Das österliche Triduum hat in der Welterbestätte Corvey zum zweiten Mal mit seiner zeitgemäßen Gestaltung die Herzen vieler Menschen erreicht. Licht, Musik, Symbole und Impulse führten die Gäste an Gründonnerstag, Karfreitag und in der Osternacht zum Urgrund des christlichen Glaubens. In der Verbundenheit einer Weggemeinschaft haben sie Jesus zum Kreuz begleitet, um schließlich seine Auferstehung zu erleben und den Sieg des Lebens über den Tod zu feiern. Aus Corvey geht von Ostern 2026 eine starke Botschaft aus: „Wir alle sind eingeladen, uns vom Osterlicht erhellen zu lassen und dieses Licht weiterzureichen.“

Ostern erleben in Corvey: Das Triduum hat nach 2025 zum zweiten Mal eine große Weggemeinschaft nach Corvey geführt. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht
Die Benediktinerabtei bei Höxter war für den christlichen Glauben in der Region eine Keimzelle. Denn die Gründermönche aus Corbie schufen am Strand der Weser einen neuen Stützpunkt. Das karolingische Westwerk kündet noch heute, 1200 Jahre später, von dieser großen Pionierleistung im Dienst der Verkündigung.
Das Kloster trug dank seiner strahlkräftigen Missionstätigkeit zur Entstehung des christlichen Europas bei und lädt seither beständig zu Liturgie, Gebet und Einkehr ein. Daher ist es doppelt ergreifend, wenn vor dem Westwerk das Osterfeuer nicht nur die Nacht, sondern auch ein frühes christliches Missionszentrum erhellt. Das Triduum 2026 führte zum Urgrund des Glaubens selbst und zu einer seiner Wurzeln in der Region.
Liturgie ohne Substanzverlust modern gestaltet
Außerdem schloss sich an diesen heiligen drei Tagen noch ein weiterer Kreis: So wie die Mönche bis hin zur Architektur und Ausgestaltung des Westwerks zu innovativen Mitteln gegriffen hatten, gestaltete sich das österliche Triduum modern. Gemeindereferent Carsten Sperling, Pastor Thomas Nal, die Musikgruppe mit Yvonne Sperling, Franziska Dumke (Gesang) und Dominik Balduin (Piano) sowie die Lektorinnen Maria Multhaup und Hiltrud Vornholt haben an einem Ort mit langer Gebetstradition gezeigt, dass eine zeitgemäße Liturgie auch am Höhepunkt des Kirchenjahres ohne Substanzverlust möglich ist. Ehrwürdige Riten, große Symbole und elementare Botschaften aus der Heiligen Schrift behielten Würde und Tiefgang. Ins Heute übersetzt, bekamen die Menschen zur großen Bedeutung der Symbolik dieser Tage und zum Heilsgeschehen der Auferstehung einen besseren Zugang. Das ist es, was die Gäste an den Feierlichkeiten in Corvey geschätzt haben, wie zahlreichen Rückmeldungen zu entnehmen war.
Eine augenfällige Brücke in die Gegenwart – die Beleuchtung – berührte die Gäste am Gründonnerstag direkt beim Betreten des Johanneschores. Das Team um Pastor Nal und Gemeindereferent Sperling hatte die Emporenkirche in ein mehrfarbiges, stimmungsvolles Licht getaucht und den Altar um einen festlich geschmückten Abendmahlstisch erweitert – einladend und mit den Symbolen gedeckt, die an die Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten erinnern. Auch Brot und Wein standen für das Paschamahl bereit. Jesus feierte es mit seinen Jüngern, bevor er seinen Leidensweg antrat.
Im Johanneschor wurde dieses letzte Abendmahl ebenso gegenwärtig wie der Auftrag, den der Gottessohn den Jüngern gab und der seine Bestandskraft bis heute weltweit erhalten hat: Jesus teilte Brot und Wein, sagte, dass sie sein Leib und sein Brot sind, und fügte hinzu: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“

Pastor Thomas Nal erläuterte die Symbole, die an die Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten erinnern.
Pastor Thomas Nal ordnete diesen wegweisenden Augenblick der Heilsgeschichte als Einsetzung der Eucharistie ein: „Aufgrund dieses Auftrags feiern wir jetzt – und immer wieder – dieses Mahl, in dem sich Jesus mit seinem Leib und seinem Blut an uns verschenkt, damit wir seine Liebe als Lebenskraft in uns haben.“ Und auch das neue Gebot, das Jesus den Jüngern am Abendmahlstisch mitgab, wurde in Corvey gegenwärtig: „Liebt einander. Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. (…) Glauben, Hoffnung und Liebe sollt ihr in euch haben, am größten unter ihnen aber ist die Liebe.“
In Gedanken mit Jesus am Ölberg
Die Zeichen, die Jesus im Abendmahlssaal setze, „sprechen von seiner dienenden Hingabe und auch von dem, was ihm später am Kreuz geschieht“: Im Bewusstsein dessen, was Carsten Sperling und Thomas Nal ins Wort und die Musikgruppe zum Klingen gebracht hatten, gingen die Gäste am Gründonnerstag auseinander. Den Karfreitag hatten sie vor Augen. Und waren in Gedanken bei Jesus am Ölberg, wo er seinem Leiden voller Angst entgegenblickte und schließlich verraten und verhaftet wurde.
Die Karfreitagsliturgie in der ehemaligen Abteikirche stellte die letzten sieben Worten Christi am Kreuz in den Mittelpunkt. Streiflichtartig, aber trotzdem eindringlich knüpfte Gemeindereferent Carsten Sperling zunächst an die Nacht mit der Festnahme, den Verhören und schließlich dem Todesurteil an.
Dann begleitete die Corveyer Weggemeinschaft Christus nach Golgatha. „Wir hören auf sieben Sätze“, sagte Carsten Sperling. „Sie sind wie Fenster in diese Stunde. Manche sind leise. Manche sind ein Schrei. Und jedes Wort bekommt Raum – in Stille, in Musik, in einem Zeichen.“
Das erste der sieben Worte steht für Vergebung (Lukas 23, 34): „Sie kamen zur Schädelhöhe; dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den anderen links. Jesus aber betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Vergebung sei kein Wegsehen, so die Corveyer Deutung, sondern ein „Widerstand gegen das, was Menschen zerstört.“
Weiter ging es mit der Bitte eines Verbrechers, der neben Jesus am Kreuz hängt (Lukas 23,43), und einer Zusage des Gottessohns: „Jesus, denk an mich, wenn du in deiner Macht als König kommst! Jesus erwiderte ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“
Gemeinschaft ist hier Verantwortung
Das dritte Wort richtet den Blick auf die Gottesmutter Maria (Johannes 19,26–27): Jesus vertraut sie dem Jünger, den er liebte, an. Am Kreuz ordne Jesus nicht Dinge, sondern Menschen, deutete Carsten Sperling diese Geste. „Er sieht die, die bleiben. Und er stiftet Nähe, wo Einsamkeit droht. Gemeinschaft ist hier keine Stimmung. Sie ist Verantwortung: füreinander da sein – im Dunkel.“
Dann der verzweifelte Ausruf Jesu: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46/Markus 15,34). Hier zeige sich, dass Christus die Ferne kenne und auch das Gefühl: „Gott ist weg.“ Und doch rufe er: „Mein Gott.“ „Vielleicht ist das der schmale Faden des Glaubens: dass der Schrei nicht ins Nichts fällt.“ Dem Gefühl der Verlassenheit haben Carsten Sperling und Thomas Nal an diesem Karfreitag bewusst Raum gegeben.
Das nächste Jesus-Wort, „Mich dürstet“ (Johannes 19,28), stellten sie in einen Zusammenhang mit unserem eigenen Durst nach Leben, nach Nähe, nach Sinn. „Karfreitag erlaubt, dass wir das nicht überspielen. Gott hält auch unsere Leere aus.“
Vollendung zeige sich in dem sechsten der sieben Kreuzesworte: „Es ist vollbracht.“ (Johannes 19, 30). „Die Liebe ist bis zum Ende gegangen. Nicht schön. Aber wahr.“
Vor seinem Tod ruft Jesus dann voll Vertrauen aus: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lukas 23, 46). „Am Ende steht nicht Kontrolle, sondern Hingabe. Jesus hält sein Leben nicht fest. Er gibt es ab. Er legt es in Hände – in Gottes Hände.“
Wir bleiben am Kreuz. Hier in Corvey. Und knien in Stille nieder.
Das waren seine letzten Worte. „Er ist gestorben. Wir bleiben am Kreuz. Hier in Corvey. Und knien in Stille nieder.“
Als die Menschen dies taten, legten sie Blumen am Kreuz nieder, sodass Ostern schon ein wenig durchschimmerte an diesem dunklen Tag. Angeregt durch die Fürbitten schloss die große Weggemeinschaft viele Menschen in ihr Gebet ein: all jene, denen Unrecht geschieht, die sich alleine fühlen, die keine Zukunft mehr sehen und die in Angst, Krieg, Trauer oder Krankheit leben.

Yvonne Sperling, Franziska Dumke und Dominik Balduin berührten die Gäste an den heiligen drei Tagen mit ihrer Musik.
Möge das Kreuz Christi zu dem werden, als das es sich an Ostern erweist: einem Zeichen der Hoffnung. Denn nicht der Tod Christi hat das letzte Wort, sondern die Auferstehung.
Dieser große Sieg des Lebens über den Tod ist auch in Corvey in der Lichtsymbolik der Osternacht gegenwärtig geworden. Denn an diesem gottgeweihten Ort loderten draußen nicht nur die Flammen des Osterfeuers. In der Kirche leuchtete ein großes Kreuz im Schein vieler Kerzen. Der Längsbalken ist zweigeteilt, um Platz für die Osterkerze zu lassen. Pastor Nal entzündete sie am Osterfeuer, brachte sie in die Kirche und platzierte sie in der Mitte des Kreuzes.
„Christus ist glorreich vom Tode erstanden. Sein Licht vertreibt die Dunkelheit der Welt und die Dunkelheit unserer Herzen“: In dieser österlichen Freude berührten sich, was Yvonne Sperling, Franziska Dumke und Dominik Balduin im „Gloria“ intonierten, in Corvey Himmel und Erde.
Ostern beginnt mit einer Verlusterfahrung
Das Evangelium führte die Gemeinde zusammen mit Maria von Magdala ans leere Grab (Johannes 20, 1-18). Sie ist die erste Auferstehungszeugin, deutet das Fehlen des Leichnams aber verständlicherweise nicht direkt so, sondern empfindet es als Verlust. „So beginnt Ostern“, erläuterte Pastor Nal in seiner Predigt. „Ostern beginnt mit der Erfahrung: Du fehlst!“ Durch den Tod selbst und jetzt auch noch im Grab. Dieses Vermissen führe dann aber in den Osterglauben – in die Begegnung mit dem Auferstandenen – hinein.
Maria von Magdala erlebt diese Begegnung. Sie geht zu den Jüngern und verkündet, dass sie den Herrn gesehen hat. Und so bekräftigten die Menschen auch jetzt, in der Osternacht 2026, an einem besonderen Ort des Glaubens die große Hoffnung, die von Jesu Auferstehung ausgeht: „Herr Jesus Christus, in deiner Auferstehung schenkst du uns neue Zuversicht. Auf dich setzen wir unser Vertrauen.“
Die Tiefe des Auferstehungsglaubens bündelte sich in einer Geste mit eindringlicher Symbolik: Firmbewerber und junge Malteser trugen das Leinentuch aus dem Grab Jesu Christi in die Kirche und legten es für die Gabenbereitung auf den Altar. „So wurde aus dem Zeichen des Todes der Tisch des Lebens.“
Dieser Sieg des Lebens hat vor mehr als 1200 Jahren die Mönche aus Corbie zur Gründung eines neuen Klosters beseelt und ermutigt. Dass die entscheidenden Tage des Kirchenjahres nach der Premiere 2025 auch jetzt wieder so viele Menschen in Christus zusammengeführt haben, lässt Corvey als Ort des Glaubens hell erstrahlen.





