„Auch wenn nur noch wenig durchschimmert, lässt sich erstaunlich viel rekonstruieren.“ Beeindruckt von dieser Erkenntnis haben Isabella, Sophie und Anna Sophie an einem Abend im April den Johanneschor des karolingischen Westwerks verlassen. Zusammen mit mehr als 60 weiteren Jugendlichen hatten die drei den besonderen Ort ihrer baldigen Firmung – das Welterbe Corvey – erkundet.

Kirchenführung in Vorbereitung auf die Firmung: Isabella, Anna Sophie und Sophie (rechts) mit Annika Pröbe im Johanneschor. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht
Jugendliche des zehnten Jahrgangs sind im Pastoralverbund Corvey Jahr für Jahr eingeladen, das Sakrament der Firmung zu empfangen. Die ehemalige Benediktinerabtei am Weserbogen bildet zum zweiten Mal den Rahmen. Erleben und in seiner Bedeutung erschließen können sich die Jugendlichen diesen besonderen Ort aber nicht nur bei den Feierlichkeiten selbst, sondern auch schon während der Vorbereitung.
Lightroom und Triduum wichtige Stationen auf dem Weg zur Firmung
Auf diesem Weg zur Firmung sind die Lightroom-Gottesdienste und das österliche Triduum in Corvey wichtige Stationen. Beide Angebote erfüllen die altehrwürdigen Mauern des Klosters mit einem Spirit, der die jungen Menschen ganz im Sinne der Gründermönche zum Urgrund des Glaubens führt. Gemeindereferent Carsten Sperling und Pastor Thomas Nal organisieren die Firmvorbereitung federführend und knüpfen in der Konzeption der gottesdienstlichen Wegmarken bewusst an die Lebenswirklichkeiten von heute an. So berühren sich im Welterbe am Weserstrand Geschichte und Gegenwart. Von Corvey geht das Signal aus, dass Tradition und frischer Wind einander nicht ausschließen, sondern im Gegenteil eine beflügelnde Kraft freisetzen und junge Menschen für dieses Flaggschiff unter den Verkündigungsorten begeistern.

So hat die karolingische Basilika ausgesehen: Aus dem Johanneschor konnte an im Mittelalter in das Kirchenschiff hinunter schauen. Die Augmented-Reality-App rekonstruiert diesen Blick.
Dieser Funke springt auch bei der Kirchenführung – einem Baustein der Firmvorbereitung – über. Wie bei der Premiere 2025 machen Annika Pröbe, Standortleitung für das karolingische Westwerk und die barocke Abteikirche, Marcus Beverungen, Verwaltungsleiter des Pastoralverbunds Corvey, und Josef Kowalski, ehemaliger geschäftsführender Vorsitzender des Kirchenvorstandes, die jungen Menschen mit der spirituellen Aura, den Alleinstellungsmerkmalen der Welterbestätte und den modernen digitalen Angeboten der Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus vertraut.
Zu diesen museumsdidaktischen Neuerungen gehören die Augmented-Reality-Führungen im Johanneschor. Auf dem Bildschirm eines Tablets erblüht das Feuerwerk aus Farben und Formen, das der Johanneschor einst war, in Wechselwirkung mit dem authentischen Ort neu. Annika Pröbe unternimmt an diesem Abend im April mit den Jugendlichen die spannende Zeitreise ins Corvey der Karolingerzeit. Vor der berühmten Odysseus-Szene unter der Westempore geht sie mit ihnen der Frage nach, wie ein Motiv aus der griechischen Mythologie in eine christliche Kirche kam. Auch zeigt sie Spuren, anhand derer sich bis heute an dem Wandfries ablesen lässt, wie penibel die Künstler damals an den Figuren gearbeitet haben.
Sensationsfund wird in seiner Faszination gegenwärtig
An der Entdeckung der Wandvorzeichnungen für lebensgroße Stuckfiguren durch Hilde Claussen 1992 sind die jungen Menschen bei der Führung gefühlt ganz dicht dran. So lebendig schildert die Standortleiterin den Sensationsfund, der die Ausstattung mit lebensgroßen Plastiken nachweist. Auf dem Tablet verbildlicht er sich bis hin zu dem Moment, in dem sich Stuckfragmente wie Puzzleteile zu originalgetreuen Figuren zusammenschmelzen. Diese wachsen schließlich geradezu aus der Wand.
Isabella, Sophie und Anna Sophie sind begeistert. „Man weiß jetzt viel mehr als vorher und hat einen anderen Blick drauf“, sagt Sophie nach der Führung im Johanneschor. Dieses Empfinden teilt auch Anna Sophie, die zum Welterbe auch familiäre Bindungen hat. „Meine Eltern haben hier geheiratet, ich bin hier getauft worden.“ Jetzt folgt die Firmung. „Es ist besonders, an diesem Ort gefirmt zu werden“, sind die drei sich einig.

Auch Johanna und Greta sind begeistert von der ursprünglichen Ausgestaltung des Johanneschores, die auf dem Tablet-Bildschirm erblüht.
Bevor sie und die anderen jungen Menschen den Johanneschor verlassen, weist Annika Pröbe sie auf die Inschriftentafel aus der Gründungszeit des Klosters hin. Die einzigartige Sandsteinplatte hat nach ihrem Gastspiel bei der Ausstellung „Corvey und das Erbe der Antike“ im Diözesanmuseum Paderborn einen neuen Platz im Johanneschor erhalten. Draußen an der Fassade hängt aus konservatorischen Gründen eine Replik. „Wenn Ihr die Kirche verlasst, dreht Euch gerne um. Dann seht Ihr die Kopie“, sagte Annika Pröbe.
Glaswand verwandelt sich im Handumdrehen
Unten in der Erdgeschosshalle des Westwerks stellt Marcus Beverungen die Filmprojektion über das Jahrtausend der Mönche auf der riesigen Glaswand vor. Bevor er den Film startet, erläutert er die technische Seite dieses reizvollen Digitalangebots. Die Jugendlichen sind fasziniert von der Vorstellung, dass eine durchsichtige Glaswand per Knopfdruck blickdicht wird und somit im Handumdrehen die Funktion einer Leinwand übernimmt.
Dann verdunkelt sich die Wand vor ihren Augen. In Sekundenschnelle sind die jungen Menschen mittendrin in den bewegten Jahrhunderten der Klosterzeit Corveys.
Josef Kowalski, profunder Kenner der Geschichte Corveys, lädt die Firmbewerberinnen und Firmbewerber ins Chorgestühl der Mönche ein, um sie mit der Substanz und Seele dieses Ortes vertraut zu machen. Die Gründermönche dieses Klosters seien beseelt vom Heiligen Geist gewesen, um dessen Impulskraft es bei der Firmung geht. Für diesen Geist, das göttliche Betriebssystem, sei Corvey seit jeher und bis heute ein Kraftort. Eine kostenlose E-Ladesäule.

Die Firmbewerberinnen Johanna (von links), Kimberly, Sarah und Greta setzen die Headsets für die Film-Zeitreise ins Jahrtausend der Mönche auf.
Als solche empfinden die Jugendlichen das Welterbe sicher am Tag ihrer Firmung, dem 8. Mai. Weihbischof Josef Holtkotte spendet ihnen in zwei Feiern dieses wichtige Sakrament.
Am Anfang war das Gespräch
Am Ende der Kirchenführung gibt Gemeindereferent Carsten Sperling den Jugendlichen einen Impuls mit auf den Weg, der auf den Prolog des Johannesevangeliums – „Im Anfang war das Wort“, oder anders übersetzt „Im Anfang war das Gespräch“ – Bezug nimmt.
Gott suche das Gespräch. Mit Menschen. Mitten im Leben. „Und vielleicht ist es kein Zufall, dass wir heute hier in Corvey stehen. Seit über 1200 Jahren haben Menschen hier geglaubt. Gebetet. Gesucht. Immer wieder neu. Immer wieder persönlich. Vielleicht ist das der Punkt: Glaube beginnt nicht damit, dass du alles verstehst. Sondern damit, dass du anfängst, das Gespräch zu suchen. Und zu hören.“
Jesus habe genau das gelebt. Er habe das Gespräch gesucht. „Und vielleicht gilt das auch für dich: Dass Gott das Gespräch mit dir sucht. Nicht irgendwann. Sondern jetzt.“
In seiner Beständigkeit vermittelt Corvey das Gefühl, dass auf diese Zuwendung Gottes Verlass ist. Mit diesem Empfinden gehen die Jugendlichen nach zwei lehrreichen und berührenden Stunden aus der Kirche – nicht ohne sich draußen vor dem Westwerk nochmal umzudrehen, wie Annika Pröbe es angeregt hat, um einen Blick auf die Kopie der Inschriftentafel zu werfen. Auch sie sehen die Firmbewerberinnen und Firmbewerber dank des neu erworbenen Wissens bestimmt mit anderen Augen.



