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„Es gibt viel zu entdecken, von dem wir noch nichts ahnen”

By 18. Juni 2023Februar 15th, 2024No Comments

In einer Zeit zunehmender Entchristlichung ist vom Vitusfest in der ehemaligen Benediktinerabtei Corvey ein hoffnungsvolles Signal ausgegangen: Etwa 600 Menschen machten die Feierlichkeiten im Andenken an den Schutzpatron des Corveyer Landes zu einem großen gemeinschaftlichen Glaubensbekenntnis.

Vitus 2023: Die Feierlichkeiten waren ein Höhepunkt im Jubiläumsjahr zum 1200-jährigen Bestehen des Klosters Corvey. Diözesanadministrator Monsignore Dr. Michael Bredeck (Mitte) war Hauptzelebrant und Festprediger des Festhochamtes.

Vitus 2023: Die Feierlichkeiten waren ein Höhepunkt im Jubiläumsjahr zum 1200-jährigen Bestehen des Klosters Corvey. Diözesanadministrator Monsignore Dr. Michael Bredeck (Mitte) war Hauptzelebrant und Festprediger des Festhochamtes. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht

Diesen Glauben an Jesus Christus frei und unbehelligt bekennen zu können, sei angesichts der Christenverfolgungen weltweit ein Privileg, betonte der Festprediger und Hauptzelebrant des Festhochamtes im Schlosspark in Corvey, Diözesanadministrator Monsignore Dr. Michael Bredeck. Gefährlich sei es nicht, zu seinem Glauben zu stehen – wohl aber zunehmend ungewöhnlich, verwies der höchste Repräsentant des Erzbistums Paderborn auf die Tatsache, dass Christen aller Konfessionen in den großen Städten unseres Landes schon in der Minderheit seien, ganz besonders in jungen Altersgruppen.

Diözesanadministrator Monsignore Dr. Michael Bredeck war Hauptzelebrant und Festprediger des Hochamtes zum Vitusfest. Nach der Ansgar-Vesper im Februar war er zum zweiten Mal im Rahmen des Jubiläums in Corvey zu Gast.

Diözesanadministrator Monsignore Dr. Michael Bredeck war  nach der Ansgar-Vesper im Februar  zum zweiten Mal im Rahmen des Jubiläums in Corvey zu Gast. Er rief in seiner Festpredigt zur synodalen Erneuerung auf: „Es liegt an uns, ob wir mutlos oder kreativ an die nächste Wegstrecke vor uns herangehen.”

Kirche ringt um Positionierung in der Gesellschaft

„Wir wissen, dass wir als Kirche, als Christen, überall in Deutschland eine Minderheit sein werden. Es liegt aber an uns, ob wir mutlos oder kreativ an die nächste Wegstrecke vor uns herangehen“, rief der Geistliche zum Aufbruch auf.

Sonnenschein und sommerliche Temperaturen prägten das Vitusfest in Corvey.

Sonnenschein und sommerliche Temperaturen prägten das Vitusfest in Corvey.

Zuvor analysierte er schonungslos die Situation der katholischen Kirche in der Bundesrepublik. Sie ringe um ihre Positionierung in einer spätmodernen und zunehmend nachchristlichen Gegenwart und scheine, wie viele Beobachter es beschreiben, mehr und mehr den Kontakt zur Mitte der Gesellschaft zu verlieren und sich mit sich selbst anstatt mit den Menschen und der Verkündigung des Glaubens zu beschäftigen. „Hinzu kommen viele Verletzungen und Enttäuschungen, die gerade bei engagierten katholischen Christinnen und Christen durch Menschen der Kirche hervorgerufen wurden und werden“, konstatierte Dr. Bredeck. „Wenn wir diese Wahrheit an uns heranlassen, müssten wir als Kirche durchaus demütig werden, gewissermaßen kleine Brötchen backen und uns selbst als ‚Kirche ohne Illusionen‘ aufstellen“, schlussfolgerte er.

Die Prozession auf dem Weg zum Dreizehnlindenkreuz.

Die Prozession auf dem Weg zum Dreizehnlindenkreuz.

Mit der Grundfrage der Positionierung der Kirche in der Gegenwart scheinen ihm die innerkirchlichen Spannungen viel zu tun zu haben, betonte der Festprediger. Diese Positionierung stehe im Hintergrund des Synodalen Weges, auf den sich die katholische Kirche in Deutschland 2018 gemacht habe. Beschlüsse und Reaktionen zeigten, wie engagiert, aber auch wie schmerzhaft und verletzend das Ringen um nötige Klärungen und neue Wege sein könne.

Die Glaubensgeschichte Corveys zeige allerdings auch, dass dieses Ringen zur Geschichte der Kirche und des christlichen Glaubens dazugehöre. Auch der Weg des heiligen Ansgar, der im 9. Jahrhundert von Corvey aus den Norden missioniert hat, sei „kein unbeirrter, von Beifall und Zustimmung begleiteter Spazierweg“ gewesen.

Nach dem Festhochamt im Schlossgarten begann die Prozession.

Nach dem Festhochamt im Schlossgarten begann die Prozession.

Viele der Fragen des Synodalen Weges in Deutschland seien auch in anderen Ländern ein Thema. In dieser Situation habe Papst Franziskus für die Weltkirche etwas Mutiges getan: Er habe  einen eigenen synodalen Prozess für die katholische Weltkirche einberufen.

Heiliger Geist ist der eigentliche Regisseur

Auf welchen Fundamenten dieser Weg steht, fächerte Monsignore Dr. Bredeck dem großen Zuhörerkreis an diesem sommerlich sonnigen Sonntag im Schlossgarten impulsgebend auf. Ein synodaler Stil, wie Franziskus ihn verstehe, verwirkliche sich in drei Schritten: in der Begegnung, im Einander-Zuhören und in der Unterscheidung. Dieser Dreiklang sei ein „stilvoller Gegenentwurf zum Gegeneinander in der Kirche und zur Polarisierung in der Gesellschaft“ und könne hilfreich sein für den weiteren Weg in einer Kirche, in der es eine Vielzahl von Meinungen und Vorstellungen gibt. Begegnung statt Polarisierung – und dabei auch offen sein für die Überraschungen, die der „eigentliche Regisseur im synodalen Prozess“, der Heilige Geist, bereithalte. Diese Strategie ließen die Gäste am geschichtsträchtigen Glaubensort Corvey auf sich wirken.

Das Dreizehnlindenkreuz ist eine Station bei der Vitusprozession.

Das Dreizehnlindenkreuz ist eine Station bei der Vitusprozession.

Offene Prozesse in der Kirche seien im Übrigen nichts Neues, verwies Dr. Bredeck auf die Mönche aus Corbie, die das Weserkloster 822 gründeten. Auch sie seien – ebenso wie Ansgar auf seinen Missionsreisen – ins Offene gegangen. Dass Vitus, der jugendliche Märtyrer aus spätantiker Zeit, für Westfalen und bis nach Prag wichtig werden würde, sei auch nicht absehbar gewesen.

Bewegender Abschluss der liturgischen Feierlichkeiten in der ehemaligen Abteikirche: Die Menschen legten beim Vitusfest ein Bekenntnis zum Glauben ab.

Bewegende Augenblicke in der ehemaligen Abteikirche: Der Abschluss der liturgischen Feierlichkeiten mit Tantum ergo und Sakramentalem Segen ließ Corvey als Ort des Glaubens aufleuchten.

Auch jetzt – auf dem Weg der Erneuerung durch Synodalität – gebe es „viel zu entdecken, von dem wir noch nichts ahnen“. Monsignore Dr. Bredeck wünschte den Menschen im Corveyer Land, dass das 1200-jährige Bestehen der Weserabtei sie  inspiriere, im Stil der Begegnung und des Einander-Zuhörens in eine offene Zukunft zu gehen.

Projektchor und Vitus-Tusch begeistern

Diese Aufgeschlossenheit prägte das Vitusfest im Jubiläumsjahr. Denn die Feierlichkeiten mit Eucharistie im Schlosspark, Prozession und fulminantem liturgischem Abschluss in der ehemaligen Abteikirche verbanden Tradition und Neuland. Erstmals brachte das Blasorchester Albaxen den vom ehemaligen Musikschulleiter Martin Leins komponierten neuen Vitus-Tusch zu Gehör. Die Menschen waren beeindruckt – und können sich gut vorstellen, dass diese von Diakon Erwin Winkler vorgeschlagene festliche Fanfare ausgehend vom Jubiläum ein Aushängeschild für Corvey werden kann.

Der Projektchor gemeinsam mit Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek und Diözesanadministrator Monsignore Dr. Michael Bredeck. Die Geistlichen dankten den Sängerinnen und Sängern.

Der Projektchor gemeinsam mit Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek und Diözesanadministrator Monsignore Dr. Michael Bredeck. Die Geistlichen dankten den Sängerinnen und Sängern.

Außerdem gestaltete erstmals ein Projektchor mit Sängerinnen und Sängern aus dem gesamten Pastoralverbund die Feierlichkeiten mit. Unter der Leitung von Wilhelm Gickler bildeten die Frauen und Männer einen beeindruckenden Klangkörper. Sowohl draußen als auch beim Abschluss in der Kirche sangen sich die Mitwirkenden in die Herzen der Gäste.

Pastoralverbundsleiter Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek, der den Projektchor angeregt hatte, teilte seine Begeisterung mit den vielen Festgästen. Und hofft genauso wie sie alle, dass diese Gemeinschaft sich für weitere Anlässe wieder zusammenfindet.

Geschenk von Freunden: Messgewand aus Corbie erstmals im Einsatz

Der Pfarrdechant brachte auch die Verbundenheit zum einstmaligen Mutterkloster Corbie zum Ausdruck und berichtete gleich zu Beginn des Festhochamtes, dass Monsignore Dr. Bredeck gerade ein barockes rotes Messgewand trage, das die Kirchengemeinde Corbie den Freunden in Corvey zum 1200-jährigen Bestehen geschenkt hat. „Es kommt heute zum ersten Mal zum Einsatz“, freute sich der Geistliche. Monsignore Dr. Bredeck erinnerte an die karolingische Verbindung zwischen Paderborn und Corvey und übermittelte die Grüße des emeritierten Erzbischofs Hans-Josef Becker.

An die liturgischen Feierlichkeiten in der Welterbestätte schloss sich ein großes Pfarrfest mit Begegnungen, Musik und guten Gesprächen im Domänenhof an.

Text: Sabine Robrecht