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Exponate zur „Frischzellenkur“ verreist

By 29. April 2022Juni 17th, 2023No Comments

Sie sind verreist, um restauriert zu werden und nach dieser „Frischzellenkur“ am angestammten Platz wieder aus Corveys glanzvoller barocker Klostergeschichte zu erzählen: Kostbare Exponate der Dauerausstellung im südöstlichen Flügel des Schlosses werden die nächsten Wochen und Monate in Fachwerkstätten verbringen. Einen Relaunch erfahren aber nicht nur sie. Die ständige Ausstellung, der die jahrhundertealten Paramente, Büsten und liturgischen Gegenstände aus dem Besitz der Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus angehören, wird unter der Ägide von Professor Dr. Christoph Stiegemann neu und zeitgemäß inszeniert. Er wird dabei von der Kunsthistorikerin Dr. Anne Veltrup aus Münster maßgeblich unterstützt.

Dorothee Brück (2. von rechts) und Carmen Markert (Mitte) restaurieren die Exponate aus der Dauerausstellung. Diese Kesselpauken werden Teil der neukonzeptionierten Präsentation sein. Beim Verpacken und Abtransportieren halfen Nicole Thörner (links, ebenfalls Restauratorin) und Vitali Maul (Transportunternehmer). Karen Keller (rechts, restauratorische Fachbauleitung für das karolingische Westwerk Corvey und Koordinatorin der Restaurierungsmaßnahme der Exponate für die Dauerausstellung), kam mit ihren Kolleginnen ins Gespräch. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht

In den vier Ausstellungsräumen im Äbtegang herrschte an einem sonnigen Vormittag Ende April geschäftige Betriebsamkeit: Restauratoren verschiedener Disziplinen waren angereist, um die aufzuarbeitenden Exponate vorsichtig aus den Vitrinen zu nehmen, zu verpacken und zum Transport in ihre Werkstätten „reisefertig“ zu machen. Carmen Markert aus Hannover ist auf Textilien spezialisiert. Sie restauriert den prachtvollen roten Ornat des Fürstabts Maximilian von Horrich aus der Zeit um 1720 mit Chormantel, Kasel und Dalmatik. Weitere liturgische Gewänder in Weiß und Gold, etwa 250 Jahre alt, hat die Fachfrau ebenfalls mitgenommen. Die beiden Dalmatiken und der Chormantel waren in der Sakristei eingelagert und werden demnächst zur Dauerausstellung gehören.

Kostbare Gewänder vor Ort begutachtet

Carmen Markert nahm die beiden Dalmatiken, bevor sie sie in der Sakristei verpackte, fachmännisch in Augenschein. Schon auf den ersten Blick zeigte sich, dass der Seidensamt in vielen Partien nicht mehr da ist. „Man sieht nur noch das Grundgewebe.“ Durch die Vergrößerungsgläser der Stirnlupe offenbarten sich Risse und Stopfstellen. Auch sie künden davon, dass diese Gewänder lange in Gebrauch waren.

Die Spuren der Zeit wird die Restaurierung nicht tilgen. Beispiel: Seidensamt. „Wir können den fehlenden Seidenflor nicht ergänzen“, erläutert die Restauratorin. Darum geht es auch nicht. Ziel ist der Substanzerhalt. Daher wird Carmen Markert das Grundgewebe, sobald es einen Riss hat, sichern. Dazu setzt sie eine spezielle Nähtechnik ein. Zuvor jedoch nimmt sie sowohl bei den roten, als auch bei den weiß-goldenen Paramenten eine Oberflächenreinigung vor. In ihre Werkstatt mitgenommen hat die Textilrestauratorin auch eine Mitra aus dem 15. Jahrhundert, eine Mitra aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sowie eine ebenfalls aus dieser Zeit stammende Fahne aus Seide mit Goldborte.

Carmen Markert (von links), Vitali Maul (Transportunternehmen), Dorothee Brück und Nicole Thörner (ebenfalls Restauratorin) bereiten eine der Kesselpauken für den Transport vor.

Zeitgleich mit diesen Kostbarkeiten verließ auch die barocke Reliquienbüste des Schutzheiligen Stephanus ihre Vitrine in den Ausstellungsräumen am Äbtegang, etwas später wird die des heiligen Vitus folgen. Sie fallen in das Ressort der Paderborner Restauratorin und Goldschmiedin Dorothee Brück. Die Fachfrau wird bei den teilweise vergoldeten Silberbüsten die verschmutzten Oberflächen schonend reinigen und unsachgemäß eingebrachte Schrauben erneuern. „Wichtig ist, dass man Fachkenntnis einbringt und die richtigen Arbeitstechniken anwendet, damit gerade die Vergoldungen und fragile Teile keinen Schaden nehmen“, erläutert Dorothee Brück.

Stephanusbüste in der Werkstatt

Bei den Büsten der Kirchenpatrone hat sie die ungünstige Kombination unterschiedlicher Metalle entdeckt. Im Innern der Vitusbüste, dem Reliquienraum, sind beispielsweise Häkchen aus Eisen verwendet worden. Davon kann, so die Restauratorin, das Silber langfristig Schaden nehmen. In ihrer Werkstatt wird sie eventuelle Schäden begutachten und sorgsam abwägen, was zu tun ist.

Dorothee Brück neben der Vitusbüste. Das kostbare Exponat wird in einigen Wochen in die Werkstatt der Restauratorin nach Paderborn umziehen.

Die Folgen der Materialkombination lassen sich an zwei Kesselpauken besichtigen, die ein Schattendasein im Depot geführt hatten und nun ebenfalls zur Restaurierung „verreist“ sind. Eisenteile auf Kupfer haben Roststellen verursacht. Bei den arg in Mitleidenschaft gezogenen Kesselpauken arbeiten die Metall- und die Textilrestauratorin interdisziplinär zusammen. Denn die halbkugeligen Kessel tragen allerlei Zierrat aus rot-weiß gemustertem Quastenbehang. Diesen nimmt sich Carmen Markert ebenso vor wie das deformierte, brüchige und gerissene Pergament der Trommelfelle und die lederne Ummantelung des Ringes, auf dem jede der beiden Kesselpauken ruht. Der Ring ist jeweils Teil eines Dreibein-Gestells. „Ich reinige und fixiere das Leder.“ Das lockere Bein eines der beiden Gestelle ist dann schon wieder Dorothee Brücks Part. Die Metallrestauratorin hat mit den Kesselpauken angesichts des desolaten Zustands alle Hände voll zu tun.

Kesselpauken bereichern Ausstellung

Sie werden demnächst in der neuen Dauerausstellung von dem erzählen, was Professor Stiegemann und Dr. Anne Veltrup mit Hilfe moderner Medien fulminant inszenieren wollen: einen prachtvollen barocken Gottesdienst. Zu diesem Gesamtkunstwerk gehörte auch die Musik und mit ihr die Paukenschläge der Kesselpauken.

Die rundumerneuerte Schau mit Leihgaben der Kirchengemeinde präsentiert „Das Jahrtausend der Mönche – Von der Gründung Corveys bis zum Goldenen Zeitalter“.  Die vier Räume am Äbtegang werden weiter der Barockzeit gewidmet sein. Zu den Exponaten, die jetzt aus ihren Vitrinen ausgezogen sind, gehören auch ein Weihrauchfass, ein Weihrauchschiffchen und eine Messpollen-Garnitur. Die Kulturstiftung der Länder fördert die Restaurierung zu zwei Dritteln. Ein Drittel trägt das Erzbistum Paderborn.

Die Kirchengemeinde bittet um Verständnis für die Abwesenheit der Ausstellungsstücke und freut sich auf ihre Rückkehr und Präsentation in einer attraktiven neuen Dauerausstellung. „Das Warten wird sich lohnen“, versprechen Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek und Professor Dr. Stiegemann.

Die Mittelalterabteilung im ehemaligen Kapitelsaal im Ostflügel-Erdgeschoss des Schlosses mit reichen Funden aus der ersten karolingischen Kirche und die Medienstation im Stillen Winkel mit vier Filmen zur Geschichte des Weserklosters von der Gründung bis zum Goldenen Zeitalter wird ab August 2023 für alle Besucherinnen und Besucher bereitstehen. Die Ausstellung zum „Goldenen Zeitalter“ nach dem Dreißigjährigen Krieg in vier Räumen des Ostflügels im Obergeschoss wird mit herausragenden barockzeitlichen Werken wie dem Vitus-Schrein aus dem Besitz der Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus sowie beeindruckenden Inszenierungen zum Saisonstart 2024 die umfassende Erneuerung der Präsentation abrunden.