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Das Benediktinerstift Corvey erlebte gleich nach seiner Gründung 822 einen kometenhaften Aufstieg als Wallfahrtsort und auch als Ausgangspunkt erfolgreicher Missionsreisen. Mit ihrer Klosterschule, dem Skriptorium und der Bibliothek erblühte die Weserabtei im frühen Mittelalter aber auch sehr schnell zu einer Stätte der Gelehrsamkeit. An die ruhmreiche Strahlkraft als Bildungszentrum knüpft seit 2018 alljährlich im Spätsommer ein hochkarätiges Kunstfest an: „Via Nova“. Auch in diesem Jahr holt die Ideengeberin und künstlerische Leiterin Dr. Brigitte Labs-Ehlert eine Handschrift aus dem mittelalterlichen Skriptorium, jener großen geistigen Schatzkammer des Klosters, in die Gegenwart.

Jedes Jahr im Spätsommer strahlt die Welterbestätte Corvey am Weserbogen bei Höxter im Licht des hochkarätigen Kunstfestes Via Nova. Foto: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht

An drei Wochenenden – 28. bis 30. August, 4. bis 6. September sowie 11. bis 13. September – führt ein erstklassiges Programm mit Lesungen, Musik, Exkursionen und Staraufgebot die Gäste zur Welterbestätte am Weserstrand und auch an andere, mit Corvey verbundene Orte. Aus der bedeutenden klösterlichen Schreibstube hebt Brigitte Labs-Ehlert wieder einen wahren Schatz – so wie es bei vergangenen Auflagen ihres Festivals bereits der Fall war. 2019 beispielsweise stand der althochdeutsche Heliand im Mittelpunkt. Im 9. Jahrhundert in der Schreibstube des Klosters kopiert, erzählt dieses Großepos die Geschichte Jesu nach und „verlegt“ ihren Schauplatz ins Land der Sachsen. Weitere Via-Nova-Kunstfeste haben die Abschrift der berühmten Tacitus-Annalen, die die Varusschlacht im Teutoburger Wald lokalisieren, und den „Trost der Philosophie“ des spätantiken Philosophen Boethius impulsgebend ins Blickfeld gerückt. Zu letzterem hat der Corveyer Abt Bovo II. (reg. 900-916) der Nachwelt einen Kommentar hinterlassen.

Corveyer Mönch hält Lebensgeschichte bewundernd fest

Die jetzt bevorstehenden Festival-Wochenenden richten den Scheinwerfer auf eine Handschrift aus Corvey, die 1100 Jahre alt und „von erstaunlicher Lebendigkeit“ ist, sagt Dr. Labs-Ehlert: die Lebensgeschichte der ersten Gandersheimer Stiftsäbtissin Hathumod (840-874). Geschrieben hat sie der Corveyer Mönch Agius, ein bedeutender lateinischer Dichter. „Die Hathumod-Vita ist sein bekanntestes Werk und gilt als eines der ansprechendsten literarischen Werke des 9. Jahrhunderts“, erläutert die Kunstfest-Leiterin. Das besondere an seiner Lebensbeschreibung sei, dass sie keine im Nachhinein verfasste Biografie ist. „Agius war ein enger Vertrauter, Seelsorger und Berater der Stiftsdamen, er pflegte eine tiefe geistliche Verbindung zu Gandersheim.“

Während das Kunstfest Via Nova das mittelalterliche Skriptorium des Klosters anhand von Handschriften neu erblühen lässt, vermittelt die Filmprojektion auf der Glaswand zwischen Westwerk und Abteikirche mit den Mitteln moderner Medien einen Eindruck von der Produktivität der Mönche in der Schreibstube. Dieses Foto und auch das Beitragsbild zeigen jeweils einen Screenshot aus dem Film.

Bewundernd schrieb Agius, dass Hathumod „sowohl in ihren Worten als auch in ihren Taten gleich“ gewesen sei, „denn sie lehrte, was sie tat, und tat, was sie lehrte“. Sie habe „niemanden je beleidigt, niemanden verleumdet, niemanden beschimpft; vielmehr hat sie jeden nach seinem Verdienst entweder geliebt oder geehrt. … Innerhalb des Klosters nahm sie ihre Mahlzeiten nie an einem anderen Ort ein als dem gemeinsamen Speisesaal. In der Kirche zur Gebetszeit kam sie mit den anderen zusammen, entweder als erste oder unter den ersten, und ging als letzte. Auch schlief sie mit den anderen im selben Raum, ging als letzte zu Bett und stand als erste wieder auf. Dienerinnen im Kloster, die sie bei den anderen nicht haben wollte, hatte sie auch nicht bei sich selbst. … Was für andere schwer und lästig war, schien ihr durch Gewohnheit und die Fülle der Gottesliebe sehr angenehm und leicht. Sie bedachte, wer sie war, und was ihr Name bedeutete: dass man sie Mutter nannte und sie als Äbtissin begrüßte.“

Auf Hathumods Spuren in Bad Gandersheim

Mit diesen Original-Passagen aus Agius‘ Werk beschreibt das Via-Nova-Team die Äbtissin, der eine der Veranstaltungen der drei Wochenenden gewidmet ist: Die Schauspielerin Katharina Thalbach – eine der renommiertesten Charakterdarstellerinnen im deutschsprachigen Film und Theatergeschäft – wird in ihrer Exkursions-Lesung am Samstag, 29. August, um 11 Uhr in der Klosterkirche Brunshausen/Bad Gandersheim aus der Lebensgeschichte Hathumods berichten, ergänzt um Gedichte von Hilde Domin, die die zweite Preisträgerin des Roswitha-Preises war. „Bei beiden verbinden sich tiefe Menschlichkeit mit der Liebe zum Leben“, erläutert Dr. Labs-Ehlert.

Wie immer rundet Musik das Programm ab: Die Sänger vom Ensemble Graindelavoix bieten mit ihrem Programm „Ex nihilo“ Gesang jenseits der Ordnung der Dinge. Die weltbekannten Sänger um Björn Schmelzer präsentieren eine faszinierende Reihe von Motetten aus der Renaissance, die auf dem theologischen Konzept der „creatio ex nihilo“, der Schöpfung aus dem Nichts, basieren, wie es im Mysterium der Inkarnation, der Idee der Menschwerdung Gottes, zum Ausdruck kommt. Bekannte Stücke wie das wundervolle „Praeter rerum seriem“ von Josquin Desprez werden mit weniger bekannten Werken desselben Komponisten und nicht minder meisterhaften Beiträgen von Jacob Obrecht, Bernadino de Ribera und Giaches de Wert kombiniert.

Führungen durch den Hathumod-Garten und die Kloster- und Schlossanlage ergänzen das Programm. Die Veranstaltung ist eine Kooperation von Via Nova Kunstfest Corvey mit dem Portal zur Geschichte e. V., Klosterhof Brunshausen und Literaturhaus Bad Gandersheim e. V.

Staraufgebot von Martina Gedeck bis Ulrich Noethen

Alle drei Wochenenden umspannt ein gemeinsames Motto: „Tout Moun Se Moun“ („Jeder Mensch ist Mensch“). Es war der aufklärerische und emanzipatorische Leitspruch der haitianischen Revolution. „Wir sind alle gleich vor dem Gesetz, kein Menschenleben ist wichtiger als ein anderes.“

In seinen Lesungen, Konzerten und Dialogen erkundet das Kunstfest, so Brigitte Labs-Ehlert, aktuelle Fragen: Wie kann der Mensch in Zeiten von Krieg und ungewisser Zukunft menschlich bleiben? Wie kann eine Gesellschaft ein Leben in Würde für alle schaffen? „Diese Fragen stellen sich in der Gegenwart und der Vergangenheit und waren immer mit Freiheit, Aufbruch, einem Denken über alle Grenzen hinweg, mit Träumen, Phantasie und Staunen verbunden. Jede Epoche findet dafür einen entsprechenden Ausdruck.“

Dr. Brigitte Labs-Ehlert, Ideengeberin und künstlerische Leiterin des Kunstfestes Via Nova, gewinnt Jahr für Jahr Star-Schauspieler und -Musiker für das Festival im Welterbe Corvey. Foto: privat

Hinzugekommen in diesem Jahr sind neue Veranstaltungsformate. Neben Monologen und Dialogen, szenischen Lese-Theaterabenden mit Texten aus Briefen, Beschreibungen, Lyrik, Romanen und mit Musik aus unterschiedlichen Epochen, Genres und Weltgegenden gibt es erstmals Korrespondenzlesungen und drei Exkursionen zu mit Corvey verbundenen Stätten: dem Kloster Brunshausen bei Bad Gandersheim, dem Stift Fischbeck in Hessisch Oldendorf und dem ehemaligen Zisterzienserkloster Hardehausen bei Warburg.

„Wir freuen uns schon jetzt auf viele renommierte internationale Künstler, die zum Kunstfest kommen werden, darunter neben Katharina Thalbach die Schauspielerinnen und Schauspieler Martina Gedeck, Marina Galic, Barbara Nüsse, Andrea Sawatzki, Johanna Wokalek, Jens Harzer, Martin Wuttke, Ulrich Noethen, die Autorinnen und Autoren Anja Kampmann und Marcel Beyer sowie die Musikerinnen, Musiker, Sängerinnen, Sänger und Ensembles Alice Sara Ott, Michael Barenboim, Nils Mönkemeyer, Valer Sabadus, The Tallis Scholars, das Kronos Quartet und das Detmolder Kammerorchester.“

Laboratorium des forschenden Geistes

Das Kunstfest in Corvey genießt einen exzellenten Ruf. Dass auch das Programm für 2026 überzeugt, liest sich aus dem Grußwort der NRW-Kultur- und Wissenschaftsministerin Ina Brandes: Am Beispiel vor allem bedeutender Frauen aus unterschiedlichen Epochen führe das Via Nova Kunstfest „den Wert von Bildung und gesellschaftspolitischem Engagement als Ausdruck von Freiheit und persönlicher Verantwortung vor Augen“. Für die Generalsekretärin der Kunststiftung NRW, Andrea Firmenich, gehört der Hochkaräter zu einem der wichtigsten Ereignisse im kulturellen Leben in OWL. Das Kunstfest eröffne einen „Raum des gemeinsamen Nachdenkens über die drängenden Fragen unserer Zeit, der uns, seine Gäste, zur aktiven Teilhabe einlädt“. Denn Via Nova sei immer mehr als eine vorgefertigte Präsentation hochkarätiger Literatur und Musik. „Es ist ein Laboratorium des forschenden Geistes, in dem auch das Unerwartete dazugehört und Widersprüche willkommen sind.“

Für Andrea Firmenich ist es „ein staunenswertes Kunststück, dass sich das Festival jedes Jahr aufs Neue liebevoll und behutsam mit dem kulturellen Erbe des Klosters Corvey auseinandersetzt, indem es Corvey mit Literatur und Musik belebt“.

Das renommierte Festival zieht Jahr für Jahr um die 3000 Gäste aus dem gesamten Bundesgebiet nach Corvey. Auch jetzt rechnen die Veranstaltenden, Dr. Brigitte Labs-Ehlert und die von der Herzoglichen Familie von Ratibor getragene Kulturkreis Höxter-Corvey gGmbH, mit großem Interesse. Der Vorverkauf läuft. Karten können bestellt werden bei Thomas Trappmann, Telefon  05231/570150, per E-Mail unter vianova@corvey.de oder über www.corvey.de (mit Link zu den Bestellformularen).

Der Kaisersaal des Schlosses Corvey ist Schauplatz der Lesungen und Konzerte des Festivals Via Nova. Zu Exkursionen sind die Gäste aber auch eingeladen.

Das Programm im Überblick:

 

Freitag, 28. August, 17 Uhr, Schloss Corvey, Kaisersaal

Eröffnungsrede von Anja Kampmann, Ein Lied unter einem schwarzen Stern – von der Kraft des Erzählens“

Konzert: Elad Navon, Klarinette; Itai Navon, Klavier; Messiaen, Schumann, Mozart

Einführung: Brigitte Labs-Ehlert – „Tout Moun Se Moun“

20 €, inkl. Suppe, freie Platzwahl

 

Freitag, 28. August, 19.30 Uhr, Lesung und Konzert

Martin Wuttke: Anna Seghers „Die Hochzeit von Haiti“

Konzert: Kronos Quartet

Mit Pause

44 € / 38 € / 32 € Tageskarte 55 €/ 50 € inkl. Suppe

 

Samstag, 29. August, 11 Uhr Kirche und Klosterhof Brunshausen / Bad Gandersheim, Lesung, Konzert und Führungen

„Ein Feld flammender Blumen“

Katharina Thalbach: Agius, Das Leben der Äbtissin Hathumod, und Hilde Domin, Gedichte

Konzert: Ensemble Graindelavoix, Ex Nihilo

Ab 14.30 Uhr Führungen durch den Hathumod-Garten und die Kloster- und Schlossanlage

A 38 € / B 30 €, freie Platzwahl in den Kategorien

Mit Anmeldung: Bustransfer von und nach Corvey 10 €

Mit Anmeldung: Herzhaftes, vegetarisches, veganes Grill-Buffett im Klosterhof 20 €

 

Samstag, 29. August, 19.30 Uhr, Schloss Corvey, Kaisersaal, Lesung und Konzert

„Es pocht eine Sehnsucht an die Welt“

Andrea Sawatzki: Gertrud Kolmar, Verwandlungen; Simone Weil, Ich kann, also bin ich; Else Lasker-Schüler, Das blaue Klavier

Nils Mönkemeyer, Viola, William Youn, Klavier

Mit Pause

44 € / 38 € / 32 €, Tageskarte 75 € / 60 €

 

Sonntag, 30. August, 11 Uhr, Schloss Corvey, Kaisersaal, Korrespondenz-Lesung und Konzert

Einführung: Marcel Beyer

Michael Maertens: Jonas Mekas, Ich hatte keinen Ort / Die Semeniskiai-Idyllen

Konzert: Michael Barenboim, Violine, & Nasmé-Ensemble

Mit Pause

Eintritt: 44 € / 38 € / 32 €, gestaffelt nach den Kategorien A / B / C

das gesamte Wochenende 170 € / 145 €

 

Freitag, 4. September, 19.30 Uhr, Schloss Corvey, Kaisersaal, Inszenierte Lesung mit Musik

„Wir brauchen irgendein Morgen“

Martina Gedeck: Toni Morrison, Beloved

Nhlanhla Mahlangu, Tlale Makhene, Song and Dance Work: Beloved Concert 2026: Uraufführung

Mit Pause

44 € / 38 € / 32 €, Carte blanche

 

Samstag, 5. September, 11 Uhr, Stiftskirche Fischbeck, Lesung, Konzert und Führungen

„Und wärst du doch bei mir“

Marina Galic und Jens Harzer: Abaelard und Heloïse, Liebesbriefe

The Tallis Scholars: Inspired by Chant

Führungen durch die Stiftskirche und die Stiftsgärten. Der Wandteppich mit der berühmten Gründungslegende wird ebenfalls gezeigt.

Mit Anmeldung: Bustransfer von und nach Corvey 10 €

Mit Anmeldung: Imbiss zum Abschluss in der Südscheune 20 €

A 38 € / B 30 €, Hörplätze 20 €, freie Platzwahl in den Kategorien

 

Samstag, 5. September, 19.30 Uhr, Schloss Corvey, Kaisersaal, Lesung und Konzert

„So wühlt der Schmerz in mir“

Luise von Stein und Hanno Koffler: Requiem für eine romantische Frau, Die Geschichte von Auguste Bußmann und Clemens Brentano

Fabian Müller, Klavier

Mit Pause

44 € / 38 € / 32 €, Tageskarte 75 € / 60 €

 

Sonntag, 6. September, 11 Uhr, Schloss Corvey, Kaisersaal, Korrespondenz-Lesung und Konzert

„Wie kann man von Freude erzählen“

Einführung Nico Bleutge

Ulrich Noethen: Ursula K. Le Guin, Im Labyrinth

Alban Gerhardt, Cello, Markus Becker, Klavier

Mit Pause

44 € / 38 € / 32 €

das gesamte Wochenende 155 € / 130 €

 

Freitag, 11. September, 19.30 Uhr, Schloss Corvey, Kaisersaal, Inszenierte Lesung

„und ja ich sagte ja ich will Ja“

Barbara Nüsse: James Joyce, Penelope – Monolog der Molly Bloom

Musik: Hans P. Stroer

44 € / 38 € / 32 €, Carte blanche

 

Samstag,12. September, 11 Uhr, Kirche Hardehausen, Lesung, Konzert und Führungen

Wie geht das an, schöne Tochter?“

Constanze Becker: Christine de Pizan, Das Buch von der Stadt der Frauen

Ensemble „HfM-Percussion“

Detmolder Kammerorchester

Führungen durch die Kirche und die Klosteranlage.

Mit Anmeldung: Bustransfer von und nach Corvey 10 €

Mit Anmeldung: Speisen mit Vorspeise und Dessert 20 €

35 €, freie Platzwahl

 

Samstag, 12. September, 19.30 Uhr, Schloss Corvey, Kaisersaal, Lesung

„Seine und meine Seele gleichen sich“

Saskia Rosendahl: Emily Brontë, Sturmhöhe

Pause

Konzert

Alice Sara Ott, Klavier

44 € / 38 € / 32 €, Tageskarte 75 € / 70 €

 

 Sonntag, 13. September, 11 Uhr, Schloss Corvey, Kaisersaal, Lesung und Konzert

„Alles macht die Liebe mit der Stille“

Johanna Wokalek: An die fernen Geliebten. Gedichte und Miniaturen von Sujata Bhatt, Louise Labé, Ben Okri, Alejandra Pizarnik, Kae Tempest

SPARK und Valer Sabadus, Countertenor, Closer to Paradise – Sehnsucht als Klangerlebnis

Mit Pause

44 € / 38 € / 32 €

das gesamte Wochenende 155 / 140 €