Den kräftigen Engelatlanten geht es gut. Diese beruhigende Feststellung hat Restauratorin Sina Theile getroffen, als sie die imposanten Großskulpturen unter der Orgelempore der ehemaligen Abteikirche bis in die Faltenwürfe der Gewänder hinein von Kopf bis Fuß inspiziert hat.
Die Fachfrau aus Obermarsberg nimmt die prachtvolle Barockausstattung bei regelmäßigen Monitorings unter die Lupe – damit die Kirchengemeinde sofort eingreifen kann, wenn Einflüsse wie das Raumklima oder ganz einfach der Zahn der Zeit den Farbfassungen samt Veredelung mit Blattgold oder gar dem Trägermaterial Holz zusetzen.

Die Engelatlanten unter der Orgelempore waren erste Station des Expertenrundgangs im Rahmen des Monitorings der Barockausstattung. Fotos: Kirchengemeinde Sabine Robrecht
Bei den Engelatlanten, die die Orgelbühne mit ihrem eindrucksvollen Schauprospekt tragen, ist derzeit besondere Obacht geboten. Denn neben einem ihrer Füße sind die Projektoren angebracht, die im Rahmen von Führungen aus der Kirche heraus die immersive Film-Zeitreise ins Jahrtausend der Mönche auf die riesige Glaswand spielen.
Die fesselnde Geschichts-Doku gehört zu den neuen Digitalangeboten der Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus Corvey und bewegt sich in ihrer Bildgewalt und ihrem Storytelling, aber auch in der Wandlungsfähigkeit ihrer „Bühne“ auf Höhe der Zeit. Wann sieht man schonmal, dass eine 40-Quadratmeter-Glaswand sich auf Knopfdruck zu 95 Prozent blickdicht schalten lässt und im Nu zur Projektionsfläche wird? Im Welterbe am Weserbogen ist es möglich.
Fassungslockerung an einer Stelle am Gewand
Die großen Engelatlanten, denen die Filmprojektoren zu Füßen hängen, haben beim restauratorischen Monitoring einen guten Eindruck gemacht. Sina Theile hat lediglich an einer kleinen Stelle am Gewand einer der Großskulpturen eine Fassungslockerung festgestellt. „Das kommt aber immer mal vor“ – vor allem bei Fassungen, die durch Kittungen unter Spannung stehen. Außerdem setze sich vor allem in den Faltentiefen immer wieder Oberflächenschmutz ab. Deshalb rät Sina Theile zu regelmäßigen konservatorischen Oberflächenreinigungen mit Spezialstaubsaugern.
Diese Empfehlung und auch die Einschätzung, dass die gesamte Barockausstattung in einem guten Zustand ist, war Quintessenz eines Ortstermins in der ehemaligen Abteikirche. Vertreterinnen und Vertreter der Kirchengemeinde hatten sich mit der restauratorischen Fachbauleitung für Westwerk und Kirche, Karen Keller, der LWL-Restauratorin und wissenschaftlichen Referentin Anke Dreyer, dem Stadt-Denkmalpfleger Andreas Lonzek und Sina Theile zum Austausch über ihre Erkenntnisse aus dem Monitoring der Barockausstattung getroffen.
Erste Station der Expertenrunde war die Orgelempore, deren Trägern der Betrieb der Projektoren während der Filmvorführungen nichts ausmacht. Weiter ging es zu einer weiteren markanten Skulptur im Figurenprogramm der Klosterkirche: Schutzpatron St. Vitus. Dem jugendlichen Märtyrer mitsamt seinen Attributen haben die Schöpfer des prunkvollen barocken Kircheninterieurs an der Nordseitenwand ein besonderes Denkmal gesetzt.
Glanzvergoldungen unter Spannung
An dieser Stelle hielt die Expertengruppe inne. Sowohl beim Vitusmonument als auch an anderen Stellen machen spannungsreiche Glanzvergoldungen Probleme, konstatierten Sina Theile, Anke Dreyer und Karen Keller. Mit bloßem Auge und laienhaftem Blick fallen diese Veränderungen nicht auf.

In der Sakristei zeigte Restauratorin Sina Theile (links) der Runde Schäden an den historischen Holzvertäfelungen.
Das gilt auch für die Sakristei, wo die Fachleute mit Lupe, Licht und Expertise Schäden an historischen Holzverkleidungen festgestellt haben. Das Halbrund hinter dem Chorraum und dem Hochaltar ist in der Barockzeit sowohl an den Wänden samt integrierten Einbauschränken, als auch unter der Decke mit schnitzverziertem, dunklem Holz vertäfelt worden.
Was die Schäden angeht, wissen die Restauratoren Rat. Eine Lösung im Handumdrehen können sie aber nicht in Aussicht stellen. Denn beim Begutachten der Flächen haben sie den Einsatz unterschiedlicher Bindemittel festgestellt. Es müssen also verschiedene Firmen gewesen sein, die im Laufe der Zeit an den barocken Holzvertäfelungen gearbeitet haben. Daher ist womöglich auch keine einheitliche Behandlung sämtlicher Flächen möglich.
Reinigung mit Spezialstaubsaugern
Sina Theile empfiehlt deshalb zunächst eine Trockenreinigung und zu Beobachtungszwecken einige Monitoring-Flächen. Die Reinigung soll im November beginnen. Denn die Spezialstaubsauger, mit denen die Restauratorin arbeitet, sind recht laut. „Deshalb warten wir das Ende der Saison ab“, erläutert Annika Pröbe, Standortleitung für das karolingische Westwerk und die barocke Abteikirche. „Im Anschluss sollten wir uns erneut zu einem Ortstermin treffen“, empfahl sie der Expertenrunde.

Sina Theile hat für das moderne Ostermotiv des Hochaltars Modell gestanden und schaut die Menschen gemalt von ihrem exponierten Platz aus an.
Wenn Sina Theile, wie besprochen, die Wand- und Deckenflächen des Halbrundes reinigt, bewegt sie sich direkt unter einem gemalten „Double“: Denn die Decke, die nur den mittleren Teil des der Sakristei überspannt, trägt eine Empore mit dem Magazin der wechselnden Hochaltarbilder. Für das moderne Ostermotiv des Esloher Künstlers Thomas Jessen hat die Restauratorin samt Farbpalette in den Händen Modell gestanden.
Es kann also sein, dass Menschen ihr in der Barockkirche sowohl persönlich als auch „gemalt“ bei der Arbeit begegnen. Das kann aber nur zwischen Ostern und Pfingsten passieren. Denn in dieser Zeit nimmt das Ostermotiv seinen besonderen Platz zwischen den vergoldeten, gedrehten Säulen und den Skulpturen der Kirchenpatrone Stephanus und Vitus ein.
Mit der Restauratorin, die vom Gemälde die Betrachtenden anschaut, arbeitet die Kirchengemeinde seit einigen Jahren erfolgreich zusammen. An der Barockausstattung, die sie betreut, ist immer zu tun. So wie es insgesamt – vergleichbar mit einer Dombauhütte – in Corvey der Fall ist. Denn auch die karolingische Bausubstanz des Westwerks verlangt ein stetes Monitoring und konservatorische Sicherungsmaßnahmen. Bei Standortleiterin Annika Pröbe und Dr. Holger Kempkens, Direktor des Diözesanmuseums und Leiter der Fachstelle Kunst des Erzbistums, ist dieses kostbare Erbe des frühen Mittelalters und der Neuzeit in besten Händen.
