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Sprudelnde Quellen und sprechendes Papier –
Schlüssel zum Corveyer Wissensschatz

Gesamtansicht des Westwerks während der Fundamentverstärkung 1965

Gesamtansicht des Westwerks während der Fundamentverstärkung 1965

Woher stammt unser bisheriges Wissen über die ehemaligen Benediktinerabtei Corvey mit ihrem einzigartigen karolingischen Westwerk und der barocken Kirche? Gerade zu diesem besonderen Ort gibt es eine Fülle von Textzeugnissen. Sie erzählen von der Gründung des Klosters im frühen 9. Jahrhundert, reichen bis in die Gegenwart und geben Antworten auf viele Fragen. Auch das historische Gebäude selbst ist eine wunderbare Quelle. Wissenschaftler und Experten unterschiedlichster Disziplinen haben hier geforscht, gesammelt und gesichert. Das Wissen aus diesen Quellen zu bündeln, gehört zu den Aufgaben der Inventarisation. Dafür ist im wissenschaftlichen Corvey-Team die Kunsthistorikerin Anne Veltrup zuständig. Sie sorgt dafür, dass Erkenntnisse aus vergangenen Zeiten auch zukünftig optimal genutzt und interpretiert werden können. Was das bedeutet, hat sie hier zusammengefasst.

Äbte, Türme, heilige Gebeine

Die Aufzeichnungen beginnen mit der Entstehung der karolingischen Abtei. Mönche, die direkt am Geschehen beteiligt waren, berichteten vom „Anfang des Klosters Neu Corbie“ im Jahr 822 und der Übertragung der Reliquien des heiligen Vitus, also der „Translatio sancti Viti“, vierzehn Jahre später. Für das Jahr 873 vermerkten sie: „In diesem Jahr wurden die Fundamente der drei Türme in Neu Corbie von dem ehrwürdigen Abt Adalgar gelegt am Mittwoch, dem 8. April“. Die Weihe des Westwerks wurde 885 in schlichten Worten dokumentiert: „Dedicatio Trium TVRRIVM“, „Weihe der drei Türme“. Sie notierten außerdem die feierliche Einsetzung ihrer Äbte und verzeichneten deren Todesjahre, hielten aber auch wichtige Daten zu ihren jeweiligen Kaisern, Königen und Päpsten fest und vermerkten bedeutsame Naturereignisse und Feldzüge.

Die Corveyer Annalen

Diese bunt gemischten Eintragungen, heute bekannt als Corveyer Annalen, wurden von den Mönchen fast 200 Jahre lang an den Rand einer angelsächsischen Ostertafel, d. h. einer wichtigen Hilfe zur Berechnung des beweglichen Osterdatums, geschrieben. Daneben dokumentieren Kaiserurkunden, wie sie in dieser großen Anzahl kaum ein anderes Kloster aufweist, Schenkungen von Grundbesitz und kostbaren Reliquien und bezeugen Privilegien wie Immunität, Marktrecht und freie Abtswahl, die zu Aufstieg und Blüte des Klosters in den ersten Jahrhunderten führten. Diese und viele weitere historische Quellen, die vor allem im Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, aufbewahrt werden, lassen die Geschichte des Klosters lebendig werden.

Fundamentverstärkung 1965: Dokumentation der Arbeitsschritte

Datenbank für wissenschaftliche Schätze

Der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen obliegt die Bewahrung und Erforschung der Baudenkmäler in Westfalen-Lippe. Die bei der Erfüllung dieser Aufgabe entstandenen Objektakten, Restaurierungsakten, Dokumentationen, Dias, Pläne, Wandmalereipausen und Fotos zu Corvey lagern in den Archiven der Behörde. Sie wurden erfasst und in einer Datenbank zusammengeführt. Sie enthält auch ein Konvolut von Handakten zweier Wissenschaftler, die jahrzehntelang das ehemalige Kloster Corvey erforscht haben, Prof. Dr. Hilde Claussen und Prof. Dr. Uwe Lobbedey. Ihre archäologischen und bauhistorischen Arbeiten und Ergebnisse bilden die Grundlage für unsere Kenntnis der karolingischen Klosterkirche und ihrer Ausstattung bzw. Ausmalung. Hilde Claussen hat bereits in den 60er Jahren dazu geforscht. Spektakulär sind die Funde von Stuckfragmenten im Bodenbereich des Johannischores, die man erst für romanisch gehalten hatte. Dann wurden in den 90er Jahren auf der Suche nach Steinscheiben die Vorzeichnungen großer Figuren entdeckt. Der Befund ist einzigartig: solche Vorzeichnungen karolingischer Stuckplastiken gibt es kein zweites Mal. Die Forschungen Lobbedeys haben die Baugestalt der karolingischen Klosterkirche und des Westwerks als einzigem erhaltenen seiner Art erschlossen. Auch die Rekonstruktion des zweigeschossigen Atriums, welches dem Westwerk bis in das 17. Jahrhundert hinein vorgelagert war, geht auf ihn zurück.

Überliefertes Architektenwissen rettet kostbare Bausubstanz

Daneben liefern auch die Unterlagen der mit Erhaltungs- und Umbaumaßnahmen betrauten Architekten wichtige Informationen, vor allem für die Arbeit der Restauratoren. So befindet sich im Archiv des 1955 gegründeten Architekturbüros Rode, heute Henne, Höxter, eine Dokumentation von der Fundamentverstärkung des Westwerks 1965. Die Maßnahme erschien wegen der Rissbildung im Mauerwerk des Westwerks unumgänglich, ein Gutachten bestätigte das und die Durchführung wurde in Plänen und Fotos genau dokumentiert.
Diese Aufzeichnungen und Bilder früherer Bau- und Restaurierungsmaßnahmen in Corvey sind ein Glücksfall und liefern wertvolles Hintergrundwissen, auch für die aktuellen Erhaltungs- und Erschließungsmaßnahmen.

(Quellen zitiert nach Karl Heinrich Krüger, Zur Geschichte des Klosters Corvey, in: Sveva Gai, Karl Heinrich Krüger und Bernd Thier, Die Klosterkirche Corvey, Band 1.1: Geschichte und Archäologie, hrsg. vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe 2011, S. 19-104)

Sämtliche Fotos entstammen einer Dokumentation der Firma, die 1965 die Fundamentverstärkung des Westwerks durchführte. (Archiv Architekturbüro Henne, Höxter)

Fundamentverstärkung 1965: Bauarbeiter

Dokumentation der Rissbildung im Bereich der nördlichen zugemauerten Öffnung der Fassade

Dokumentation der Rissbildung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Anne Veltrup ist Goldschmiedin und promovierte Kunsthistorikerin. Ihre Dissertation schrieb sie zum Thema „Die Prunkkassetten der Renaissance“. Viele Jahre arbeitete sie am Grünen Gewölbe, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Bereits während ihres Studiums war sie für das Erzbistum Paderborn im Bereich der Inventarisierung des beweglichen Kunstgutes in den Kirchengemeinden tätig.

Foto: Peter Wiegel, Münster