Schon sehr bald nach der Unterzeichnung des historischen Élysée-Vertrags begründeten Höxter und Corbie ihre Freundschaft. Mit ihren 63 Jahren gehört die Städtepartnerschaft zwischen Somme und Weser zu den ältesten grenzüberschreitenden Verbindungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geknüpft wurden. Die historischen Wurzeln der Verbundenheit sind aber viel älter. Sie reichen mehr als 1200 Jahre zurück und liegen in Corvey – einem Ort, den Gastgeber und Gäste auch beim jüngsten Aufenthalt der Freunde aus Corbie mit großer Freude besuchten.

Gemeinsam zu den historischen Wurzeln der Freundschaft: Der Gottedienst in der ehemaligen Abteikirche Corvey war von einer freundschaftlichen Atmosphäre geprägt.
Traditionell am Himmelfahrtswochenende pflegen die Partner ihre enge Verbundenheit mit herzlichen Begegnungen. Sie treffen sich abwechselnd in Höxter und Corbie. Jocelyne Lambert, Vorsitzende des Arbeitskreises Städtepartnerschaft im Heimat- und Verkehrsverein (HVV), koordiniert auf Höxteraner Seite die Besuche.
Freundschaften wie die zwischen Höxter und Corbie „bleiben die wichtigsten Säulen für ein gemeinsames Europa“, ist Jocelyne Lambert überzeugt. Der Austausch der Menschen sei das Wichtigste. Davon lebe auch die Partnerschaft zwischen Höxter und Corbie. Diese werde von Familien getragen. „Sie sind das solide Fundament. Die Freundschaft ist in den Familien verankert.“
Freundschaft prägte persönlichen Lebensweg
Für sie selbst haben die freundschaftlichen Bande zwischen den beiden Städten ihren eigenen Lebensweg geprägt: Als Schülerin im Rahmen der Partnerschaft erstmals in Höxter, schlug die gebürtige Französin später in der befreundeten Stadt an der Weser Wurzeln und gründete Familie. Vom Wohnort Brenkhausen aus hält die überzeugte Europäerin bis heute engen Kontakt in ihre Heimat und rettete die Verbindungen beider Städte auch über die Kontaktsperren der Corona-Zeit hinweg. Was lange währt, hält Durststrecken aus. So waren die Begegnungen und die gemeinsame Zeit auch jetzt wieder von herzerfrischendem familiärem Geist geprägt.
Diese Gemeinschaft – über Generationen und geographische Grenzen hinweg – stand in Corvey bei einem von Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek und Abbé Yves Delépine zelebrierten Gottesdienst eng zusammen. Pfarrdechant Krismanek führte die deutsch-französische Gemeinde in den Kirchenbänken gedanklich zu den frühen Wurzeln zurück: „Wenn wir auf die Verbindung zwischen Höxter und Corbie blicken, dann sehen wir, wie aus einem Kloster-Netzwerk des 9. Jahrhunderts vor über 60 Jahren eine lebendige Städtepartnerschaft geworden ist.“
Aus diesem Netzwerk ging einst Corvey hervor: Mönche aus der bedeutenden Benediktinerabtei im westfränkischen Corbie, der heutigen Partnerstadt Höxters, zogen auf Geheiß Kaiser Ludwigs des Frommen aus, um zur Missionierung der Sachsen ein Kloster zu gründen. Der Herrscher stellte den Ordensmännern nach einem gescheiterten ersten Versuch in Hethis, einem sagenumwobenen Ort im Solling, 822 fruchtbares Land in der Weseraue bei Höxter zur Verfügung.
Franken und Sachsen zu neuem Kulturraum verbunden
Am Ufer des Flusses begann am 25. September 822 das monastische Leben. Aus diesem Grund hat der erste Abt der Weserabtei, Adalhard (751/52 – 826), seinen Platz im Heiligenkalender des Erzbistums Paderborn. Der bedeutende Ordensmann – ein Spross des Karolingergeschlechts – verbinde Höxter und Corbie wie kaum ein zweiter, sagte Pfarrdechant Krismanek in seiner Predigt.

Im Chorgestühl erinnert diese Statue an den heiligen Adalhard, der vor genau 1200 Jahren – 826 – verstorben ist.
Seit 821 Abt von Corbie und seit 822 auch Abt von Corvey, sei Adalhard sicher ein Mann gewesen, der den Blick in die Weite hatte: „Er verband Corbeia antiqua, Corbie in Frankreich, mit Corbeia nova, dem heutigen Corvey. Er war im Sinne der Karolingischen Renaissance ein Brückenbauer, der dazu beitrug, dass sich Antike und Christentum, Franken und Sachsen zu einem neuen Kulturraum verbanden und aus diesem Kulturraum das heutige Europa entstehen konnte.“

Die Skulptur des als Apostel des Nordens verehren Heiligen steht in Corbie in der ehemaligen Abteikirche (links). In Höxter hat sie einen Platz in der großen Eingangshalle des nach ihm benannten St.-Ansgar-Krankenhauses.

An Ansgar (801 – 865), Mönch aus Corbie, Leiter der ersten Klosterschule in Corvey, Missionar in Dänemark und Schweden und erster Erzbischof von Hamburg und Bremen, erinnern in beiden Partnerstädten eine gleiche Skulptur.
Die Gäste aus Corbie hatten eine Ausstellung zu Adalhard – dem großen Gelehrten, einflussreichen karolingischer Politiker und Klostervorsteher – mit nach Höxter gebracht. In der Abteikirche Corvey erinnert eine der Statuen der Chorgestühl-Dorsalen an den 1024 heiliggesprochenen Gründerabt. Außerdem ist in einer Vitrine neben dem Eingang zur Marienkapelle eine Reliquie Adalhards ausgestellt. Deren Cedula (erklärende Beschriftung) stammt aus dem zehnten Jahrhundert.
Brücken bauen für ein vereintes Europa
Pfarrdechant Dr. Krismanek richtete im Gottesdienst mit den Gästen aus Corbie einen Wunsch an die versammelte Gemeinde: „Möge der Geist, der schon den heiligen Adalhard geleitet hat, auch uns heute die Kraft schenken, Brücken zu bauen, die halten – für unsere Städte, für unsere Länder und für ein gemeinsames Europa.“
Adalhard hätte sicher viel Freude daran, zu erleben, wie seine Vision eines gemeinsamen Kulturraums genau 1200 Jahre nach seinem Tod an beiden Orten des von ihm mitgeknüpften Klosternetzwerks auf eine so herzliche Weise mit Leben erfüllt wird.


