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Pentimenti erzählen vom Schaffensprozess

By 10. Februar 2020 No Comments

Erkenntnisse der Restauratoren liefern „Stoff“ für die Erschließung des Westwerks

Die Befunduntersuchungen dereinzigartigen karolingischen Wandmalereien des Westwerks Corvey haben Erkenntnisse hervorgebracht, aus denen sich spannende Erzählstränge für die digitale Erschließung der Welterbestätte ergeben. Dieses Fazit zieht die Restauratorin Katharina Heiling aus Wedemark. Sie hat von Oktober 2018 bis Februar 2019 die Fragmente der Wand- und Gewölbefresken des imposanten Johanneschores sowie die Überreste der Malereien der Erdgeschosshalle unter die Lupe genommen und die Ergebnisse ausführlich dokumentiert.

Katharina Heiling bei der Arbeit in Corvey.

700 Seiten stark ist die jetzt vorliegende Expertise, die sich im ersten Teil mit den 1992 entdeckten Sinopien (Wandvorzeichnungen) im Johanneschor und im zweiten Teil mit den weiteren Fragmenten der kunstvollen, farbintensiven Bilderwelt aus frühmittelalterlicher Zeit befasst. Die wissenschaftliche Fachberatung übernahm dabei die Kunsthistorikerin Anna Skriver, die Fachbauleitung dieses Projekts lag in den Händen der Restauratorin Karen Keller aus Köln.

Expertise als Grundlage

Unter ihrer Ägide haben Katharina Heiling und weitere Experten die erhaltenen Überreste aus der Ursprungszeit der früheren Benediktinerabtei und heutigen Welterbestätte mit moderner Technik in Augenschein genommen und die umfassend dokumentierten Ergebnisse jahrzehntelanger Forschungen digital fortgeschrieben. Die Expertise dient als Grundlage für Monitoring und konservatorische Maßnahmen.

Weitere Farbspritzer gefunden

In Bildpläne unterteilt, haben die Restauratoren 45 Einzelwandmalereifragmente sowie sechs Sinopien, das sind Vorzeichnungen für Stuckfiguren, kartiert. Dabei bestätigten sich, so Katharina Heiling, Erkenntnisse, welche die verdiente Corvey-Forscherin Hilde Claussen gewonnen und 2007 mit Co-Autorin Anna Skriverin einem gewichtigen Buch über Malerei und Stuck in der karolingischen Klosterkirche publiziert hat. Beispiel: Sinopien. „Wir haben noch weitere Farbspritzer gefunden“, berichtet Katharina Heiling. Diese Spuren deuten darauf hin, dass Maler der Vorzeichnungen für lebensgroße Figuren gleichzeitig mit den Wandmalern über ihnen arbeiteten, die an den Arkaden der Emporen farbige Ornamente anbrachten.

Auffällige Ähnlichkeiten

Hilde Claussen ging von mindestenszwei parallel arbeitenden Sinopienmalern aus, weil sie unterschiedliche Stilelemente bei den sechs Figuren ausmachen konnte. Außerdem gibt es noch Malerproben unterhalb des Meerwesenfrieses, die auffällige Ähnlichkeiten mit den Sinopienköpfen aufweisen, vielleicht arbeiteten sie auch als Wandmaler. Diese Schlussfolgerungen schilderte Hilde Claussen in einem Beitrag im Rahmen der 2002 erschienenen Buchpublikation „Sinopien und Stuck im Westwerk der karolingischen Klosterkirche von Corvey“ (Herausgeber Joachim Poeschke).

Korrekturen am Motiv vorgenommen

Aufschlussreich ist auch die vertiefte Erkenntnis über Pentimenti (Korrekturen), welche die Restauratoren jetzt im Rahmen ihrer Spurensuche bei der Kartierung des besterhaltenen Ornaments an der Bogenlaibung der mittleren Westarkade gewonnen haben. Karolingische Künstler haben während des Malens Veränderungen am Motiv vorgenommen. Vorzeichnungen künden von diesen Versuchen und Korrekturen im laufenden Schaffensprozess. „Wir haben die Linien und Untermalungen nun auch digital zeichnerisch dargestellt und konnten noch neue Pentimenti entdecken“, sagt Katharina Heiling.

Daumenabdruck kann Spurensuche abrunden

„Von diesen Entwurfsphasen erzählen zu können, ist sehr spannend“, blickt die Restauratorin auf die Planungen zur didaktischen Erschließung des Welterbes. Multimedial soll die in ihrer Farbenpracht atemberaubende Ausgestaltung dieser Emporenkirche aus den geheimnisvollen Anfängen der christlichen Kultur in Westfalen in Wechselwirkung mit der besonderen Aura des authentischen Ortes wiedererstehen. Dabei sollen die Besucher auch in den Schaffensprozess der Kunstmaler eintauchen können. Sowohl die Pentimenti, als auch die Indizien für das Multitasking der Sinopienmaler liefern spannenden „Stoff“ für diesen Erzählstrang. Der erhaltene Daumenabdruck eines Handwerkers, der vor 1200 Jahren die Wände verputzt hat, kann die digitale Spurensuche, zu der die Besucher des Johanneschors am Originalschauplatz eingeladen sind, abrunden, regt Katharina Heiling an.

Hautleim als Proteinzusatz

In der Bilanz ihrer Untersuchungen verweist die auf Wandmalereien spezialisierte Restauratorin auch auf kleine neue Detailerkenntnisse hinsichtlich der Farbgestaltung. Und: Was die von den Malern verwendeten Bindemittel angeht, ist Katharina Heiling Proteinzusätzen wie Hautleim vom Schwein und vom Huhn auf die Spur gekommen. Moderne Technik macht diesen tiefen und hochinteressanten Einblick in die Materialauswahl frühmittelalterlicher Maler möglich.

Wasserglasschicht bereitet Kopfzerbrechen

Die berühmte Odysseus-Szene, hier ein Ausschnitt, ist zum Glück nicht von der Altkonservierung betroffen. Foto: Kalle Noltenhans

Die Ergebnisse der Befunduntersuchungen sind aber leider nicht nur im positiven Sinne aufschlussreich. Das Restauratorenteam hat die unguten Auswirkungen des in den 1960er Jahren verwendeten Konservierungsmittels für die Wandmalereien entdeckt. Die damals aufgetragene Wasserglasschicht „lässt die Fläche darunter wie gesprungenes Glas erscheinen“, erläutert Katharina Heiling. „Je nach Witterung zeigt sich die Malerei unter der Schicht trüb oder klar. Das ist im Südseitenschiff sichtbar.“

26 Bildpläne betroffen

Das Konservierungsmittel von damals ist nicht löslich und deshalb nur schwer abzunehmen. „Das ist ein ernsthaftes Problem. In den 1960er Jahren dachte man, dieses Mittel sei das Beste. Die Spätfolgen zeigen sich erst nach 40 oder 50 Jahren.“ Und sie ziehen Kreise: Im Rheinland beispielsweise sind viele Wandmalereien auch mit dieser Wasserglasschicht überzogen worden. Die Folgen der Altkonservierung und die Suche nach Lösungsansätzen wären aus Sicht von Katharina Heiling Anlass für ein Forschungsprojekt.

In Corvey sind 26 der insgesamt 45 kartierten Bildpläne betroffen. Die berühmte Odysseus-Szene ist nicht darunter – „zum Glück“, sagt Katharina Heiling erleichtert. Bei den 1992 entdeckten Sinopien haben die Experten gar keine Konservierungsmittel festgestellt.

Besonderer Ort

Die 26 betroffenen Stellen bereiten den Wissenschaftlern aber Kopfzerbrechen. Es müssen also erneut dicke Bretter gebohrt werden in Corvey. Gut Ding will wieder Weile haben. Kurzfristiger ausbessern lassen sich die festgestellten Schäden durch Kasein-Hinterfüllungen. Aus einigen Löchern ist Kasein herausgelaufen. Die Restauratoren schlagen eine sanfte Reinigung und Abnahme der Kaseinläufer vor. Bewegliche Putzschalen, die auch zutage getreten sind, lassen sich durch Hinterfüllen festigen.

Dieses eindrucksvolle UV-Licht-Foto zeigt ein Fragment im Südseitenschiff im Edgeschoss, Südwand, Mitte west. Foto: Katharina Heiling

In der Rückschau auf ihre Arbeit denkt Katharina Heiling gern an unvergessliche Eindrücke wie den Moment zurück, als sie UV-Licht-Bilder aufgenommen hat. Allein in der dunklen Kirche zu sein, hat sie nachhaltig beeindruckt. „Corvey ist ein besonderer Ort.“ Digitale Technik hat zerstörungsfreie Untersuchungen möglich gemacht. Beispiel: Mörtel. „Wir haben den vorliegenden Mörtelkatalog mit Digitalmikroskopfotos ergänzt. Dazu sind Anschliffe von Putzproben, wie früher, nicht mehr nötig.“

Zeitersparnisse bringt die Digitalisierung bei den Untersuchungen jedoch nicht mit sich, konstatiert die Restauratorin. „Der Aufwand ist sogar eher noch größer. Dafür hat man es dann aber bei der Weiterverarbeitung leichter.“

 

Das Titelfoto zeigt eine der 1992 entdeckten Sinopien.