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AKTUELLPresse

Mit Taschenlampen im dunklen Welterbe auf Entdeckertour

By 28. Januar 2026No Comments

St. Vitus auf seinem Postament am Seitenaltar, die Engel überall in der Kirche, der Spieltisch und der prachtvolle Prospekt der kostbaren Barockorgel, die mehr als 1000 Jahre alten Wandmalereien im Johanneschor des karolingischen Westwerks: Als auf diese und viele weitere Spots die Lichtkegel vieler Taschenlampen gerichtet waren, hatte die Herzkammer der ehemaligen Benediktinerabtei Corvey etwas Geheimnisvolles. Denn Kirche und Westwerk waren ansonsten stockdunkel.

Vitus auf seinem Postament im Schein der Taschenlampen: Marion Dinand (rechts) erzählte den kleinen Detektiven kindgerecht die Vituslegende. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht

Diese mystische Stimmung macht eine Erkundung für junge Entdecker umso spannender. Entsprechend erwartungsfroh und abenteuerlustig versammelten sich an einem Abend im Januar angehende Kommunionkinder des Pastoralverbunds Corvey vor der Doppelturmfassade des karolingischen Westwerks.

Taschenlampen-Führungen beliebt

Gemeindereferentin Marion Dinand nahm die fröhliche Schar mit hinein. Die Taschenlampenführungen im Westwerk und in der ehemaligen Abteikirche gehören seit vier Jahren schon zu den Angeboten der Erstkommunionvorbereitung des Pastoralverbunds Corvey. Sie erfreuen sich großer Beliebtheit. So hatten sich auch jetzt wieder mehr als 70 Mädchen und Jungen angemeldet, um das Flaggschiff unter den Kulturdenkmälern und Glaubensorten auf besondere Weise zu erkunden.

Auch den Johanneschor des karolingischen Westwerks erkundeten Henry und die anderen Kommunionkinder mit der Taschenlampe.


Das Westwerk im Modell: Auch bei den jungen Corvey-Entdeckern mit ihren Taschenlampen finden die Modelle im Johanneschor Interesse.

Marion Dinand teilt die Mädchen und Jungen an diesem kalten, aber sternenklaren Winterabend in drei Gruppen ein und führt sie nacheinander. Die vielen Taschenlampen richten sich draußen zuerst nach unten – auf die in den Boden vor dem Westwerk eingelassene Plakette. Sie kündet von der Welterbe-Anerkennung des Westwerks und des als Bodendenkmal erhaltenen mittelalterlichen Klosterbezirks, der Civitas, im Jahr 2014. Ein Kind liest vor, was auf der Plakette geschrieben steht. Angeregt von Marion Dinand stellt die Gruppe sich vor, wie maßgeblich das Kloster am Weserbogen die Stadt Höxter und die umliegenden Dörfer geprägt hat. Erstauntes Schweigen breitet sich aus.

In Windeseile gewinnt dann aber der Entdeckergeist wieder die Oberhand. Denn dieser wirkmächtige, gerade winterstille Ort will schließlich erkundet werden.

Säulen sehen viel jünger aus

Nichts wie hinein also ins Westwerk. „Könnt Ihr Euch vorstellen, dass diese Säulen mehr als 1000 Jahre alt sind?“ fragt Marion Dinand in der Erdgeschosshalle in die Runde. Den Scheinwerfer ihrer Taschenlampe richtet sie auf eines der karolingischen Kapitelle. Ein Junge schüttelt beim Blick hinauf sofort den Kopf. „Nein“, sagt er. „Das alles sieht viel neuer aus.“

Unvergessliche Momente in der winterstillen Kirche: Der Orgel einige Töne zu entlocken, war für die Kinder ein Highlight,

Sogleich läuft bei ihm und den anderen Kindern vor ihrem geistigen Auge ein fesselnder Film. Denn die Gemeindereferentin erzählt – umgeben von den vier Säulen – kindgerecht von den für die Blütezeit des Klosters im 9. bis 12. Jahrhundert bezeugten Herrscherbesuchen. Welch spannender Gedanke! Nicht nur auf den Spuren der Mönche unterwegs zu sein, sondern auch auf denen gekrönter Häupter.

Oben im Johanneschor lässt sich diese Geschichte fortsetzen. Die vielen Taschenlampen auf die Westempore gerichtet, stellen sich die Kinder anhand der Schilderungen von Marion Dinand bildlich vor, wie die Kaiser und Könige bei ihren Besuchen möglicherweise von dort oben die Gottesdienste in der karolingischen Basilika verfolgt haben.

Einmal am Spieltisch der Orgel sitzen

Das nächste Highlight folgt auf dem Fuße. Denn die Gemeindereferentin öffnet die Tür zur Orgelempore. Die Kinder folgen ihr, schauen gebannt ins Kirchenschiff hinunter, probieren die Reichweiten ihrer Taschenlampen aus und schaffen es sogar, das weit entfernte Hochaltarbild anzustrahlen. Dann dürfen sie der Orgel ein paar Töne entlocken. Ihr Klang erfüllt das Dunkel der Kirche mit der lebendigen Fröhlichkeit, die auch die Kinder selbst ausstrahlen – und die die Winterstille in Corvey mit Unbeschwertheit und magischen Momenten unterbricht.

Von der Orgelempore aus in die Kirche leuchten: Das fanden die Kinder grandios.

Marion Dinand flechtet in diese entdeckerfreudige Stimmungslage Glaubensinhalte ein. Erzählt vor dem Vitusmonument nahe dem Nordseitenaltar die Legende des Heiligen. Hinter der Chorschranke öffnet sie sogar die Wandnische mit dem Vitusschrein, der alljährlich im Juni anlässlich der Feierlichkeiten zu Ehren des Schutzpatrons die 836 nach Corvey übertragenen Reliquien des jugendlichen Märtyrers beherbergt.

Zuvor dürfen die Kinder sich im Kleingruppen aufteilen und überall in der Kirche die Engel zählen. Einige der Taschenlampen-Detektive kommen auf 70. Andere auf 200. „Der Legende nach sind es 365 – also für jeden Tag des Jahres einen“, löst Marion Dinand das Rätsel.

„Klappe halten“ stammt aus der Klosterzeit

Im Chorgestühl der Mönche, wo die Kinder Platz nehmen dürfen, hat sie auch eine interessante Geschichte für die Kinder: Das Sprichwort „Die Klappe halten“ stammt aus der klösterlichen Zeit. Denn die Sitze des Chorgestühls ließen sich umklappen. Wenn die Mönche sich nachts stehend zum Gebet versammelten, waren sie angehalten, die (Sitz-)Klappen festzuhalten.

Hinter der Chorschranke durften die Kinder in die Wandnische mit dem Vitusschrein schauen.

Nach Erkundung der Sakristei samt Empore mit den Hochalter-Bildern versammeln sich die Kinder mit ihren Taschenlampen vor dem Tabernakel mit dem Leib Christi. Nach einem gemeinsamen „Vater unser“ um den Altar herum verlassen sie die Kirche, die sie im mystischen Zauber der Dunkelheit, aber auch in ihrer Ausstrahlung als Ort des Glaubens erlebt haben.

Die besondere Entdeckungstour im Rahmen der Kommunionvorbereitung werden sie mit Sicherheit in Erinnerung behalten. Gemeindereferentin Marion Dinand hat für dieses Highlight in jedem Jahr immer viele Anmeldungen. Der Seelsorgeunterricht in den Grundschulen, gemeinsame Gottesdienste in St. Peter und Paul Höxter und eigenständige Projekte in den einzelnen Gemeinden runden das Programm auf dem Weg zur Erstkommunion ab. 115 Kinder bereiten sich in diesem Jahr auf das Sakrament vor. Das Motto heißt „Ihr seid meine Freunde“.  Viele der Mädchen und Jungen haben Krippenfeiern mitgestaltet und sich als Sternsinngerinnen und Sternsinger engagiert.

Im Welterbe am Weserbogen wurden aus angehenden Kommunionkindern Detektive mit Taschenlampen. Das Abenteuer mit seinen Highlights vom Orgelspiel bis zum Blick auf den Vitusschrein macht sie zu Botschaftern des unvergänglichen Corvey.