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Wer heute als Christin oder Christ leben will, muss es aus einer genuin religiösen Überzeugung heraus tun. Denn der gesellschaftliche „Kitt“ aus früherer Zeit, eine gemeinsame kulturelle Identität, fehlt inzwischen. Aus dieser Prägung heraus hatten sich dem Christentum immer auch Menschen zugehörig gefühlt, die man heute über das reine Bekenntnis wahrscheinlich nicht mehr erreicht. Auch weil „Abweichungen sich weniger leicht tolerieren lassen, wenn nur das Wesentliche zählt“. Dieses Dilemma des 21. Jahrhunderts – den Preis für die Freiheit pluralistischer, säkularer Gesellschaften – brachte Professor Dr. Dr. Andreas Koritensky, Lehrstuhlinhaber für Systematische Philosophie an der Theologischen Fakultät Paderborn, in Corvey als Quintessenz aus einer Zeitreise von der Antike bis zur Gegenwart ins Wort. „Wenn man sich diesen gesellschaftlichen Wandel bewusst macht, fällt leichter, kirchliches Leben für die Zukunft realistisch zu gestalten“, ist der Wissenschaftler überzeugt.

Zeitreise Corvey: Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek und die angehende Mediävistin Hannah Fischer danken dem Referenten des Abends, Professor Dr. Dr. Andreas Koritensky. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht

In der ehemaligen Benediktinerabtei Corvey – einem gottgeweihten Ort mit Welterbe-Status  – knüpfte der Abend mit dem promovierten Philosophen und Theologen an die elfteilige Erfolgs-Vortragsreihe aus dem Jubiläumsprogramm zum 1200-jährigen Bestehen des Weserklosters 2023 an. Die Neuauflage war nun mit zwei Premieren verbunden: Die Zuhörerinnen und Zuhörer, ein illustrer Kreis von Corvey-Kennern und -Freunden aus der Region, nahmen erstmals nicht in den Kirchenbänken, sondern im Chorraum der ehemaligen Abteikirche Platz. Also dort, wo die Mönche sich in benediktinischer Beständigkeit mehrmals am Tag zu Gebet und Lobpreis versammelten.

Umgeben vom Chorgestühl und dem prachtvollen Hochaltar kündigt Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek die weitere Premiere an: Zum ersten Mal befasste sich die Zeitreise thematisch mit der „Philosophie, die einst in Corvey betrieben wurde“.

Hannah Fischer, angehende Mediävistin aus Höxter, richtet den Scheinwerfer in ihren einführenden Worten ebenfalls auf die Philosophie und nennt drei klangvolle Namen: Sokrates, Platon, Aristoteles. Mit diesen großen Denkern der griechischen Antike bringen viele Menschen die jahrtausendealte Geisteswissenschaft in Verbindung.

Das Mittelalter war alles andere als finster

Dass auch der Corveyer Abt Bovo II. (amt. 900-916), um den es später ging, die drei Begründer der abendländischen Philosophietradition kannte, führt die Studentin ins Feld, um mit einem Vorurteil aufzuräumen: Das Bild vom finsteren Mittelalter, das jeglichen Fortschritt der Antike einfror, sei überholt. Obwohl bekannt sei, dass spätere Epochen um ihres eigenen Ruhmes Willen dieses Klischee prägten, „arbeitet die Mittelalterforschung sich nach wie vor immer wieder an diesem Schlagwort ab“.

Von wegen finsteres Mittelalter: Hannah Fischer räumte in ihrer Einführung mit einem Klischee auf.

Dabei sei es dem Mittelalter zu verdanken, dass antikes Wissen bewahrt worden ist. Texte bekannter klassischer Autoren wie Vergil, Ovid, Horaz, Cicero Seneca oder Tacitus seien in Abteien wie Corvey gelesen, kommentiert, weitergegeben und abgeschrieben, also für die Nachwelt überliefert worden, betont Hannah Fischer.

Das ging natürlich nur, weil die Klöster schon im frühen Mittelalter auch Orte der Gelehrsamkeit waren – und die Mönche einen Bildungshorizont besaßen, der ihnen antike Texte nicht nur sprachlich, sondern auch intellektuell in all in ihrer philosophischen Tragweite erschloss. Das ganzheitliche Bildungsideal der Antike muss diesen Denkern in Ordenstracht also vertraut gewesen sein.

Antikes Bildungsprogramm liefert Repertoire an Ausdrucksformen

An dieser Idee, dem altgriechischen Bildungs- und Erziehungsideal der Paideia, setzte der renommierte Referent des Abends zu Beginn seines Vortrags an. Die Paideia umschloss auch einen Wertekanon aus Tugenden wie Pflichtbewusstsein und Mitverantwortung für das Gemeinwohl. In ihrer kulturellen Kohärenz machten dieses Konzept und auch die römische Humanitas und Artes Liberales die antike Welt zu einer Einheit. „Es war eine Bildungselite, die das Reich zum Kulturraum werden ließ“, konstatiert Professor Koritensky für die hellenistische Welt und das Römische Reich.  Generationen kluger Köpfe sind aus der Stabilität dieses Kultur- und Bildungsraums hervorgegangen.

Für das Christentum lieferte das umfassende antike Bildungsprogramm ein reiches Repertoire an Ausdrucksformen, die dieser monotheistischen Religion zum Siegeszug verhalfen. Große christliche Geister gewannen den aus Wissen und Eloquenz gespeisten antiken Schriften später im Dienst an ihrer eigenen Mission ein vielversprechendes Potenzial ab und generierten immer wieder neue kulturelle Symbolsysteme.

Christianisierung war Teil eines Kulturtransfers

An Klosterorten wie Corvey führten diese Transferleistungen im frühen Mittelalter zur christlichen Umdeutung der heidnischen Philosophie. Als Denkfabrik für diese gesellschaftsprägende Kulturleistung nahm die Abtei am Weserstrand in der ersten Blütezeit nach ihrer Gründung 822 eine führende Position ein. Entsprechend exponiert war ihre Rolle in der Ausbreitung des Christentums. Denn die Christianisierung des mittelalterlichen Abendlandes, so Professor Koritensky, sei nicht durch eine rein religiöse Bekehrung erfolgt, „sondern als Teil eines umfassenden Kulturtransfers“.

An dieser Stelle kommt der spätantike römische Gelehrte Boethius (480–525/26) ins Spiel, „der zu einem der wichtigsten Vermittler antiker Bildung an das Mittelalter und die Renaissance“ wurde. Der Philosoph habe aufgezeigt, „wie man mit den Instrumentarien antiker Bildung christliche Theologie begrifflich präzise fassen kann“, erläutert Professor Koritensky.

Boethius war kurz nach dem Untergang des weströmischen Reiches, an der Schwelle von der Spätantike zum Frühmittelalter, in eine altrömische Adelsfamilie hineingeboren worden. Am Hof des Ostgotenkönigs Theoderich des Großen machte er Karriere. Dann geriet er aber in den Verdacht, mit dem oströmischen Kaiser zu konspirieren. Theoderich enthob ihm seiner Ämter. Boethius wurde zum Tode verurteilt.

Boethius sucht am Ende seines Lebens offenbar Trost bei Platon

Der Gelehrte hatte sämtliche Werke Aristoteles‘ und Platons ins Lateinische übersetzen wollen. Was Aristoteles angeht, konnte er einen Teil dieses ambitionierten Plans umsetzen. Als überzeugtes Mitglied der katholischen Kirche verfasste der große Intellektuelle aber auch fünf theologische Traktate.

Von der Antike bis in die Gegenwart führte die Zeitreise, die Professor Dr. Dr. Andreas Koritensky mit den Gästen unternahm. Der Abend regte zum Nachdenken über einen Kulturbegriff an, dessen Ursprung im Bildungskanon der Antike liegt.

Am Ende seines Lebens angekommen, nahm sein mit Abstand berühmtestes Werk – der „Trost der Philosophie“ (Consolatio philosophiae) – allerdings wieder Bezüge zu Platon auf. In der Kerkerhaft in Pavia verfasste er kurz vor der Hinrichtung diese besondere Schrift. Professor Koritensky ist nach wie vor hingerissen, wie er in Corvey betont: „Es ist erstaunlich, wie man im Gefängnis so schöne Texte schreiben kann.“ Eine christliche Märtyrergeschichte ist dieses letzte Werk aber, wie gesagt, mitnichten.

Wie kann es sein, dass Boethius in Erwartung seines nahen Todes nicht in der Heilsbotschaft des Evangeliums, sondern in der abstrakten, platonischen Philosophie Trost sucht? Dieser bemerkenswerten Frage spürt Professor Koritensky in der besonderen Atmosphäre des Chorraums der Kirche zusammen mit den Gästen des Zeitreise-Abends nach. Eine plausible Antwort sieht der Wissenschaftler im dritten Teil der Consolatio – dem Mittelpunkt des Werkes. Boethius reflektiert hier Platons Idee, dass das Gute das Grundprinzip der Wirklichkeit ist. „Die Liebe zum Guten und das Streben nach Sein und Ordnung prägen daher die Natur und die kosmische Ordnung“, bringt der Referent die Schlussfolgerung Platons auf den Punkt.

Leiter, die hilft, zu Gott hinaufzusteigen

Dieser Grundgedanke werde vor allem im spätantiken Platonismus mit dem Gottesbegriff gleichgesetzt. Nur als das Gute an sich könne Gott der Schöpfer der Welt sein. „Wir haben es hier also mit einer durch und durch religiösen Philosophie zu tun, die Boethius in seiner Gefangenschaft begleitet.“

Der fünfte und letzte Teil ende mit einer Haltung des Vertrauens darauf, dass Ereignisse aus menschlicher Perspektive wie ein Übel aussehen, sie aber trotz alledem nicht sinnlos sind: „Boethius denkt über das Konzept der Vorsehung nach.“ Die Argumente der Philosophie seien für ihn wie ein Heilmittel, weil sie die tiefe Sehnsucht eines jeden Menschen nach ihrer Teilhabe am reinen Guten bewusst machten.

Das letzte Wort habe das abstrakte Denken in Boethius‘ letztem Werk nicht, betont der Wissenschaftler. Ganz im Sinne der tiefsten menschlichen Sehnsucht sei die Philosophie vielmehr eine „Leiter, die hilft, zu Gott hinaufzusteigen“. Und mit ihm zur Liebe, die letztendlich das ist, was bleibt. „In diesem Punkt sind sich Paulus, Platon und Boethius einig“, spannt Professor Koritensky einen Bogen. „Boethius sieht hier keinen Widerspruch zwischen christlichem Glauben und platonischer Philosophie.

Abt Bovo II. geht zunächst von verschiedenen Autoren aus

Schon kurz nach dem Tod des Gelehrten gründete Benedikt von Nursia 527 sein Kloster auf dem Montecassino, „während Italien in einen langen Krieg zerfällt, der das Ende der antiken Welt sein wird“. Inmitten verheerender Unruhen schlug also die historische Geburtsstunde des abendländischen Mönchtums. In benediktinischen und zuvor auch in anderen klösterlichen Gemeinschaften schickten sich Ordenschristen an, die literarischen, philosophischen und wissenschaftlichen Schriften antiker Autoren von Cicero bis Aristoteles zu kopieren und zu reflektieren.

Corvey stieg gleich nach seiner Gründung 822 in diesen Kulturtransfer ein. Der neunte Abt des Benediktinerstifts, Bovo II., setzte die geistige Antikenrezeption im frühen zehnten Jahrhundert fort und nahm Boethius‘ „Trost der Philosophie“ in den Blick. Zu einem der Textabschnitte verfasste er seinen berühmten Kommentar.

Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek kennt den Referenten des Abends aus seiner Zeit in Salzkotten.

Zuvor jedoch verglich der belesene Klostervorsteher das Werk mit den theologischen Traktaten des spätantiken Intellektuellen – weil es ihn irritiert hatte, dass dieser überzeugte Christ sich bei seinem letzten Werk an Platons Denken statt an der Wahrheit des Evangeliums zu orientieren schien. Stammen die Traktate und die Consolatio vielleicht sogar von verschiedenen Autoren? Diesen Verdacht verwarf Abt Bovo, nachdem er beide Werke studiert und in ihrem „sprachlichen Stil und ihrer argumentativen Qualität“, so Professor Koritensky, Übereinstimmung festgestellt hatte.

Mittelalter nicht „frömmer“ als die Gegenwart

Grundsätzlich muss der hochgebildete Abt an der Antike als Kulturraum Gefallen gehabt haben, sagt der Zeitreise-Referent. Sonst hätte er das auf den ersten Blick nicht religiöse letzte Werk des Boethius nach erster Durchsicht womöglich sofort wieder zur Seite gelegt.

Diese Aufgeschlossenheit – gepaart mit profunder Bildung – zog sich durch viele Klöster des Mittelalters und hat den Kulturtransfer hervorgebracht, für den Gelehrte wie Boethius den Boden bereitet haben. Denn: „Er fasste seinen Glauben offenbar als untrennbaren Teil einer umfassenden kulturellen Identität auf, die es ihm möglich machte, sehr unterschiedliche Ideen als spannungsvolle Einheit zu begreifen“, betont Professor Koritensky. Vielleicht zeige sich in Boethius‘ letztem, beeindruckendsten Werk „die integrative Kraft einer Kultur“.

Auch im Hinblick auf diesen Brückenbau stuft Professor Koritensky die Klöster des Mittelalters als Kulturträger ein. „Sie haben das Christentum nicht als rein religiöse Idee weitergegeben, sondern eingebunden in ein kulturelles Gesamtkonzept. Was das Christentum so erfolgreich werden ließ, war nicht allein die Strahlkraft seiner religiösen Botschaft, sondern dessen Verbindung mit einer großen Kultur, die den Christinnen und Christen ein reiches Repertoire an Ausdrucksformen schenkte.“

Wegen dieser Verbindung mit der Kultur hätten auch Menschen, die nicht hochreligiös waren, damals eine christliche Identität ausbilden können, erläutert der Referent. Das Mittelalter sei daher nicht einfach „frömmer“ als die Gegenwart.

Idee von Kultur spielt nur noch eine periphere Rolle

In dieses Heute entließ der Referent die Gäste – wie eingangs zusammengefasst – nicht ohne Rückschlüsse. Im Gegensatz zum Ausgangspunkt und weiteren Stationen der Zeitreise „definieren sich moderne Gesellschaften nicht mehr über kulturelle Identitäten“. Die Idee von Kultur spiele nur noch eine periphere Rolle. Als identitätsstiftendes Phänomen verschwinde sie im 20. Jahrhundert immer mehr (1918, 1968). Das Christentum sei mithin auf das Wesentliche zurückgeworfen. „Gleichzeitig fehlen die Muster für ein gelingendes christliches Leben.“

Domorganist Dominik Balduin gestaltete den Abend musikalisch.

Vor diesem Hintergrund wirft Professor Koritensky einen Denkanstoß in den (Kirchen-)Raum: „Wäre es denkbar, dass sich christliche Gemeinschaften als Kulturen neu etablieren?“ In diesem Fall müsse genügend Raum für Weite, Vielseitigkeit und eine gemeinschaftliche und auch individuelle Lebensgestaltung bleiben. Das bloße Wiederholen alter Formensprachen könne das nicht leisten.

Für Herausforderungen wie diese ist Corvey ein Resonanzboden. Denn die historischen Mauern atmen bis heute den innovationskräftigen Geist der Denkfabrik, die das Kloster im Mittelalter war. Pfarrdechant Krismanek nimmt aus den Erkenntnissen des Abends wegweisende Potenziale auch für den Reformprozess im Erzbistum mit.

Musikalisch begleitete Domorganist Dominik Balduin die Zeitreise höchst stimmig an der kostbaren Andreas-Schneider-Orgel. Die atmosphärische Dichte des Chorraums schuf zwischen den Zuhörenden und dem Referenten eine Nähe, die zum Schluss ein anregendes Gespräch hervorbrachte: über Boethius, Abt Bovo und über Gott und die (antike und heutige) Welt.