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Anregende Gedankenreisen

By 17. Dezember 2020Juli 19th, 2021No Comments

Erträgeband zur internationalen Tagung „Neue Technologien zur Vermittlung von Welterbe“ liegt vor

Erträgeband zur Tagung 2019 ICOMOS LXXVII · PDF, 16 MB

Closed but open (geschlossen, aber geöffnet): Unter diesem Motto haben Kultureinrichtungen in der Corona-Pandemie aus der Not der Schließungen eine Tugend gemacht und mit virtuellen Rundgängen auf ihren Homepages und Social-Media-Kanälen ein breites Publikum bei der Stange gehalten. Der wochenlange Stillstand des öffentlichen Lebens hat die Digitalisierung schon im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 rasant in Fahrt gebracht. Nur wenige Monate vorher, Ende November 2019, hat sich ein interdisziplinäres Fachpublikum aus dem In- und Ausland bei einer hochkarätigen Tagung in Paderborn und Corvey mit „neuen Technologien zur Vermittlung von Welterbe“ beschäftigt. Die Corona-Pandemie zieht dieses wichtige Zukunfts-Thema in die Gegenwart hinein – und verleiht dem jetzt vorliegenden, 272 inhaltsstarke Seiten umfassenden Tagungsband mit sämtlichen Vorträgen, Grußworten und ansprechenden Abbildungen eine impulsgebende Aktualität.

Tagung initiiert Vernetzung der Welterbestätten

Professor Dr. Christoph Stiegemann, Leiter des wissenschaftlichen Kompetenzteams zur multimedialen Erschließung des karolingischen Westwerks Corvey, weist in seinem Vorwort auf die Aktualität des Tagungsthemas unter dem Eindruck der Corona-Pandemie hin. Der ehemalige Leiter des Diözesanmuseums Paderborn hat die Publikation herausgegeben. Sie reiht sich ein in die Hefte des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS, das die Tagung zusammen mit dem Erzbistum Paderborn und der Deutschen UNESCO-Kommission veranstaltet hat. Das Symposion hat, so Stiegemanns Bilanz, wesentlich dazu beigetragen, die ehemalige Reichsabtei und ihr einzigartiges Westwerk im Kontext der internationalen Welterbestätten neu zu verorten. „Es bleibt zu hoffen, dass der mit der Tagung angestoßene Prozess der Vernetzung der Welterbestätten gerade mithilfe neuer Technologien fortgeschrieben und der anregende Austausch fortgesetzt werden kann“, so Professor Stiegemann, der zwei Wissenschaftlerinnen seines Corvey-Kompetenzteams, Annika Pröbe und Dr. Anne Veltrup, für die Vorbereitung und Organisation des Symposiums und auch für die redaktionelle Betreuung des Erträgebandes seinen Dank ausspricht.

Junge Leute sind wichtige Zielgruppe

Die Beiträge in der Publikation richten den Spot auf das „Who is Who“ der bedeutenden europäischen Welterbestätten. Fachleute der Domus Aurea in Rom, des Welterbes Tarraco in Katalonien im Nordosten Spaniens, der Klosterinsel Reichenau und des Fagus-Werks in Alfeld bei Hannover erläutern anschaulich ihre Konzepte zur Erschließung und zur Nutzung digitaler Technologien. Professor Stiegemann hebt in seiner Rückschau nachdrücklich ein Anliegen hervor, das Mònica Borell Gíro, Direktorin des Archäologischen Nationalmuseums von Tarragona, Spanien, während der Tagung ins Gespräch gebracht hatte: Es gelte, vor allem auch junge Menschen an der digitalen Erschließung des Weltwissens teilhaben zu lassen. Diese wichtige Zielgruppe nimmt auch Carolin Kohlhoff, Leiterin Fachbereich Welterbe der Deutschen UNESCO-Kommission, Bonn, in den Blick. Neue Formen der digitalen Interaktion böten Welterbestätten die Chance, junge Menschen anzusprechen. „Sie sollen das Erbe nach uns in die Zukunft weitergeben, also müssen sie frühzeitig partizipativ eingebunden werden.“

Der Konsens hinsichtlich dieser Aufgabe spiegelt sich im Tagungsband ebenso wider wie die übereinstimmende Grundauffassung, dass der Einsatz neuer Technologien die Erfahrung und das Erleben der Stätte vor Ort nie vollständig ersetzen kann. Dieser Überzeugung entsprechend, wird die digitale Spurensuche im karolingischen Westwerk Corvey ausschließlich in Wechselwirkung mit der unvergleichlichen Aura des Ortes möglich sein. 

Alleinstellungsmerkmale in Augenschein genommen

Von der Wirkmächtigkeit dieses Leuchtturms der Christenheit machten sich die 136 Tagungsteilnehmer am zweiten Tag des Symposiums einen Eindruck. Sie nahmen die fragmentarisch erhaltenen Wandmalereien aus karolingischer Zeit in der Erdgeschosshalle des Westwerks und vor allem im Johanneschor in Augenschein. Die annähernd 1200 Jahre alten Malereien gehören zu den herausragenden Alleinstellungsmerkmalen, die Corvey zum Welterbe adeln. Im Tagungsband spielen sie natürlich in Wort und Bild eine ihnen gebührende Rolle. Schon allein das Titelbild richtet den Blick auf die von Engeln bewachte Himmelsstadt, als die der Johanneschor erschaffen wurde und die jetzt ohne Eingriff in die sensible Substanz dank digitaler Möglichkeiten wieder auferstehen soll. Die Titelseite zeigt ein Akanthusfries im mittleren Laibungsbogen der Westarkade des Johanneschores. Dr. Matthias Exner, Deutsches Nationakommitee von ICOMOS, München, ordnet den universellen Wert der erhaltenen Wandmalereien im Tagungsband ausführlich ein. Katharina Heiling (Restauratorin), Karen Keller (restauratorische Fachbauleitung) und Horst Schuh (Klimagutachter) beleuchten die Bestandserfassung, die restauratorische Baubegleitung und das Klimamonitoring im karolingischen Westwerk.

Parallel zu den konservatorischen Maßnahmen läuft, so Professor Stiegemann im Tagungsband, mit Unterstützung der LWL-Denkmalpflege eine mehrjährige, groß angelegte Dokumentation und Erfassung der umfangreichen Archivalien-Bestände. „Die dabei entstandenen Objektakten, Restaurierungsakten, Dokumentationen, Dias, Pläne, Wandmalereipausen und Fotos zu Corvey lagern in den Archiven des LWL-Landesamts. Sie wurden erfasst und in einer Datenbank zusammengeführt.“ Diese Datenbank enthalte auch das Konvolut von Handakten der beiden großen Corvey-Forscher Hilde Claussen und Uwe Lobbedey.

Corvey als „Best Practise“-Beispiel 

Ohne die langjährigen Forschungen insbesondere dieser beiden Wissenschaftler hätte die weltweite Bedeutung Corveys nicht belegt werden können, betont Dr. Birgitta Ringbeck vom Auswärtigen Amt Berlin (Leiterin der Koordinierungsstelle Welterbe). Sie war Motor der erfolgreichen Welterbe-Bewerbung und ordnet Corvey im Tagungsband als „Best Practise“-Beispiel ein, wenn es darum geht, die analogen Dokumentationstechniken vorangegangener Forschergenerationen in die digitale Erfassung, Vermessung und Vermittlung zu integrieren. 

Innovative Strahlkraft

Sowohl die Geschichte der ehemaligen Reichsabtei als auch das bis heute lebendige Glaubensleben wird im Tagungsband von Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek und dem geschäftsführenden Vorsitzenden des Kirchenvorstandes, Josef Kowalski, beleuchtet. „Durch die Möglichkeiten der Anwendung neuer Technologien öffnen sich Räume, in denen Glaube und Geschichte auf eindrucksvolle Weise erfahrbar werden. Mit ihrer Hilfe wird Corvey als lebendiger Glaubens- und Erinnerungsort auch im 21. Jahrhundert seine innovative Strahlkraft weiter entfalten können“, sind beide überzeugt. 

Erinnerungsort für die Kirche von Paderborn

Generalvikar Alfons Hardt würdigt in seinem Grußwort die Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus Corvey. Ihr obliegt die Fürsorge für Abteikirche und Westwerk. „Das ist eine enorme Leistung, die die kleine Gemeinde erbringt.“ Der Generalvikar dankt dem Pfarrdechanten und dem engagierten Kirchenvorstand. Und er richtet den Blick auf 2022: In diesem Jahr liegt die Gründung Corveys genau 1200 Jahre zurück. Dieser Jahrestag sei „ein Schlüsseldatum für die frühe Geschichte des Christentums in Sachsen“. Damit sei Corvey ein wesentlicher Erinnerungsort für die Kirche von Paderborn. 

Kulturstätte von Weltrang

Der ehemalige Landrat des Kreises Höxter, Friedhelm Spieker, stuft die einstige Benediktinerabtei  im Kontext der bedeutenden Erinnerungsorte als hochrangig ein und untermauert dieses Urteil mit großer Wertschätzung für die didaktische Erschließung: „Nicht nur wegen der von der UNESCO anerkannten Alleinstellungsmerkmale, sondern auch durch die ambitionierten Planungen zur virtuellen Wiederauferstehung der von Engeln bewachten Himmelsstadt gehört Corvey zu den Kulturstätten von Weltrang.“

Aus dieser „Champions League“ waren bedeutende Vertreter bei der internationalen Tagung präsent. Der Erträgeband ist in einer Auflage von 1000 Exemplaren erschienen und an Tagungsteilnehmer, ICOMOS-Mitglieder und andere Repräsentanten verschickt worden. Interessierte können sich die Publikation unter dem obenstehenden Link herunterladen und (Gedanken-)Reisen zu spannenden und ganz unterschiedlichen Welterbestätten unternehmen. Sie erfahren Wissenswertes über das großartige Corvey, dem mit der multimedialen Erschließung eine glanzvolle Blütezeit bevorsteht. 

(Sabine Robrecht)