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„Digital macht Freude“

By 29. November 2019 Dezember 3rd, 2019 No Comments

Die Transformation jahrzehntelanger Forschungsergebnisse in digitale Tools kann auch zerstörte Welterbestätten zumindest in Teilen wieder erlebbar machen. Für diese Recovering-Prozesse in und außerhalb Europas haben die Planungen zur didaktischen Erschließung des Welterbe Westwerks Corvey ihren Platz im Kontext der Vorbild-Beispiele. Auf diesen wegweisenden Modellcharakter hat Dr. Birgitta Ringbeck, Koordinierungsstelle Welterbe im Auswärtigen Amt Berlin, bei der zweitägigen internationalen Tagung „Neue Technologien zur Vermittlung von Welterbe“ in Paderborn und Corvey hingewiesen – und damit dem wissenschaftlichen Kompetenzteam um Professor Dr. Christoph Stiegemann ein exzellentes Zeugnis für die spannenden Vorhaben zur virtuellen Wiederauferstehung der von Engeln bewachten Himmelsstadt ausgestellt.

Dr. Tino Mager (von links, Vorstand Deutsches Nationalkomitee von ICOMOS), Dr. Dörthe Jakobs (Deutsches Nationalkomitee von ICOMOS, Stuttgart), Generalvikar Alfons Hardt, Professor Dr. Christoph Stiegemann (Leiter des wissenschaftlichen Kompetenzteams zur Erschließung des Westwerks in Corvey), Alexander Fischer (Bürgermeister Höxter), Carolin Kolhoff (Leiterin Fachbereich Welterbe, Deutsche UNESCO-Kommission), Dr. Uwe Koch (Deutsches Nationalkomitee für Denkmalschutz Berlin), Dr. Birgitta Ringbeck (Auswärtiges Amt, Koordinierungsstelle Welterbe) und Friedhelm Spieker (Landrat des Kreises Höxter) bei der Eröffnung der Tagung. Fotos: Kalle Noltenhans

Mit dem Rückenwind der ersehnten denkmalrechtlichen Genehmigung der Glastrennwand zwischen Westwerk und barocker Abteikirche des einstigen Benediktinerklosters im Weserbogen bei Höxter hieß Generalvikar Alfons Hardt 136 Teilnehmer aus Deutschland, der Schweiz, Italien und Spanien zu der vom Erzbistum Paderborn, der Deutschen UNESCO-Kommission und ICOMOS Deutschland veranstalteten hochkarätigen Tagung im Forum St. Liborius in Paderborn willkommen.

Vertreter bedeutender europäischer Welterbestätten wie der Domus Aurea in Rom, dem Welterbe Tarraco in Katalonien im Nordosten Spaniens, der Klosterinsel Reichenau und dem Fagus-Werk in Alfeld bei Hannover gewährten aufschlussreiche Einblicke in ihre Konzepte zur Erschließung und zur Nutzung digitaler Technologien. Die virtuelle Handschriftenbibliothek der Schweiz – e-codices­ – stand ebenfalls im Mittelpunkt.

Führungen im Westwerk

Am zweiten Tag der Tagung hatten die Teilnehmer die Möglichkeit,  sich selbst ein Bild von der beeindruckenden karolingischen Architektur und den herausragenden Wandmalereien des Welterbe-Westwerks Corvey zu machen.

Dr. Matthias Exner, Deutsches Nationakommitee von ICOMOS, München, bei seinem Vortrag in Corvey.

Vor den Führungen in der Erdgeschosshalle und im Johanneschor erläuterte Dr. Matthias Exner, Deutsches Nationalkomitee von ICOMOS, München,  den universellen Wert der Corveyer Malereien, zu deren Alleinstellungsmerkmalen die berühmte Odysseus-Szene als Zeugnis der Berücksichtigung profaner und umgedeuteter Ikonographie in den Bildprogrammen karolingischer Sakralbauten sowie die Sinopien und Stuckfragmente des Johanneschors gehören. „Sie erlauben den wichtigsten Beleg für die Produktion von Großplastik aus karolingischer Zeit nördlich der Alpen und zugleich den aussagekräftigsten Nachweis für die enge konzeptionelle und handwerkliche Synthese von Wandmalerei und Stuckplastik in den Dekorationssystemen dieser Epoche“, erläuterte Dr. Exner.

Zwei Erzählstränge

Ohne jeglichen Eingriff in die sensible Bausubstanz will das wissenschaftliche Kompetenzteam  die Himmelsstadt und ihre Ausgestaltung  in zwei Erzählsträngen zum Strahlen bringen: In Wechselwirkung mit dem Ort sollen die Besucher fast schon detektivisch auf Spurensuche gehen und in einem zweiten Erzählstrang die malerischen Werkprozesse erleben. „Sie werden erleben, wie aus dem Nichts die kunstvolle Malerei entsteht“, so Professor Stiegemann,  „allerdings nicht mit einer virtuellen Brille, sondern mit dem Tablet.“ Dem Kompetenzteam ist nämlich die Wechselwirkung mit der unvergleichlichen Aura des authentischen Ortes ein großes Anliegen.

Meilenstein in der Vermittlungsarbeit

Dr. Uwe Koch erläutert die digitalen Offensiven zum Kulturerbejahr.

Diese Zielsetzung unterstrich  Carolin Kohlhoff, Leiterin des Fachbereichs Welterbe bei der Deutschen UNESCO-Kommission:  „Der Einsatz neuer Technologien im Welterbe ist ein Meilenstein in der Vermittlungsarbeit, er kann jedoch nicht zur Gänze die Erfahrung und das Erleben einer Stätte vor Ort ersetzen.“ Dr. Uwe Koch, Deutsches

Nationalkomitee für Denkmalschutz, Berlin, brachte die  digitale Visualisierung ebenfalls als „Ergänzung zur analogen Betrachtung“  in die Diskussion ein. Bei der Vermittlung von Kulturerbe spielten digitale Tools eine wichtige Rolle, weil sie Erfahrbarkeit verbessern. „Digital macht Freude“, resümierte Koch nicht zuletzt auch nach den Erfahrungen des Europäischen  Kulturerbejahres und mit den einhergehenden Offensiven. „Digitale Tools können Steine zum Sprechen bringen, neue Nutzergruppen erschließen und eine Vernetzung generieren.“

Zugang zum Weltwissen fördern

Carolin Kolhoff verweist auf das Ziel der UNESCO, den Zugang zum Weltwissen im digitalen Raum zu fördern.

Diese  Intention stehe in vollem Einklang mit dem Ziel der UNESCO, Zugang zum Weltwissen im digitalen Raum zu fördern, sagte Carolin Kohlhoff. „Ebenso harmoniert dieses Ziel mit dem Anliegen der Deutschen UNESCO-Kommission, den Zugang zu kulturellem Erbe für jeden zu ermöglichen.“

„Wir arbeiten für die Zukunft“

Dabei gelte es, vor allem auch junge Menschen teilhaben zu lassen, hob Mònica Borrell Giró, Direktorin des Nationalen Archäologischen Museums von Tarragona, Spanien, hervor. „Es ist wichtig, in die Zukunft zu denken und junge Menschen zu erreichen. Wir arbeiten für ihre Zukunft. “ Die jungen Menschen seien diejenigen, die morgen für den Erhalt des kulturellen Erbes Verantwortung tragen. Wie die Vorteile der digitalen Erschließung intelligent genutzt werden könnten, dazu seien bei der Tagung interessante Beispiele  zur Sprache gekommen.

Begeisterung wecken

Professor Dr. Christoph Stiegemann erläutert die Planungen zur Erschließung des Westwerks.

Um Begeisterung zu wecken, gelte es auch, die Menschen emotional einzufangen, postulierte Professor Stiegemann auch im Hinblick auf Corvey.  „Wir müssen die Inhalte so übersetzen, dass es verständlich wird und auch die emotionale Ebene erreicht.“ Angesichts der schnellen Überalterung von Bildern gelte es,  Narrative für die Vermittlung zu entwickeln, die durch ihre Überzeugungskraft eine gewisse Zeitlosigkeit gewinnen.

„Corvey ist der intensiven technischen Unterstützung geradezu bedürftig“, konstatierte Dr. Matthias Exner. Grundsätzlich hob er hervor, dass der Einsatz digitaler Tools auf wissenschaftlichen Fakten basieren und sich von populären Spielarten abgrenzen müsse. Storytelling mit Kostümfilm-Versatzstücken lehnt Dr. Exner ab.

„Qualität darf nicht leiden“

Dr. Tino Mager betont, dass die Qualität unter der Präsentation nicht leiden darf.

Auf die Qualität der Inhalte zu achten, ist auch Dr. Tino Mager vom Vorstand des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS ein Anliegen. „Die Qualität darf nicht unter der Präsentation leiden.“  Bei der Tagung habe er hervorragende Beispiele gesehen.

„Es ist zentral, dass wir eine gute wissenschaftliche Grundlage haben und die dann digitalisieren“, betonte Dr. Ringbeck. Diese Basis sei in Corvey auf höchstem Niveau  gegeben, verwies sie auf die jahrzehntelangen dokumentierten Forschungen  von Hilde Claussen und Uwe Lobbedey.

Auf gemeinsames Handeln kommt es an

Die Tatsache, dass die Forschungsergebnisse dieser beiden hochkarätigen Wissenschaftler digital dokumentiert werden, trage dazu bei, dass  Corvey als Best-Practise-Beispiel für Recovering-Prozesse in Rede stehe.

Die Tagung hat dazu beigetragen, die ehemalige Reichsabtei und ihr einzigartiges Westwerk im Kontext der internationalen Welterbestätten – in der Champions-League – zu verorten. Referenten und Teilnehmer ließen keinen Zweifel daran, dass es  bei der  Erschließung des Juwels am Weserbogen – wie letztlich bei allen besonderen Orten –  auf ein konzertiertes, gemeinsames Handeln aller Beteiligten ankommt.