Einen flachen Karton in den Händen haltend, geht Dr. Holger Kempkens, Direktor des Diözesanmuseums Paderborn und Leiter der Fachstelle Kunst im Erzbischöflichen Generalvikariat, an einem Vormittag im Sommer in besonderer Mission auf die Welterbestätte Corvey zu.

Restauratorin Karen Keller nimmt eine Original-Handschrift aus dem Jahr 1697 in Augenschein. Der Kodex muss die Dauerausstellung in Corvey verlassen, weil er nicht dauerhaft dem Licht ausgesetzt sein darf. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht
Zusammen mit der Standortleiterin für das karolingische Westwerk und die barocke Abteikirche, Annika Pröbe, und der restauratorischen Fachbauleitung Karen Keller nimmt er zielstrebigen Schrittes Kurs auf die Dauerausstellung zum Jahrtausend der Mönche im Obergeschoss des Schlosses. Die letzte Wegstrecke absolvieren die drei unter den Augen großer Äbte und Fürstäbte des Weserklosters. Denn die Ausstellungsräume liegen am sogenannten Äbtegang, der diesen Namen trägt, weil barocke Gemälde an den Wänden bedeutende Klostervorsteher Corveys ins Bild setzen.
Initiiert wurde die Serie der Bildnisse von Fürstabt Florenz von dem Velde (amt. 1696 – 1714). Er hatte 1699 den Grundstein für den Neubau des barocken Konventgebäudes gelegt und beauftragte den Braunschweiger Hofmaler Tobias Querfurt damit, Porträts aller bisherigen Vorgänger anzufertigen.
Mit dem Ideengeber der berühmten Äbtegalerie machen die Gäste im Ausstellungsteil über das Goldene Zeitalter – die zweite Blütezeit des Klosters im Barock – über eine Hörstation Bekanntschaft. Florenz von dem Velde gerät mit zwei seiner Nachfolger als Corveyer Landesherren, Maximilian von Horrich (amt. 1714 – 1721) und Theodor von Brabeck (amt. 1776 – 1794), in ein fiktives Streitgespräch.
Vitrine zum Austausch eines Exponats geöffnet
Rings um die Audiostation herum gruppieren sich in dem Raum barockzeitliche Dalmatiken (liturgische Gewänder) und andere Exponate in Schaukästen. Auf eine der Vitrinen steuern Holger Kempkens, Annika Pröbe und Karen Keller an diesem Sommermorgen direkt zu. Der Museumsdirektor öffnet den mit einem Schloss gesicherten Schaukasten. Er enthält eine kostbare kolorierte Handschrift: das Gratulationsschreiben der Jesuiten des mit Corvey verbundenen Klosters Falkenhagen anlässlich der Erhebung Florenz von dem Veldes zum Fürstabt im Jahr 1697.

Dr. Holger Kempkens hat das eigens angefertigte, hochwertige Faksimile nach Corvey mitgebracht und gegen das Original getauscht.
Den Gästen präsentiert sich in der Vitrine die opulent gestaltete Titelseite. Diese zeigt Putten mit Füllhörnern, das Wappen des Beglückwünschten, Rosen und Lilien als Zeichen der Reinheit in fünf Emblemen sowie oberhalb der Mitte Helmzier mit den Insignien der geistlichen (Abtsstab, Mitra) und weltlichen Macht (Schwert).
Über dem Kranz aus Rosen ganz oben verkündet eine lateinische Aufschrift in Versalien, was im Innenteil zu lesen sein wird: eine „poesis inaugularis“, heißt: „Antrittsdichtung“ oder „Einführungsgedicht“.
Gastspiel endet nach zwei Jahren
Selbstverständlich sind die fast 330 Jahre ihres Bestehens nicht spurlos am Deckblatt und den Buchseiten vorübergegangen. Damit er nicht noch mehr leidet, darf der kostbare Kodex nicht dauerhaft dem Licht ausgesetzt werden. Deshalb gibt er sich in der im März 2024 eröffneten, neu konzipierten Dauerausstellung von nun an nicht mehr höchstselbst die Ehre. Dr. Kempkens nimmt die Handschrift nach zwei Jahren und vier Monaten mit nach Paderborn, „um sie ins lichtgeschützte Depot des Museums zurückzubringen“.

Ein kleiner Aufsteller weist darauf hin, dass das Original aus konservatorischen Gründen gegen eine Kopie ausgetauscht wurde. Direkt neben dem Faksimile zeigt die Ausstellung das Tagebuch des Fürstabts Florenz von dem Felde, in dem er auch politische Ereignisse, Kontakte und Besuche nüchtern und ohne persönliche Kommentare festhielt.
Mit leeren Händen ist der Direktor in dieser Mission aber nicht gekommen. Denn dem Karton entnimmt er einen „Zwilling“ – mit den gleichen Gebrauchsspuren wie das Original. Dieses Pendant, ein Faksimile, ist allerdings jünger und hat keinen Inhalt. Ein „potemkinsches Dorf“ in Buchform also. Der Zweck heiligt aber die Mittel: Denn dank des eigens angefertigten, qualitativ hochwertigen Faksimiles können sich die Gäste trotzdem von der prachtvollen Handschrift einen Eindruck verschaffen. Und den Innenteil hätten sie ohnehin nicht zu sehen bekommen.
Also bleibt in der Vitrine nach Augenschein alles wie gehabt. Anders ist nur das Zusatzschild: Dr. Kempkens macht den „Etikettenschwindel“, der natürlich keiner ist, mit diesem Aufsteller kenntlich. Die Gäste lesen darauf, dass die Original-Gratulationsschrift im Juli 2026 gegen dieses Faksimile ausgetauscht wurde.
Original behutsam für Transport verpackt
Nachdem die frappierend echt aussehende Kopie ihren Platz in der Vitrine eingenommen hat, wirft der Museumschef einen letzten prüfenden Blick darauf. Das Faksimile liegt gerade. Also dreht er den Schlüssel um. Restauratorin Karen Keller nimmt unterdessen das Original in Augenschein. Dann legt sie es behutsam in den Karton, der mit schützendem, polsterndem Papier ausgekleidet ist – damit die Kostbarkeit auf ihrem Transport ins dunkle Depot sicher und weich gebettet ist.
Während die Handschrift – aus gutem, konservatorischem Grund – die Heimreise antrat, bekommt ein anderes Exponat Verlängerung: Der Abtsstab des Florenz von dem Velde von 1702 sollte für zwei Jahre aus dem Paderborner Domschatz in die Ausstellung entliehen werden. Diese Zeit ist längst um. „Das Domkapitel hat eine Verlängerung der Leihfrist genehmigt“, kündigt Standortleiterin Annika Pröbe voller Freude an.

Holger Kempkens und Karen Keller freuen sich, dass der Abtsstab in die Verlängerung geht und noch in Corvey bleibt.
Der Abtsstab – geschaffen von dem Augsburger Goldschmied Johannes Faßnacht – gehört zu den herausragenden Exponaten des spektakulären Finales der neuen Dauerausstellung: Die barockzeitliche Festliturgie wird mit viel Pomp wie ein Gesamtkunstwerk inszeniert. Eine raumhohe Installation der Altartrias der Klosterkirche bildet die Kulisse.
Schutzpatrone kunstvoll in Szene gesetzt
An Florenz von dem Velde erinnert in diesem prachtvollen Kontext der Abtsstab in einer Vitrine. Er zeigt in der Krümme auf der einen Seite den heiligen Stephanus und auf der anderen, den Ausstellungsgästen nicht zugewandten Seite den heiligen Vitus. Der Abt hatte also beide Schutzpatrone dabei, wenn er sein Kloster bei festlichen Gottesdiensten, Prozessionen und Empfängen repräsentierte.
Zur Freude der Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus, deren Schätze ebenso wie Leihgaben des Erzbistums die Ausstellung prägen, geht das Heimspiel des kostbaren Abtsstabs nun in die Verlängerung.
