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Vor 1190 Jahren sind die Reliquien des heiligen Vitus aus St. Denis bei Paris nach Corvey gekommen. War dieses Geschenk vielleicht auch politisch motiviert? Wer könnte der unbekannte Autor des Augenzeugenberichts über die triumphale Übertragung 836 gewesen sein? Auf diese spannenden Fragen – und auch auf die prominente Inszenierung des jugendlichen Märtyrers im barocken Gesamtkunstwerk der ehemaligen Abteikirche – richtete sich an einem Sommerabend vor dem Vitusfest das Interesse eines im besten Sinne wissbegierigen Publikums.

Annika Pröbe, Ideengeberin des neuen Formats „Begegnungsraum Kirche“, ist hocherfreut über die Resonanz der Premiere. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht

Die Gäste waren ins Welterbe gekommen, um eine Premiere mitzuerleben: Die Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus hat unter dem Leitwort „Räume, Zeichen, Symbole – Begegnungsraum Kirche“ ein neues Format für (sommer-)abendliche Führungen konzipiert. Der 1190. Jahrestag des Beginns der Vitus-Verehrung war ein guter Anlass, das Angebot auszurollen.

Über die Resonanz waren Annika Pröbe, Standortleitung für das karolingische Westwerk und die barocke Abteikirche, Dr. Holger Kempkens, Direktor des Erzbischöflichen Diözesanmuseums Paderborn, Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek und Domorganist Dominik Balduin angenehm überrascht. Ihre Spurensuche umspannte geistliche, historische, kunstgeschichtliche und kirchenmusikalische Impulse und vertiefte mit diesem Zusammenspiel die Verbundenheit der Menschen zu dem im Corveyer Land und an vielen Orten Europas verehrten Schutzpatron.

In der barocken Abteikirche schaut der Heilige an exponierten Positionen auf die Menschen in den Bänken herunter: Das Monument vor dem Nordseitenaltar setzt ihn ebenso wie die große Figur zwischen zwei vergoldeten, gedrehten Säulen neben dem Hochaltarbild imposant in Szene – zu erkennen an seiner Jugendlichkeit (der mutige Glaubenszeuge starb Anfang des vierten Jahrhunderts sehr jung) und den Attributen, die sich aus der Vitus-Legende erklären: dem Adler, dem Löwen und der Märtyrer-Palme.

Im Chorraum, dessen Größe sich aus dem Kirchenschiff heraus kaum erschließt, konnten die Gäste den prachtvollen Hochaltar mit den Schutzpatronen Vitus und Stephanus aus nächster Nähe betrachten. Mit den Referenten ergaben sich in dieser Runde genau so, wie sie es sich gewünscht hatten, angeregte Gespräche: initiiert von Hinweisen etwa auf die Darstellung des Schutzpatrons in römischer Militärkleidung. Markant zu sehen am großformatigen Gemälde an der Südwand des Chorraums.

Das Vitusmonument an der Nordseitenwand der Kirche steht direkt neben dem Reliquienschrank, der dem Schutzpatron ebenfalls gewidmet ist.

Buch als Zeichen der Gelehrsamkeit

Das Vitusmonument nahe dem Nordseitenaltar im Kirchenschiff zeigt den Heiligen, wie Dr. Kempkens erläuterte, in antikisierender Kleidung mit Gewand und Schnürstiefeln. Neben den einschlägigen Attributen hält er ein Buch als Zeichen für Gelehrsamkeit und Studium der Bibel in der Hand.

An der gleichen Wand beherbergt die ehemalige Abteikirche den prachtvollen barocken Reliquienschrank für Vitus – bekrönt mit einer Büste des jugendlichen Märtyrers. Im Dienst an der Symmetrie hat direkt gegenüber das „Pendant“ zu Ehren des Schutzpatrons Stephanus gestanden. Dieser Schrank musste dann aber der 1792 errichteten Marienkapelle weichen und hat heute, Ende der 1990er Jahre durchgreifend restauriert, einen ehrenvollen Platz in der neu konzipierten Dauerausstellung zum Jahrtausend der Mönche im Schloss.

Aus dieser Schau hatte Dr. Kempkens bei der abendlichen Kirchenführung auf Vitus‘ Spuren die Abbildung eines bis heute erhaltenen hölzernen Prozessionsschreins aus der Zeit um 1600 mitgebracht. Er beherbergte die Reliquien des heiligen Vitus und „eröffnet“ heute den neuzeitlichen Teil der Dauerausstellung im Äbtegang des Schlosses. Die Renaissance-Architektur besticht ebenso wie die Darstellungen von Szenen aus dem Leben des Heiligen.

Der Vitusschrein für die Prozession wird in einer Mauernische an der Südwand des Chorraums der Abteikirche aufbewahrt.

Was die Vitusverehrung angeht, erinnerte Dr. Kempkens auch daran, dass sie von der Benediktinerabtei am Weserstrand aus weiter gestrahlt hat – an Orte wie Prag, wo aus der Weitergabe von Reliquien des Corveyer Schutzpatrons letztendlich auch der gotische St.-Veits-Dom hervorgegangen ist. Aus den Erläuterungen des Museumsdirektors ergab sich aus dem Zuhörerkreis die Frage, wie viele sterbliche Überreste des jugendlichen Märtyrers im heutigen Welterbe bei Höxter noch erhalten sind. Dr. Kempkens berichtete, dass das Schulterblatt und weitere Reliquien noch vor Ort sind.

Prozession setzt Tradition fort

Am Sonntag, 21. Juni, werden sie für die Prozession nach dem Festhochamt (10 Uhr) in einen modernen hölzernen Schrein gelegt. Der Bittgang setzt eine mehr als 1000-jährige Tradition fort – und erinnert auch an die allererste Prozession, deren Weg und Zeitdauer sehr viel länger waren. 20 Tage waren die sterblichen Überreste im Jahr 836 vom Kloster St. Denis bei Paris an die Weser bei Höxter unterwegs.

Der aufsehenerregende Triumphzug – angeführt von Warin, dem zweiten Abt der jungen Abtei – ist von einem Augenzeugen schriftlich überliefert. Für die abendliche Führung im Begegnungsraum Kirche begab sich die Historikerin Annika Pröbe in den Quellen auf Spurensuche. Denn über den Autor des Translationsberichts ist kein Name bekannt. Das Quellenstudium legt aber nahe, so die Standortleiterin, dass der Verfasser ein Mönch war. Wie er den Auftrag, die feierliche Übertragung zu dokumentieren, sprachlich umsetzte, lässt Rückschlüsse auf seine wahrscheinliche Herkunft zu. Annika Pröbe geht davon aus, dass er kein Franke, sondern ein Sachse war.

Museumsdirektor Dr. Holger Kempkens kam mit den Gästen der abendlichen Führung ins Gespräch.

Wahrscheinlich hatte er zu den sächsischen Geiseln gehört, die zum Zweck der Bekehrung im damals angesehenen Kloster Corbie im Norden Frankreichs „festgesetzt“ wurden. Das Studium der Schrift und ein gottgeweihtes Ordensleben sollte sie bekehren und zugleich zu Boten ihres neuen Glaubens machen. Das scheint beim Verfasser der Translatio gelungen zu sein, sagt Annika Pröbe. Sie geht davon aus, dass er mit Adalhard und den ersten Mönchen zur Gründung des Klosters an die Weser gekommen – und dann zum Verfassen des Translationsberichts auserkoren worden ist.

Übertragung war auch politisch motiviert

Zur These, dass die Übertragung der Vitus-Reliquien auch politisch motiviert war, befragte die Standortleiterin ebenfalls die Quellen. Und kam zu der Erkenntnis: „Ja“. Denn Hilduin, Abt des Klosters St. Denis, war in ein Zerwürfnis mehrerer Fürsten mit Ludwig dem Frommen verstrickt. Der Klostervorsteher fiel in Ungnade beim Kaiser. Der Herrscher entband ihn von seinen Aufgaben und schickte ihn ins Exil nach Corvey. Dort bat Hilduin seinen „Amtskollegen“ Warin, bei Ludwig ein gutes Wort einzulegen. Die Fürsprache war mit dem Versprechen verbunden, der Weserabtei Vitus-Reliquien zu schenken.

Warins gutes Wort fand beim Kaiser Gehör. Abt Hilduin wurde 831 wieder in sein Amt eingeführt. Und löste die Zusage 836 ein. Für Corvey war dieser „Deal“ eine Punktlandung. Denn die Vitus-Verehrung begründete den kometenhaften Aufstieg der jungen Abtei zu einem bedeutenden Wallfahrtsort und Wirtschaftszentrum.

Dominik Balduin, hier mit Mitgliedern der von ihm gegründeten Schola Canta Voce, gestaltete die Führung mit. Beim Vitusfest am 21. Juni ist auch die Schola zu erleben.

Zu diesen Wurzeln führt das Vitusfest die Menschen Jahr für Jahr im Juni zurück. Bei der abendlichen Führung brachte Domorganist Dominik Baldiun die Spiritualität der liturgischen Feierlichkeiten zum Klingen, indem er die Melodie des Liedes „Vitus, unser Schutzpatron“ intonierte. Sie zog sich wie ein roter Faden durch sein Musikprogramm, mit dem er den Heiligen und Aspekte seines Wirkens trefflich zu charakterisieren vermochte.

Dass Vitus Schutzheiliger mehrerer handwerklicher Gewerke ist, griff der Vollblut-Organist auf, indem er die Vitus-Melodie mit dem Volkslied „Es klappert die Mühle“ verwob. Meditative Klänge ließen das einschlägige Kirchenlied auch immer wieder durchscheinen – so dass das Welterbe am Weserstrand erneut als ein besonderer Ort aufleuchtete, der große Geschichte und beständige Glaubenstiefe und Impulskraft vereint.