Einen ausgeweiteten Blick über das Mittelalter hinaus in die Frühe Neuzeit ermöglicht das Tagungsprogramm des zweiten Treffens des Netzwerks Corvey. 2025 ins Leben gerufen, bringt die Plattform ausgewiesene Kenner der mehr als 1200 Jahre alten ehemaligen Benediktinerabtei in den Austausch. Der interdisziplinäre Kreis bündelt und vernetzt profunde Expertise in Fragen der Forschung, Vermittlung und des Erhalts der heutigen UNESCO-Welterbestätte.

Geballte Expertise rund um das Weltkulturerbe Corvey: Die Partnerinnen und Partner des neu gegründeten Netzwerks unternahmen beim Auftakttreffen eine Exkursion zur ehemaligen Benediktinerabtei an der Weser. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht
Nach einem erfolgreichen Auftakttreffen in Höxter und Corvey im Mai 2025 haben sich vom Erzbistumsarchiv bis hin zum Lehrstuhl für die Geschichte der Frühen Neuzeit der Universität Paderborn weitere Partner angeschlossen. Das Museum in der ehemaligen Benediktinerabtei in Liesborn ist ebenfalls im Netzwerk vertreten.
Aktuelle Maßnahmen und Werkstattberichte
Das große Interesse freut die Initiatoren des Verbundes: Annika Pröbe M.A., Standortleitung für das karolingische Westwerk und die barocke Abteikirche Corvey, Dr. Holger Kempkens, Direktor des Diözesanmuseums Paderborn und Leiter der Fachstelle Kunst im Erzbischöflichen Generalvikariat, Professor Dr. Mechthild Black-Veldtrup, Leiterin der Abteilung Westfalen des Landesarchivs NRW, und Höxters Stadtarchivar Michael Koch M.A. hatten die Netze ausgeworfen und die Corvey-Kenner aus Forschung, Lehre, Museumsarbeit und Denkmalpflege zusammengeführt.

Der Durchbruch in den Johanneschor macht eine direkte Zuwegung aus dem angrenzenden Domänengebäude möglich. Diese Aufnahme stammt aus dem Herbst 2025. Inzwischen sind die Bauarbeiten weit gediehen. Dr. Christoph Heuter erläutert die barrierearme Erschließung der Emporenkirche aus Sicht der Denkmalpflege.
Im Juni dieses Jahres ist nun ein zweites Treffen in Höxter und Corvey geplant. Die Einladung ist den Partnern bereits zugegangen. „Wir werden die Schwerpunkte sowohl auf Führungen zu aktuellen Maßnahmen im karolingischen Westwerk als auch auf ‚Werkstattberichte‘ geplanter Vorhaben und auf Vorträge zu aktuellen Projekten legen“, kündigt Standortleiterin Annika Pröbe an.
Auch im Namen ihrer drei Mitstreitenden dankt sie für die eingegangenen Vortragsangebote der Partner, die den Blick über das Mittelalter hinaus in die Frühe Neuzeit ermöglichen. Einen Durchblick von der einen in die andere Epoche eröffnet die neue Zuwegung zum Johanneschor demnächst im wahrsten Sinne des Wortes: Die frühmittelalterliche Emporenkirche im Obergeschoss des Westwerks ist zukünftig aus dem angrenzenden – barocken – Domänengebäude heraus direkt zu erreichen. Den Durchbruch vom neuzeitlichen in den mittelalterlichen Gebäudeteil haben Restauratoren im Herbst 2025 geschaffen.
Tagung beginnt vor Ort in Corvey
Beim Netzwerktreffen im Juni können sich die Beteiligten vor Ort ein Bild machen. Dr. Christoph Heuter, Münster, LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen, erläutert barrierearme Erschließung des Johanneschores aus Sicht der Denkmalpflege. Zuvor begrüßen Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek, Katholische Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus Corvey, und Viktor Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey die Gäste im Atrium des Westwerks.
Im Tagungsprogramm geht es mit aktuellen Forschungsergebnissen und anstehenden Konservierungsarbeiten an den Wandmalereien im karolingischen Westwerk weiter. Restauratorin Franziska Tretow, Münster, LWL-Denkmalpflege, erläutert vor Ort das gemeinschaftliche Forschungsprojekt.

Forschungsergebnisse und Konservierungsarbeiten an den Wandmalereien im Westwerk sind Thema bei der Tagung.
Dieses umfasst die fragmentarisch erhaltenen, mehr als 1000 Jahre alten Wandmalereien in der Erdgeschosshalle des Westwerks und auch im Johanneschor. In dem erhabenen Sakralraum, der Herzkammer des Welterbes, sehen die Netzwerkpartner auch den neuen, würdigen Platz der einzigartigen Inschriftentafel aus der Anfangszeit des 822 gegründeten Klosters (Beitragsbild).
Die Eindrücke aus Corvey frisch im Gedächtnis, schließen die Teilnehmenden im Historischen Rathaus in Höxter den zweiten Teil des Netzwerktreffens an. Nach der Begrüßung durch Höxters Baudezernentin Julia Gogrewe beleuchtet Professor Dr. Hedwig Röckelein, Göttingen, den Stand der Bearbeitung der Corveyer Reliquien: Die Wissenschaftlerin betreut ein Projekt zur Untersuchung der Bestände in Trägerschaft der Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus und des Diözesanmuseums Paderborn.
Überlegungen zur Klostertopographie
Stadtarchivar Michael Koch, Stadtarchäologe Ralf Mahytka und Joris Coolen, LWL-Archäologie für Westfalen in Münster, schließen sich mit einem gemeinsamen Vortrag an. Sie erläutern neue Überlegungen zur Corveyer Klostertopographie im Fokus von Archäologie und Archivalienforschung.
Corveyer Schätze im Erzbistumsarchiv Paderborn lässt dessen Leiter, Domvikar Hans Jürgen Rade, in seinem Vortrag aufleuchten. Mit der barocken Bibliothek („Corvey II“), „Fragen an die Verzeichnis-Edition und die Digitalisierung der Bestände“, befasst sich Professor Dr. Johannes Süßmann, Universität Paderborn (Geschichte der Frühen Neuzeit).
Der nächste Vortrag richtet den Scheinwerfer auf die Klosterkirche der Weserabtei. Dr. Kristina Krüger, Müstair/Heidelberg, schildert neue Erkenntnisse zur Baugeschichte und zur Deutung des Westbaus.
Der Abschluss des impulsgebenden Tagungsprogramms ist schließlich dem „Klosterkonvent und Fürstenhof Corvey zwischen Dreißigjährigem Krieg und Säkularisation“ gewidmet. Dr. Fred Kaspar, Telgte, referiert.
Aktuelle Publikationen
Die Einladenden informieren die Netzwerkpartner auch auf aktuelle Publikationen. Dazu gehört von Michael Koch die Bibliographie Höxter, Corvey und Corveyer Land (Materialien der Historischen Kommission für Westfalen, Bd. 8), 8. erweiterte Ausgabe, Münster 2026, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hbz:6:2-2264524. „Eine Bibliographie ist ein klassisches Werkzeug, das dem Suchenden hilft, einen Überblick zu gewinnen“, erläutert Michael Koch im Vorwort. „Ein solcher Überblick fehlte bisher für Höxter und Corvey.“ Der Stadtarchivar hat Veröffentlichungen in gedruckter und digitaler Form – darunter auch digitale oder digitalisierte Fassungen von Büchern und im Internet angebotene Informationen und Informationsplattformen – berücksichtigt.

Der Forschungsband zur Baugeschichte des Westwerks komplettiert eine dreiteilige Buchreihe.
Ein Standardwerk zur „Bauuntersuchung und Baugeschichte des Westbaus“ hat der LWL im Dezember 2025 herausgegeben (Denkmalpflege und Forschung in Westfalen, Band 43.1.2 Teil 1-2, Heidelberg 2025). Die hochkarätige, aus zwei Bänden und einem Schuber mit 52 Beilagenplänen bestehende Publikation präsentiert nach mehr als 100 Jahren wissenschaftlicher Erforschung der Klosterkirche die abschließenden Ergebnisse.
Neubewertung der Kaiserkirchen-These
Hauptautorin Kristina Krüger hatte beim 2025-er Netzwerktreffen in Corvey angekündigt, dass der Forschungsband bald erscheinen werde. Ihre im Buch dargelegte Deutung des Westbaus sprach sie seinerzeit vor Ort im Johanneschor im Kreis der Corvey-Experten an. Die Kunsthistorikerin kommt zu einer völligen Neubewertung der Kaiserkirchen-These, die von einem Thronsitz des Herrschers auf der Westempore des Johanneschores ausging. Sie ist zu der Erkenntnis gelangt, dass der Johanneschor mit dem Ziel erbaut worden sei, Reliquien zu präsentieren und in Liturgie einzubinden.
Im Forschungsband erläutert Kristina Krüger diese These ausführlich. Digital erhältlich ist die Publikation über diese Links: https://doi.org/10.11588/propylaeum.1670 (Teil 1 als PDF), https://doi.org/10.11588/propylaeum.1674 (Teil 2 als PDF) und https://doi.org/10.11588/propylaeum.1675 (Beilagen als PDF).
Auch Band 43.1.1 (Gai, Krüger, Thier 2012) ist mittlerweile digital verfügbar: https://doi.org/10.11588/propylaeum.1687 (als PDF).
Über die Tagung des Netzwerks im Juni in Corvey und Höxter werden wir an dieser Stelle ausführlich berichten.