Auf der Zielgeraden eines exponierten Bauprojekts – der barrierefreien Zuwegung ins Obergeschoss des karolingischen Westwerks aus dem direkt angrenzenden Domänengebäude heraus – hat das zweite Treffen des „Netzwerks Corvey“ den Kreis ausgewiesener Experten jetzt an den Ort des neu angelegten Zugangs in den Johanneschor geführt.

Ziehen am Ende des Netzwerktreffens im Historischen Rathaus eine durchweg positive Bilanz: Hannah Fischer (Studierende der Mediävistik), Annika Pröbe (Standortleiterin karolingisches Westwerk und Abteikirche Corvey), Stadtarchivar Michael Koch, Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek, Museumsdirektor Dr. Holger Kempkens (Diözesanmuseum Paderborn), Professor Dr. Mechthild Black-Veldtrup, Leiterin der Abteilung Westfalen des Landesarchivs NRW, und Baudezernentin Julia Gogrewe. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht
Das 2025 gegründete Netzwerk bündelt profunden Sachverstand aus unterschiedlichen Fachrichtungen, schafft eine Plattform zum Austausch über aktuelle Forschungsprojekte und bringt aus dem anregenden Diskurs heraus auch manch neuen Stein ins Rollen. Denn das Welterbe Corvey am Weserbogen bei Höxter birgt trotz jahrzehntelanger intensiver Forschungen noch manches Geheimnis, dem nachzugehen sich lohnt. Sowohl auf dem Areal der ehemaligen Benediktinerabtei als auch in der geistlichen und künstlerischen Ausstattung des Klosters gibt es im übertragenen Sinn noch unerforschtes Land. Ein prägnantes Beispiel, das beim Netzwerk-Treffen thematisiert wurde, ist die barocke Klosterbibliothek. Im Gegensatz zu ihrer mittelalterlichen Vorgängerin und der späteren Fürstlichen Bibliothek gibt es für die Büchersammlung der frühen Neuzeit noch keine digitale Quellenedition. Das soll sich jetzt ändern.

In der Erdgeschosshalle des karolingischen Westwerks begrüßten Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek und Viktor Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey die Teilnehmenden des Netzwerktreffens.
Bevor dieses Forschungsvorhaben der Universität Paderborn unter der Regie von Professor Dr. Johannes Süßmann beim Netzwerktreffen ebenso wie weitere Werkstattberichte Gegenstand impulsgebender Vorträge war, versammelten sich die etwa 40 Corvey-Experten aus Archiven, Hochschulen, Bibliotheken, Museen und anderen Institutionen wie den LWL-Abteilungen für Archäologie und Denkmalpflege in Corvey. Professor Dr. Mechthild Black-Veldtrup, Leiterin der Abteilung Westfalen des Landesarchivs NRW, gehört zum Initiatoren-Kreis des Netzwerks und begrüßte die Gäste im Namen der weiteren Mitbegründer: Annika Pröbe, Standortleitung für das karolingische Westwerk und die Abteikirche Corvey, Dr. Holger Kempkens, Direktor des Diözesanmuseums Paderborn, und Michael Koch, Leiter des Stadtarchivs Höxter.
Die Eigentümer der Welterbestätte repräsentierten der Hausherr des Schlosses, Viktor Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey, und Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek, Leiter des Pastoralverbunds Corvey und Pfarrverwalter von St. Stephanus und Vitus Corvey. Höxters Baudezernentin Julia Gogrewe vertrat die Stadt Höxter. Ihr Engagement für das Netzwerk setzt ebenso wie die Initialzündung und Mitgestaltung durch Stadtarchivar Michael Koch ein deutliches Zeichen der Verbundenheit der Kreisstadt mit dem Welterbe am Weserbogen.
Klimastabilisierung wichtig für Erhalt der Wandmalereien
Eine angenehme, im besten Sinn anregende Gesprächsatmosphäre entwickelte sich gleich nach dem Eintreffen der Teilnehmenden in der Erdgeschosshalle des karolingischen Westwerks Corvey. Herzog von Ratibor und Pfarrdechant Krismanek hießen den interdisziplinären Expertenkreis im Welterbe willkommen. Den ersten Vortrag samt Führung gestalteten Dr. Christoph Heuter, Gebietsreferent bei der LWL-Denkmalpflege in Münster, und die Restauratorin Franziska Tretow (ebenfalls LWL-Denkmalpflege) gemeinsam. Denn ihre beiden Themen – die barrierefreie Erschließung des Johanneschores und die für den Erhalt der karolingischen Wandmalereien unabdingbare Klimastabilisierung im Westwerk – mussten zusammengedacht werden. Heißt: Die neue Zuwegung galt es so zu konzipieren, dass das Klima sich sowohl im Erdgeschoss als auch im Johanneschor keinesfalls zu Ungunsten der fragmentarisch erhaltenen, annähernd 1200 Jahre alten Wandmalereien verändert.

Dr. Christoph Heuter (rechts), Gebietsreferent bei der LWL-Denkmalpflege in Münster, erläuterte vor Ort auf der Baustelle die barrierefreie Erschließung des Johanneschores im Obergeschoss des Westwerks. Der Aufzug für Menschen mit Mobilitätsbeschränkungen kann bald in Betrieb gehen.
Die barrierefreie Erschließung stand unter einer weiteren herausfordernden Prämisse. Dr. Christoph Heuter brachte sie auf den Punkt: „Die frühmittelalterliche Bausubstanz ist unantastbar. Jegliche Schädigungen sind also zu vermeiden.“ Mithin fielen viele durchdachte Varianten für einen Aufzug von vorneherein aus.
Mit einer tragfähigen Lösung steht das für die Welterbestätte wegweisende Projekt unter der Regie der vom herzoglichen Haus getragenen Corvey gGmbH inzwischen nach sechs Jahren Planungen inklusive Machbarkeitsstudie vor der Vollendung. Die Netzwerkpartner hatten die besondere Freude, als Premierengäste durch die aus dem südlichen Domänengebäude führende Tür direkt ins Südseitenschiff des Johanneschors zu gehen.
Neuzeitliche Öffnung erwies sich als unbedenklich
Diesen Durchbruch im wahrsten Sinne des Wortes haben Restauratoren und weitere Fachhandwerker geschaffen. Eine neuzeitliche Öffnung, die 1949 noch einmal geöffnet war, erwies sich aus denkmalpflegerischer Sicht als unbedenklich und konnte zur Anlage des notwendigen Durchgangs genutzt werden. Trotz dieser recht eindeutigen zeitlichen Einordnung der Wandfüllung überwachten Restauratoren penibel die Durchbrucharbeiten.

Unterwegs in den sanierten Räumlichkeiten der Domäne ergaben sich immer wieder spontane Gesprächsrunden.
Unter dem neuen Verbindungsgang entlang der Ostfassade der Domäne ist bei den Vorarbeiten für die Fundamente der Glaswände ein Teil des Laienfriedhofs aus klösterlicher Zeit freigelegt worden, berichtete der Archäologe Wolfram Essling-Wintzer vom LWL beim Netzwerktreffen. Die Bauarbeiten fortzusetzen, erwies sich als vertretbar. Der Anbau übernimmt eine Schleusenfunktion, was das Klima angeht. Denn Temperaturschwankungen und eine zu hohe relative Luftfeuchtigkeit schaden den kostbaren Wandmalereien im Erd- und Obergeschoss in substanzgefährdender Tragweite. Um das nicht zu riskieren, wird von der Tür aus der Abteikirche zum Friedhof bis hin zum neuen Eingang in den Johanneschor ein Ampelsystem installiert, das die wechselweise Öffnung einzelner Türen reguliert und taktet. An Stelen leuchtet jeweils rotes oder grünes Licht.
Diese „Signalanlagen“ waren beim Netzwerktreffen noch nicht installiert. In Augenschein nehmen konnten die Teilnehmenden aber den bewusst als neuen Einbau kenntlich gemachten Aufzug. Der Fahrstuhl ist beispielgebend für das Konzept des Architekten der exponierten Baumaßnahme, Jürgen Schimmelpfeng vom Architekturbüro Mütinga/Puy/Schimmelpfeng aus Bad Arolsen: Sämtliche Einbauten – vom Verbindungsgang selbst bis hin zum Aufzug und dem benachbarten Treppenaufgang im Innern – „zeigen“, dass sie neu sind, und fügen sich trotzdem harmonisch in den historischen Kontext ein. Das barocke Domänengebäude verliert nicht seine Seele.
„Fenster“ in die Geschichtedes Gebäudes
Bewusst lässt der Architekt im Inneren auch „Fenster“ in die Geschichte geöffnet: Die Blümchentapete aus dem 19. Jahrhundert beispielsweise bleibt dort, wo die mobilitätseingeschränkten Gäste demnächst in den Fahrstuhl steigen, an der Wand – um von der Melkerwohnung zu erzählen, die in diesem Gebäudeteil einst untergebracht war.
Von der Tapete richtete Archäologe Wolfram Essling-Wintzer die Aufmerksamkeit beim Netzwerktreffen auf den Boden. Denn unter dem Aufzugsschacht war bei den Vorarbeiten eine kreisrunde Braukesselfeuerung mit zwei Metern Durchmesser zutage getreten. Sie kündet von der Nutzung dieses Teils des Domänengebäudes als Brauhaus des Klosters. Der Befund aus dem 18. Jahrhundert schlummert jetzt sicher unter der Bodenplatte, auf der der Fahrstuhl ruht – und regte den illustren Kreis der Netzwerkpartner zu einem lebhaften Gedankenaustausch an.
Diese spontanen Diskussionen zogen sich bis in den Johanneschor durch, wo Restauratorin Franziska Tretow ein Forschungsprojekt unter der Regie des LWL-Denkmalpflegefachamts für die Konservierung der Wandmalereien vorstellte. Das fortlaufende Klimamonitoring spielt hier eine wichtige Rolle. Denn eine der Fragen, die es zu lösen gelte, sei die, „wie sich eine Stabilisierung des Klimas minimalinvasiv und energieeffizient erreichen lässt“, so Franziska Tretow.

Großer Moment: Standortleiterin Annika Pröbe geht erstmals durch die neue Tür ins Obergeschoss des Westwerks.

Auch Höxters Baudezernentin Julia Gogrewe ist beim Durchschreiten des Durchgangs sehr erfreut über die barrierefreie Zuwegung.
Die Befürchtung, dass viele Besucher mit regennasser Kleidung dem Klima schaden, habe sich nach einer Simulation des Fraunhofer-Instituts nicht bewahrheitet, sagt die Restauratorin. Im Erdgeschoss erweise sich die Glaswand zwischen Westwerk und Abteikirche für die Klimaregulierung als hilfreich.
Kollegialer Austausch
Zu guter Letzt helfe auch die neue Zuwegung in den Johanneschor. Mit ihr „bekommen wir das Klima im Westwerk besser unter Kontrolle“, sagt Standortleitung Annika Pröbe. Was lange währt, wird also endlich gut.
Entsprechend groß war ihre Freude, zusammen mit den Netzwerkpartnern zum ersten Mal durch die neue Tür ins Obergeschoss des Westwerks zu gehen. Das zweite Treffen des interdisziplinären Kreises sei wieder von einem inspirierenden, kollegialen Austausch geprägt gewesen, zog Annika Pröbe später eine positive Bilanz. Auch Höxters Baudezernentin Julia Gogrewe war beeindruckt: „Hier wird wirklich diskutiert, hier wird sich ausgetauscht. Man teilt Wissen.“ Für weitere Tagungen sei das Netzwerk im Ratssaal immer willkommen, signalisierte sie auch im Namen von Bürgermeister Daniel Hartmann.
So bilden Höxter und Corvey zusammen den Ausgangspunkt für eine Netzwerkarbeit, die mit geballtem Sachverstand das kulturelle Erbe der ehemaligen Benediktinerabtei profund beleuchtet und in seiner Weltgeltung zum Strahlen bringt.

