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Florale Ornamentbänder schmückten die Wände. Die korinthischen Kapitelle der Säulen des Quadrums waren bunt gefasst. Das verraten Farbpigmente auf dem kunstvoll behauenen Wesersandstein und zaghaft erhaltene Teile eines Wandfrieses. Während im Erdgeschoss des karolingischen Westwerks Vorstellungskraft gefragt ist, erwacht die farbenfrohe, frühmittelalterliche Innenarchitektur im Johanneschor zu neuem Leben – nicht an den Wänden, versteht sich, sondern virtuell. Für diese digitale Renaissance hat Annika Pröbe, Standortleitung für das Westwerk und die barocke Abteikirche, jetzt Schülerinnen und Schüler aus Gronau, Landkreis Hildesheim, begeistert.

Die Vorzeichnungen für lebensgroße Stuckfiguren haben die jungen Gäste aus Gronau an der Leine beeindruckt. Später sahen sie auf dem Tablet-Bildschirm die Plastiken aus der Wand wachsen. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht

Die zwölf Achtklässler besuchen die Kooperative Gesamtschule in Gronau und unternahmen an einem Tag im Mai eine Exkursion ins Mittelalter – in die ehemalige Benediktinerabtei und heutige Welterbestätte am Weserstrand und die vom Kloster begründete, nur einen Steinwurf weit entfernte und 1265 wüst gefallene Stadt Corvey. Sehr erfreut über die jungen Gäste baute Annika Pröbe einen Spannungsbogen auf – ließ die Schülerinnen und Schüler bereits draußen in der Vorhalle am Portal des Westwerks wie Detektive auf Spurensuche nach roten und grünen Farbresten aus dem frühen Mittelalter gehen.

Steinmetze haben von Feinarbeit Abstand genommen

Drinnen richteten sie und die Schülerinnen und Schüler den Blick hinauf zum Kapitell einer der vier Säulen. Nur an einer Seite sind die antikisierenden Akanthusranken filigran ausgestaltet. Von dieser Feinarbeit haben die Steinmetze dann aber wohl offensichtlich rasch Abstand genommen. Warum, bleibt ungewiss, erzählte Annika Pröbe.

Oben im Johanneschor teilte sie dann nicht gleich die Tablets mit der Augmented-Reality-App aus, sondern nahm die Gruppe zunächst mit zu der berühmten, von den Mönchen christlich umgedeuteten Odysseus-Szene an der Nordwand unter der Westempore sowie zu weiteren, zaghaft erhaltenen Meeresmotiven. Die Vorzeichnungen für Stuckfiguren – die einzigen Großplastiken, die aus karolingischer Zeit nördlich der Alpen nachgewiesen wurden – waren dann eine gute Steilvorlage für die Tablets. Denn auf dem Bildschirm wachsen die Figuren, von denen es Stuckfragmente gibt, in einer fesselnden Animation regelrecht aus der Wand. Die jungen Gäste aus Gronau sahen gebannt dabei zu.

Mit dem Tablet auf Zeitreise ins Mittelalter: Die Schülerinnen und Schüler aus Gronau waren beeindruckt.

Dann erwachte auf ihren Bildschirmen das Dekorsystem dieses Sakralraums – ein regelrechtes Feuerwerk aus Formen und Farben – zum Leben. „Dass der Raum so bunt ausgestaltet war, hätte ich mir nicht vorstellen können“, war der 13-jährige Jakob ganz begeistert. „Durch die Tablets kann man es sehr gut sehen.“

Lisa (14) und Amelie (13) gerieten über die modernen digitalen Tools ebenfalls ins Schwärmen: „Man kann die Zeit vor über 1000 Jahren miterleben und sich hineinversetzen, wie es damals hier in Corvey ausgesehen hat.“ Insgesamt waren Jakob und die beiden Mitschülerinnen erstaunt darüber, dass so viel Bausubstanz aus frühmittelalterlicher Zeit trotz der Kriege im Lauf der Jahrhunderte bis heute erhalten geblieben ist.

Goldschrift fasziniert Schülerinnen und Schüler

Zu diesen kostbaren Zeitzeugnissen gehört auch die berühmte Inschriftentafel aus der Gründungszeit des Klosters, die Annika Pröbe den Schülerinnen und Schülern stolz im Johanneschor zeigte. Die Jugendlichen waren fasziniert von dem Gedanken, dass vergoldete Buchstaben als Inlets vom Segenswunsch der Mönche für ihren Klosterbezirk weithin kündeten. Wo diese Buchstaben geblieben sind, wollten die jungen Gäste sogleich auch wissen. Annika Pröbe berichtete, dass nicht sie, aber andere vergoldete Kupferbuchstaben aus der ersten Bauphase der Klosterkirche bei Ausgrabungen gefunden worden sind.

Zu sehen sind diese Buchstaben im ehemaligen Kapitelsaal. Dort beginnt die neue Dauerausstellung über das Jahrtausend der Mönche. Annika Pröbe nahm die Gruppe mit in diesen ersten Ausstellungsraum, wo die Schülerinnen und Schüler das Buchstaben-Plotting der Inschriftentafel wie einen Werkprozess erleben konnten.

Begeistert „verließen“ sie und ihre beiden Lehrer das Corvey des Mittelalters – nicht ohne noch einen Blick in die ehemalige Abteikirche zu werfen. Die barocke Pracht wollten die Achtklässler ebenfalls sehen – bevor es dann zum zweiten Highlight des Tages weiterging: Stadtarchäologe Ralf Mahytka nahm die Schülergruppe mit in die versunkene mittelalterliche Stadt Corvey, die 55 Hektar groß war und deren Fundamente noch heute im Boden schlummern. Seit der Landesgartenschau 2023 sind markante Bauten wie die Marktkirche und das Haus des Chirurgen von der Weser im Originalgrundriss nachgezeichnet und auch virtuell erlebbar. Augmented Reality macht es möglich, dass die Besucher mit dem Tablet oder Handy nicht nur vor der Marktkirche stehen, sondern auch hineingehen können.

Amelie, Lisa und Jakob sind beeindruckt, dass sich aus karolingischer Zeit so viel erhalten hat in Covrey.

„Spaziergang“ durch eine versunkene Stadt

Ralf Mahytka nahm die Gruppe mit zu diesem spannenden und lehrreichen „Stadtrundgang“. Der Archäologe hat im Landesgartenschau-Jahr unter den Augen und mit tatkräftiger Unterstützung vieler Gäste den Keller des Metzgers der versunkenen Stadt freigelegt. Auch jetzt ist wieder eine Grabung vorgesehen.

Beim Besuch der Schülerinnen und Schüler aus Gronau spielte leider das Wetter nicht mit. Es war kalt und ungemütlich. Im Verlauf des Vormittags ließ aber wenigstens der Regen nach.

Rückkehr in vertraute Gefilde

Für Lehrer Timo Stiehl führte die Exkursion an einen vertrauten Ort. Er war von 2012 bis 2014 Referendar im König-Wilhelm-Gymnasium (KWG) gewesen und hatte sich mit seiner Geschichts-AG der Jahrgänge 7 und 9 in die Welterbe-Bewerbung Corveys eingebracht. „Wir haben eine Denkmal-Rallye erarbeitet, die im Welterbeantrag eigentlich auch eine Erwähnung gefunden haben sollte“, berichtet der Pädagoge.

Lehrer Timo Stiehl (rechts) kennt Corvey aus seiner Zeit als Referendar am König-Wilhelm-Gymnasium.

Die Recherchen für die Rallye führten die zehn Schülerinnen und Schüler der AG „in jeden Winkel“ der einstigen Reichsabtei. Und eines schönen Tages sogar hinauf aufs Kirchendach. Den als Bodendenkmal erhaltenen mittelalterlichen Klosterbezirk, die Civitas, bezog die Gruppe in ihr Konzept für die Entdeckertour ebenfalls ein. Stadtarchivar Michael Koch, Ralf Mahytkas Vorgänger Andreas König, der damalige Stadt-Denkmalpfleger Henning Fischer, die frühere Museumsleiterin Dr. Claudia Konrad und Ludger Eilebrecht als amtierender Pfarrdechant standen der Geschichts-AG bei ihrer Projektarbeit unterstützend zur Seite.

Lehrer Timo Stiehl hat diese besondere Zeit – den Endspurt auf dem Weg zum Welterbe – lebhaft in Erinnerung. Und kehrte jetzt mit seinen Gronauer Schülern entsprechend gern ins Kloster am Weserstrand und in die versunkene Stadt Corvey zurück. „Es sehr schön, dass ich wieder Projekte an meiner Schule, der KGS Gronau, in Corvey durchführen und den wichtigen Aspekt der Regionalgeschichte in den Unterricht integrieren kann“, resümiert der Pädagoge. Dank seiner Initiative hat das Welterbe neue junge Freunde hinzugewonnen.