Sie ist wieder da. Und hat rechtzeitig zum Saisonbeginn am 28. März einen würdigen, exponierten Platz eingenommen: Die berühmte Inschriftentafel aus der Anfangszeit des 822 gegründeten Klosters Corvey ist in den Johanneschor eingezogen.

Perfectum est: Die Inschriftentafel ist zurück. Von ihrem Platz ist Albert Henne, Architekt der Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus Corvey, ebenso begeistert wir Restaurator Matthias Rüenauver (oben links) und sein Mitarbeiter Olav Renger. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht
Der erhabene Sakralraum im Obergeschoss ist das liturgische Zentrum des karolingischen Westwerks und Herzkammer des Weltkulturerbes. Auf der Ostseite kündet nun im mittleren Arkadenbogen über dem Altar die Original-Inschriftentafel vom Segenswunsch der Mönche für ihr Kloster. Die Gottesmänner hatten ihn in der Tradition antiker Monumentalinschriften in Stein meißeln lassen. Und der Nachwelt mithin ein prägnantes Beispiel für die Antikenrezeption im frühen Mittelalter hinterlassen.
Für diesen großen Kulturtransfer Zeugnis abzulegen – in dieser Mission war die kostbare Corveyer Inschriftentafel jetzt eine Zeit lang außer Haus: Im Erzbischöflichen Diözesanmuseum Paderborn zählte sie von September 2024 bis Januar 2025 zu den charismatischen Exponaten der glanzvollen Sonderschau „Corvey und das Erbe der Antike“.
Sicher verzurrt und in Holzverschalungen verpackt
Zum Restauratorenteam, das die Tafel für den Transport und die Ausstellung konservatorisch sicherte, gehörte seinerzeit Matthias Rüenauver. Der Diplom-Restaurator, Geschäftsführer der Paderborner Fachwerkstatt „ars colendi“, brachte die Kostbarkeit aus Sollingsandstein jetzt wieder sicher nach Hause.
Dieses besondere Unterfangen beginnt an einem sonnigen Morgen kurz vor Beginn der Saison 2026. Mit Holzplatten auf der Vorder- und Rückseite sicher eingeschalt, transportieren die Fachleute von „ars colendi“ die wertvolle Fracht von der Pader an die Weser. Die letzte Etappe des Weges führt vom Domänenhof in den Johanneschor und ist binnen 20 Minuten geschafft.

Sicher verzurrt und in Holverschalungen verpackt kommt die Inschriftentafel an ihrem Standort an. Matthias Rüenauver (links) und Olav Renger bringen sie unter der Arkade in Position.

Mit größter Sorgfalt bereiten Restaurator Matthias Rüenauver (rechts) und sein Mitarbeiter Olav Renger im Johanneschor den Hub der berühmten Inschriftentafel vor.
An ihrem Platz unter dem Arkadenbogen bringen Matthias Rüenauver und sein Mitarbeiter Olav Renger den Transportwagen mit der bedeutenden Steinplatte in Position. Die 1,80 Meter breite und 105 Zentimeter hohe Tafel ist zu diesem Zeitpunkt noch verhüllt und verzurrt. Im Mauerwerk oberhalb des Bogens ist ein Konsolensystem mit Profilen, Schrauben und Spezialklebern tief verankert. „Die Konsolen liegen in ganzer Breite auf“, erläutert der Restaurator. Sie halten Stahlseile, an denen die Inschriftenplatte hängen soll.
Juwel hängt auf Anhieb gerade
Zuvor muss das Team die Platte aber hinaufbefördern. Die beiden klettern auf ein Gerüst und bewerkstelligen den Hub der einzigartigen Schriftplatte mit einem Kettenzug. In den die Steintafel einfassenden Edelstahlrahmen dreht Matthias Rüenauver Spezialschrauben für die beiden Stahlseile, an denen die Sandsteinplatte aufgehängt wird.
Erst als sie sicher an den Seilen befestigt ist, nehmen Matthias Rüenauver und Olav Renger den Kettenzug samt Holzverschalungen ab. Dann legen sie die Wasserwaage an. Viel nivellieren müssen sie nicht mehr. Das Juwel hängt auf Anhieb gerade. Die Seile sehen dezent aus, könnten aber ein Vielfaches der 250 Kilogramm tragen, die die steinerne Kostbarkeit wiegt. Die komplette Haltekonstruktion ist statisch penibel berechnet.
Die beiden Fachmänner steigen schließlich vom Gerüst und gehen zum Gewölbe unter der Westempore. Sie wollen aus der Ferne prüfen, ob sie an einem der beiden Stahlseile vielleicht noch einmal nachjustieren müssen. Das ist nicht der Fall.
So kann der Restaurator den Anblick der Inschriftentafel mitsamt ihrem stimmigen Umfeld einen magischen Moment lang genießen. Die Platte schaut nach Westen – genau wie die Replik an der Außenfassade – und nimmt sogar deren Höhe auf. Matthias Rüenauver ist begeistert. Einen besseren Ort kann er sich nicht vorstellen.
Segenswunsch der Mönche für ihr Kloster
Mit diesem guten Gefühl steigt er noch einmal auf das Gerüst. Auf der Rückseite der Steinplatte hatte er brüchige Stellen für den Transport mit einem flüchtigen Bindemittel (Cyclododecan) stabilisiert und mit einer speziellen Folie aus Aluminium kaschiert, die eine schnelle Verdunstung der Schutzschicht verhindert. Diese Alukaschierungen entfernt der Restaurator, sodass dann das zu Sicherung aufgebrachte flüchtige Bindemittel in den nächsten Tagen rückstandslos verdampfen kann.
Ihr Charisma entfaltet die Inschrift derweil auf Anhieb – auch mit Gerüst und Arbeitsgerät im Hintergrund. Das Original wirkt in dem besonderen Kirchenraum noch eindringlicher als draußen die Kopie. Wenn auch die vergoldeten Inlets fehlen, lässt sich die Schrift anhand der eingemeißelten Buchstaben nach 1200 Jahren noch gut erkennen. „Umhege, o Herr, diese Stadt und lass die Engel Wächter deiner Mauern sein“: Dieser Segenswunsch aus dem Stundengebet war am Kloster weithin sichtbar – zuerst wahrscheinlich am Torhaus vor der karolingischen Basilika und später am 885 geweihten Westwerk.
Annähernd 1200 Jahre später sollte die Inschriftentafel nach ihrem fulminanten Auftritt in Paderborn nun einen ehrenvollen Platz in der Herzkammer des Westwerks bekommen. Wo genau, ist natürlich nicht im Handumdrehen entschieden worden. Annika Pröbe, Standortleitung für das Westwerk und die barocke Abteikirche, und Dr. Holger Kempkens, Direktor des Diözesanmuseums und Leiter der Fachstelle Kunst des Erzbistums, haben zusammen mit weiteren Experten und in enger Abstimmung mit der LWL-Denkmalpflege und natürlich der Kirchengemeinde vor Ort mehrere Möglichkeiten intensiv sondiert.

Das Licht der Abendsonne scheint in die Fenster des Johanneschores und unterstreicht den Eindruck, dass die Inschriftentafel an dieser Stelle genau richtig ist.
Da gehört sie hin
Das Ergebnis der Standortfindung erfüllt alle Beteiligten jetzt mit einhelliger Freude. Diese lässt sich frei nach einem launigen Loblied auf den Kölner Dom in einem Satz zusammenfassen: „Da gehört sie hin!“ „Ich bin froh und dankbar, dass unsere Inschriftentafel gut angekommen ist und einen so würdigen Platz bekommen hat“, sagt Standortleitung Annika Pröbe. „Nicht minder schön als bei der Ausstellung“ findet Matthias Rüenauver ihre Inszenierung im Johanneschor.
Für den Restaurator ist dieses Projekt nicht der einzige besondere Auftrag in Corvey. Zusammen mit Olav Renger hat er den Durchbruch vom Domänengebäude in den Johanneschor geschaffen. Dieser dient der barrierefreien Zuwegung. Stück für Stück haben die Fachleute die etwa 65 Zentimeter starke Domänenwand und die im unteren Bereich bis zu 1,10 Meter dicke Kirchenmauer geöffnet.

Sehr bald ist der Johanneschor aus dem Domänengebäude heraus barrierefrei zu erreichen. Die Bauarbeiten für die neue Zuwegung gehen zügig voran.
Inzwischen kann man hindurchgehen. Ein spezieller Schalrahmen stützt das Mauerwerk. Für Menschen, die nicht gut zu Fuß sind, ist in der Domäne bereits der Aufzug eingebaut. Die neue, barrierefreie Zuwegung zum Johanneschor nimmt also Gestalt an. Zum Vitusfest im Juni soll sie nutzbar sein. Bei dem wegweisenden Bauvorhaben führt die Corvey gGmbH Regie. Dorothee Feldmann, Direktorin Immobilien- und Kulturverwaltung des herzoglichen Hauses, betreut das Projekt.
Saison beginnt am 28. März
Parallel bereiten sie und ihr Team ebenso wie die Kirchengemeinde die Saison vor. Von Samstag, 28. März an, sind Westwerk, Abteikirche und das Schloss mit Dauerausstellung, Kaisersaal und Fürstlicher Bibliothek wieder täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Öffentliche Führungen gibt es an jedem Tag um 15 Uhr sowie sonn- und feiertags zusätzlich um 11 Uhr. Buchbar sind Führungen unter Telefon 05271/68168.
In der neu konzipierten Dauerausstellung begegnen geführte Gruppen und auch Einzelbesucher der Inschriftentafel im übrigen noch einmal. Gleich zu Beginn der Schau im Kapitelsaal ist sie als 1:1-Kopie zu sehen. Der in Stein gemeißelte Schriftzug füllt sich über eine Videoprojektion Buchstabe für Buchstabe mit goldenem Glanz. Schließlich öffnet sich um die Tafel mit ihrer Goldschrift herum der Himmel – und macht im Zusammenspiel mit der Übersetzung der Textbotschaft die große Ambition der Mönche spürbar, im irdischen Hier und Jetzt schon einmal Eindrücke von der Herrlichkeit Gottes, vom Himmlischen Jerusalem aus der Offenbarung des Johannes, zu vermitteln. Ein Besuch im Welterbe lohnt sich also auf der ganzen Linie.


