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Neuer Forschungsband zur Baugeschichte der Klosterkirche Corvey

By 21. Dezember 2025Dezember 31st, 2025No Comments

Eine wegweisende Buchpublikation lässt das Flaggschiff unter den Kulturdenkmälern – das Welterbe Corvey – und mit ihm den ganzen Kreis Höxter in einem strahlenden Licht erscheinen: Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat den Forschungsband „Bauuntersuchung und Baugeschichte des Westbaus“ herausgegeben. Das hochkarätige Werk präsentiert nach mehr als 100 Jahren wissenschaftlicher Erforschung der Klosterkirche die abschließenden Ergebnisse.

Freuen sich über das Erscheinen des neuen Forschungsbandes zu Corvey: Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger, LWL-Kulturdezernentin, Professor Dr. Michael M. Rind, Direktor der LWL-Archäologie für Westfalen, Dr. Kristina Krüger, Hauptautorin der Publikation und Dr. Holger Mertens, LWL-Chefdenkmalpfleger. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht

In einem Prachtbau, der ebenfalls Brücken in den Kreis Höxter schlägt, stellte der LWL die aus zwei Bänden und einem Schuber mit 52 Beilagenplänen bestehende Publikation vor: Der Erbdrostenhof in Münsters Innenstadt bildete den stilvollen Rahmen der Buchpremiere. Verbindungen in die Region zwischen Egge und Weser ergeben sich über den Schöpfer dieses spätbarocken Stadtpalais, Johann Conrad Schlaun (*1695, †1773). In Nörde bei Warburg geboren, ist die Kapuzinerkirche in Brakel das Erstlingswerk dieses bedeutenden westfälischen Baumeisters. Auch die Pfarrkirche St. Katharina und die Vorburg des Schlosses Rheder tragen seine Handschrift.

Franziska Tretow (rechts), Restauratorin bei der LWL-Denkmalpflege, betreut ein Forschungsprojekt zur Untersuchung der Wandmalereien im karolingischen Westwerk. Bei der Buchpräsentation im Erbdrostenhof kan sie mit der Corvey-Delegation ins Gespräch: Dr. Holger Kempkens (von links, Direktor des Diözesanmuseums Paderborn und Leiter der Fachstelle Kunst), Marcus Beverungen (Verwaltungsleiter des Pastoralverbunds Corvey), Nadine Fellmann, Matthias Kämpfer (Kirchenvorstand), Annika Pröbe (Standortleitung Welterbe karolingisches Westwerk und Abteikirche Corvey) und Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek (Leiter des Pastoralverbunds und Pfarrverwalter in Corvey).

Für Corvey, um das es im Erbdrostenhof ging, gibt es keine gesicherten Hinweise auf Bautätigkeiten des Barockarchitekten. Trotzdem darf gemutmaßt werden, dass Schlaun die Benediktinerabtei am Ufer der Weser gekannt hat.

Abschluss eines langjährigen Forschungsprojekts

Das Herzstück dieses großen Klosterorts bei Höxter, die Kirche, ist mehr als 100 Jahre lang von Wissenschaftlern der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen bzw. deren Vorgänger-Institutionen sowie der LWL-Archäologie für Westfalen intensiv erforscht worden. „Im Nachgang zu den Bänden ‚Wandmalerei und Stuck aus karolingischer Zeit‘ (2007) von Hilde Claussen und Anna Skriver sowie ‚Geschichte und Archäologie‘ (2012) von Sveva Gai, Karl Heinrich Krüger und Bernd Thier wird jetzt mit dem Band ‚Bauuntersuchung und Baugeschichte des Westbaus‘ von Kristina Krüger die Auswertung der Forschungen zur Baugeschichte des Westbaus abgeschlossen“, ordnen LWL-Chefdenkmalpfleger Dr. Holger Mertens und der Direktor der LWL-Archäologie für Westfalen, Professor Dr. Michael M. Rind, diesen dritten und letzten Teil der Buchreihe als Abschluss eines langjährigen Forschungs- und Publikationsprojektes ein.

Der Festsaal des Erbdrostenhofs bildete den stilvollen Rahmen der Buch- und Filmpräsentation.

Diesen Gedanken stellte LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger bei der Buchpräsentation im Erbdrostenhof in den Mittelpunkt ihrer Begrüßung: „Wir freuen uns sehr, dass wir nach über 100 Jahren wissenschaftlicher Forschung nun die abschließenden Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich machen können.“ Mit dem Westbau als ältestem Baudenkmal in Westfalen-Lippe und dem als Bodendenkmal erhaltenen mittelalterlichen Klosterbezirk, der Civitas, sei Corvey identitätsstiftend für die Region. Als eines der bedeutendsten religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Zentren des östlichen Karolinger- und späteren deutschen Reiches habe die Abtei im engen Austausch mit anderen frühmittelalterlichen Bildungszentren Europas gestanden. Diese bedeutende Geschichte sichtbar zu machen, gelinge mit dem vorliegenden Buch, dem die Kulturdezernentin Standardwerk-Qualitäten für die Forschung zuschrieb.

Grundlegendes Referenzwert für Mittelalterarchitektur

Der Imhof-Verlag, in dem die Publikation erschienen ist, misst dieser intensiven Betrachtung der Baugeschichte des Westbaus ebenfalls eine große Bedeutung bei. Das Buch sei ein „grundlegendes Referenzwerk für die Mittelalterarchitektur und die Erforschung karolingischer Kultur“.

Die Autoren Kristina Krüger, Peter Barthold, Thomas Eißing und Claus Peter schaffen auf mehr als 900 Seiten mit 1064 Abbildungen und den separaten Planbeilagen ein neues Verständnis für die Baugestalt, Funktion und Bedeutung des Corveyer Westwerks. Barbara Rüschoff-Parzinger: „Corvey ist ein Ort, an dem Geschichte lebendig wird. Hier kann man viel über die Entwicklung Westfalens vom 9. Jahrhundert bis in die Neuzeit lernen. Die neuen Forschungsergebnisse tragen dazu bei, dass wir den Ort Corvey noch besser verstehen.“

Neubewertung der Kaiserkirchen-These

Dr. Kristina Krüger ist davon überzeugt, dass der Westbau mit dem Ziel erbaut wurde, Reliquien zu präsentieren und in Liturgie einzubinden.

Hauptautorin Dr. Kristina Krüger gelinge erstmals eine umfassende Dokumentation der wechselvollen Bauhistorie des Westbaus – von den karolingischen Anfängen über hochmittelalterliche Umbauten (11. bis 13. Jahrhundert) bis hin zu neuzeitlichen Eingriffen und Erweiterungen (16. bis 19. Jahrhundert), betonen Landeskonservator Dr. Mertens und Landesarchäologe Professor Rind. Die Kunsthistorikerin aus Heidelberg baue auf den bauarchäologischen Untersuchungen der vergangenen Jahrzehnte auf, die vor allem mit dem Namen Uwe Lobbedey verbunden seien, und setze ihnen Erkenntnisse  eigener akribischer Untersuchungen gegenüber. Im Vergleich mit anderen Referenzbauten stelle die Autorin die Klosterkirche Corvey in den Kontext der frühmittelalterlichen Architektur Mitteleuropas.

Eine ihrer Erkenntnisse wird Corvey-Forscher zum Diskurs anregen: Kristina Krüger kommt zu einer völligen Neubewertung der Kaiserkirchen-These, die von einem Thronsitz des Herrschers auf der Westempore des Johanneschores ausging. Mit Verve widerlegte sie diese These bei der Buchpräsentation – und würdigte aber zuallererst die Corvey-Forscher Uwe Lobbedey und Hilde Claussen: „Alles, was ich geschrieben habe, fußt auf ihrer Arbeit.“ Auch wenn sie zu anderen Schlüssen gekommen sei, „basiere ich auf meinen Vorgängern“.

Erbaut zur Präsentation von Reliquien

Dann leitete sie zu ihrer Erkenntnis über, dass der Johanneschor mit dem Ziel erbaut worden sei, Reliquien zu präsentieren und in Liturgie einzubinden. Dass auf der Westempore die Herrscher, wenn sie zu Besuch waren, der Messfeier in der Klosterkirche beigewohnt haben, visualisierte die Kunsthistorikerin als unwahrscheinlich: Auf einer Planzeichnung zeigte sich die große Entfernung zum liturgischen Geschehen im Ostchor der Basilika. Schon allein sie spreche gegen die Kaiserlogen-These. Außerdem gebe es weder für Corvey noch für andere früh- oder hochmittelalterliche Kirchen Belege dafür, dass der Herrscher oder andere hochgestellte Persönlichkeiten bei der Messe ihren Platz in einem westlichen, erhöhten Platz hatten.

Der Forschungsband zur Baugeschichte des Westwerks komplettiert eine dreiteilige Buchreihe.

Bis heute sei keine mittelalterliche Quelle bekannt, die die Präsenz des Herrschers im Westbau belegen könnte. „Genauso wenig existieren Quellen, die profane Versammlungen bezeugen oder deren Abhaltung auch nur nahelegen, die von deutschen Königen oder Kaisern in einem Westbau – und zwar im geweihten Kirchenraum und nicht in einer Vorhalle – abgehalten worden wären.“

Hauptaltar unter der Westempore

Die vermeintliche Kaiserloge ist nach Annahmen Kristina Krügers vielmehr ein Ort, an dem kostbare Reliquien ausgestellt wurden. „Die in Nischen platzierten Fenster des Westraums könnten beim Vitusfest, eventuell auch an anderen Festtagen, zur Reliquienweisung für Besucher auf dem Kirchenvorhof gedient haben.“

Den Hauptaltar lokalisiert die Kunsthistorikerin für die karolingische Zeit und darüber hinaus vor oder unter der Mittelarkade der Westseite. Dafür sprächen auch die dort auf die Wände gebrachten umgedeuteten Meerwesen-Friese aus der griechischen Mythologie. Diese befänden sich meistens in Altarnähe, habe Hilde Claussen herausgearbeitet.

Anbetungsgestus zur Mittelarkade

Eine Deutung der beiden Stuckplastiken über den Arkadenzwickeln auf der Westseite lieferte Kristina Krüger auch gleich mit: „Sie sind weibliche Stuckfiguren, die sich im Anbetungsgestus der Mittelarkade zuwenden.“ Auch das spreche im Übrigen gegen die Kaiserloge: „Man betete keine lebenden Kaiser an.“ Das habe sich bei den Christen in karolingischer Zeit verboten.

Moderator Stefan Rethfeld (links) im Gespräch mit Landeskonservator Dr. Dr. Holger Mertens (von rechts), Professor Dr. Michael M. Rind (Direktor der LWL-Archäologie für Westfalen) und Prof. Dr. Markus Köster (Leiter des LWL-Medienzentrums für Westfalen).

Kostbare Reliquien hoch oben auf der Empore zu platzieren, sei auch aus ganz praktischen Gründen plausibel: „Sie waren dem Zugriff der Anwesenden entzogen, also sicher verwahrt und vor Diebstahl geschützt.“

Doppelgeschossige Arkatur keine Corveyer Eigenheit

Auf der Nord- und Südseite des Johanneschores kann die Wissenschaftlerin sich Seitenaltäre vorstellen. Dafür sprächen gefundene Fragmente von Tafeln, die bei Abbrucharbeiten in den Boden gerieten oder wiederverwertet wurden.

Die doppelgeschossige Arkatur des Johanneschores sei keine „Corveyer Eigenheit“, sondern der Beginn einer langen Erfolgsgeschichte. Das Westwerk stehe „am Anfang einer langen Tradition, die wir heute an wichtigen Bauten fassen können, aber mit Corvey nie in Verbindung gebracht haben.“

Wechsel der Blickrichtung

Die Bauuntersuchung lege die „Funktion des Corveyer Westbaus als Ort der Reliquienverehrung und Zurschaustellung von Reliquien“ nahe, resümiert Dr. Kristina Krüger. Auf der Westempore des Johanneschores könnten kostbare Reliquien präsentiert worden sein.

Die Bauuntersuchung lege die „Funktion des Corveyer Westbaus als Ort der Reliquienverehrung und Zurschaustellung von Reliquien“ nahe, resümiert Dr. Kristina Krüger im Buch. Die Betrachtung von Vergleichsbauten erhärte dies. Für andere Bauten könnte das Kloster am Weserstrand in dieser Funktion als Vorbild gedient haben. Kristina Krüger verwies bei der Buchpräsentation auf Saint-Chapelle in Paris. König Ludwig IX. (*1214, †1270), ein großer Verehrer und Sammler von Reliquien, ließ sie Mitte des 13. Jahrhunderts als Aufbewahrungsort für die Leidenswerkzeuge Christi bauen.

Für Corvey lasse der „Wechsel der Blickrichtung“ den hochgelegenen westlichen Altarraum und seine Umgebung im neuen Licht erscheinen. Sie hoffe, so die Autorin, dass dies für die Erforschung anderer Westbauten und ihrer liturgischen Funktionen neue Perspektiven und Anstöße bietet, die zu eigenständigen Ergebnissen führen – „und dadurch zu Erweiterungen, Präzisierungen oder auch Revisionen der für Corvey vorgetragenen Überlegungen“.

Glockenbestand und Graffiti

Anregungen und Denkanstöße geben auch die weiteren Themen des mit Mitteln des NRW-Heimatministeriums realisierten und von der LWL-Kulturstiftung im Rahmen des Jubiläumsjahres „1250 Jahre Westfalen“ geförderten Bandes. Beiträge weiterer Autoren zu den historischen Dachwerken und Holzkonstruktionen, zu den Glockenstühlen, zum Glockenbestand, zu den Graffiti sowie zu den dendrochronologischen und 14C-Datierungen ergänzen die kulturhistorischen Forschungen an diesem einzigartigen Denkmal.

Der neue Forschungsband ist ab sofort im Buchhandel sowie direkt beim Michael-Imhof-Verlag erhältlich. Neben der gedruckten Ausgabe erscheint es auch in digitaler Form als Open Access-Publikation: unter https://www.propylaeum.de
URN: urn:nbn:de:bsz:16-propylaeum-ebook-1670, DOI: https://doi.org/10.11588/propylaeum.1670

Dr. Christoph Heuter, LWL Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen, erläutert im Dokumentarfilm die Besonderheiten des Westwerks Corvey.

Ganz anders als in Büchern ist in einem Film die Kunst des Weglassens gefragt. Diese stellte die Regisseurin Anna Tappeiner für Corvey eindrucksvoll unter Beweis. Sie hat für den LWL den Dokumentarfilm „Corvey – Das Welterbe in Westfalen“ gedreht. Im Mittelpunkt des Films steht die besondere Atmosphäre und Architektur des Westwerks von Kloster Corvey.

Beeindruckender Dokumentarfilm

In beeindruckenden Filmaufnahmen rücken die Filmemacherin und ihr Team die wechselvolle Baugeschichte des Welterbes am Ufer der Weser ins Bild. Expertinnen und Experten der LWL-Denkmalpflege und der LWL-Archäologie erläutern vor der Kamera die Besonderheiten des Westbaus und neue Forschungsergebnisse zu diesem faszinierenden Bauwerk.

Der Film ist bei der Buchpräsentation im Erbdrostenhof in Münster gezeigt worden. Vor der Kamera zu Wort kommt auch Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek, Pfarrverwalter der katholischen Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus Corvey. Er war zur Buch- und Filmpremiere mit einer Delegation aus Corvey angereist.

Zu sehen ist der Film auf dem YouTube-Kanal des LWL-Medienzentrums „Westfalen im Film“. 
Link: https://www.youtube.com/watch?v=Y3sTt-SAjC8

Buch- und Filmpräsentation im Erbdrostrenhof: Claus Peter (von links), Mitautor des Forschungsbandes, Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger (Kulturdezernentin LWL), Professor Dr. Michael M. Rind (Landesarchäologe), Dr. Roland Pieper (wissenschaftlicher Redakteur), Dr. Kristina Krüger (Hauptautorin), Peter Barthold (Mitautor), Dr. Holger Mertens (Landeskonservator), Prof. Dr. Markus Köster (Leiter des LWL-Medienzentrums für Westfalen) und Maria Anna Tappeiner (Regisseurin).