg die große Gästeschar bei der Sommerabendführung.

Viele der Teilnehmenden kennen Corvey. Einige wussten vielleicht auch noch, dass die Inschriftentafel lange Jahre hoch oben auf der Westempore an der Nordseitenwand ein eher unscheinbares Dasein gefristet hatte. 2024 verreiste sie dann zur großen Sonderausstellung „Corvey und das Erbe der Antike – Kaiser, Klöster und Kulturtransfer im Mittelalter“ ins Diözesanmuseum Paderborn. Nach diesem Glanzauftritt hat sie zuhause seit Beginn der Saison 2026 einen würdigeren Platz bekommen. In der Mittelarkade der Ostseite des Johanneschores – also über dem Altar – „wirkt sie beinahe wie eine Altartafel, was ja auch passt, weil ihr Text ein Gebet ist“, sagt Museumsdirektor Holger Kempkens.

Restaurator Matthias Rüenauver, Geschäftsführer der Paderborner Fachwerkstatt „ars colendi“, hat die 1,80 mal 1,05 Meter große, 250 Kilogramm schwere Kostbarkeit mit einer sicheren Halterung an Stahlseilen aufgehängt. Die Haltekonstruktion im Mauerwerk oberhalb des Bogens greift nicht in schützenswerte karolingische Substanz ein, weil die Arkade in den 1960er Jahren rekonstruiert wurde. So war es kein Problem, diese exponierte Stelle auszuwählen.

Hoffnungsvolles Finale der Heiligen Schrift

Bei der abendlichen Führung versammelten sich die Menschen im warmen Licht der hineinscheinenden Abendsonne vor der Inschriftentafel. Die Lichtstimmung unterstrich ein Empfinden für das, was dieser Sakralraum in den Augen seiner Erbauer sein sollte: ein irdisches Abbild des Himmlischen Jerusalems aus der Offenbarung des Johannes. Dieses einzige rein prophetische Buch des Neuen Testaments ist zugleich das hoffnungsvolle Finale der Heiligen Schrift. Dr. Kempkens las aus der Apokalypse vor und brachte Johannes‘ Vision der Himmelsstadt mithin an einem ihrer großen irdischen Abbilder zur Entfaltung. „Die Architektur des Johanneschores stellt einen Bezug zum Himmlischen Jerusalem aus der Offenbarung her“, erläutert der Museumsdirektor.

Der Himmelsstadt beziehungsweise dem ihr nachempfundenen Kirchengebäude sowie dem Kloster und allem, was dazu gehört, galt der Segenswunsch, den die Mönche schon kurz nach der Gründung ihrer Abtei in der antik-römischen Prachtschrift Capitalis Quadrata in die bis heute erhaltene Solling-Sandsteinplatte einmeißeln ließen: „Diese Stadt umgib Du, Herr, und Deine Engel sollen ihre Mauern hüten!“

Die Anrufung Gottes mit der Bitte um Schutz ist in die 1200 Jahre alte Sandsteinplatte eingemeißelt.

Diese dem Stundengebet der Kirche entnommene Anrufung Gottes um Schutz war nicht ohne Grund in Richtung Westen angebracht: „Die Menschen dachten im Mittelalter, dass vom Westen das Böse, die Dämonen kommen“, sagt Annika Pröbe.

Wetterfronten und Winde kommen in Deutschland nach wie vor meist von Westen. In Corvey bot ab dem 9. Jahrhundert der Segenswunsch in goldenen Lettern den Unbilden die Stirn. Die vergoldeten Buchstaben, die in die eingemeißelten Vertiefungen eingelegt waren, haben sich im Original nicht erhalten. Aus der ersten Bauphase der Kirche sind bei archäologischen Untersuchungen aber vergoldete Kupferbuchstaben einer anderen, verlorenen Inschrift zutage getreten. „Aus diesen Buchstaben leiten wir unsere Erkenntnisse zur Inschriftentafel ab“, berichtet Annika Pröbe.

Alles sei nach dem göttlichen Maß geordnet

Die Inschriftenplatte selbst stammt im Übrigen auch aus der frühen Zeit nach der Klostergründung 822. Ihr prominenter Platz an der Westwerk-Fassade war also eine Zweitverwertung. Der Zweck dieser Steinplatte – den Segen Gottes für das neue Glaubenszentrum am Weserstrand zu erflehen – erschloss sich bei der Abendführung auch aus einem Quellentext, den Annika Pröbe zum Schluss vortrug. Paschasius Radbertus, Abt des Corveyer Mutterklosters Corbie und großer Gelehrter, unterstützte die Halbbrüder Adalhard und Wala bei der Gründung Corveys und verfasste später Lebensbeschreibungen dieser beiden ersten Äbte. Die Viten Adalhards und Walas geben Aufschluss über die Entstehungsgeschichte der Abtei.

Eine berühmte Passage der Adalhard-Biographie weist auf die Klostergründung und zugleich auf den Zweck der Kirche – das sichtbare Abbild des Himmlischen Jerusalem – hin: „Und er stand gleichsam an den Toren [des Klosters] mit dem Messrohr in der Hand, damit nichts Unreines hineingelange, sondern alles nach dem göttlichen Maß geordnet sei“, zitierte Annika Pröbe die Textstelle.

Dominik Balduin (links) und seine Schola „Canta voce“ bereicherten die Führung.


Die Sängerinnen erfüllten den Johanneschor mit ihren wunderbaren Stimmen.

Zu besonderer Blüte gelangte diese Vision bei der abendlichen Führung durch die Musik. Domorganist Dominik Balduin und die von ihm begründete Schola „Canta voce“ brachten Gebet, Lobpreis und die spirituelle Aura des Raumes berührend zum Klingen. Die Gesangsstimmen machten im Zusammenspiel mit dem einfallenden Licht der Abendsonne die transzendente Kraft dieses besonderen Sakralraums sinnlich erlebbar – ganz im Sinne der Gründermönche des Klosters, die dem christlichen Glauben mit diesem großen Bauwerk ein architektonisches und bis heute lebendiges Denkmal gesetzt haben.

Baustein des Welterbes zum Sprechen gebracht

In dem Zusammenspiel aus Kunstgeschichte und Theologie, aus gesprochenem und gesungenem Gebet, hat die zweite Führung unter dem Leitwort „Räume, Zeichen, Symbole – Begegnungsraum Kirche“ die Herzen der Menschen erreicht. Und einen Baustein des Welterbes, die Inschriftentafel, in seiner Botschaft und Bedeutung zum Sprechen gebracht.

„Natürlich kann man sich Wissen auch anlesen“, sagte eine Teilnehmerin nach der Führung. „Die Dinge zu hören und, wie jetzt, Impulse mit Musik zu vertiefen, ist für mich viel eindrucksvoller.“ Weil es eine Verbundenheit schafft zu einem Ort, der reich an Geschichte und Geschichten, aber auch an Spiritualität und Gottesnähe ist. Diesen Eindruck hatten die Gäste nach ihrem Ausflug in die Himmelsstadt allesamt: „Corvey hat viel zu erzählen.“

Der Stoff für weitere abendliche Führungen geht also nicht aus. Gut, dass die Standortleiterin das neue Format in die Planungen für die nächste Saison mitnimmt.