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Osterbild seit 75 Jahren verschollen

By 11. April 2020April 29th, 2020No Comments

Für den Hochaltar der ehemaligen Abteikirche Corvey fehlt seit genau 75 Jahren eines der sechs großen Gemälde mit neutestamentlichen Schlüsselszenen des Glaubens: Das Osterbild ist  am 7. April 1945, eine Woche nach dem Hochfest der Auferstehung Jesu, durch den hohen Luftdruck bei der Sprengung der nahen Eisenbahnbrücke, zerfetzt worden. Die Überreste sind seither so verschollen wie das legendäre Bernsteinzimmer.

Der Blick der Besucher wird auf den imposanten  Hochaltar gelenkt. Foto: Kalle Noltenhans

Jetzt, da das Westwerk und die Kirche wegen der Corona-Pandemie auch an Ostern geschlossen bleiben müssen, laden wir zu einer Gedankenreise an diesen besonderen Glaubensort ein. Der imaginäre Rundgang führt durch die Eingangshalle des karolingischen Westwerks in die ehemalige Abteikirche. Die prachtvolle Innenausstattung zieht die Besucher geradezu an. Ihr Blick wird – entsprechend der Dramaturgie barocker Triumphal-Architektur  – auf den imposanten  Hochaltar gelenkt, dessen von vergoldeten, gedrehten Säulen gerahmte Gemälde zu den Hochfesten des Kirchenjahres wechseln. Mitglieder des Kirchenvorstandes der Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus tauschen die Motive jeweils zu Weihnachten, nach Aschermittwoch, zu Pfingsten und zu Mariä Himmelfahrt  Jahr für Jahr aus.

Die wichtigste Szene – die Auferstehung – hing vor 75 Jahren erst seit wenigen Tagen an exponierter Stelle, als die Sprengung der Eisenbahnbrücke über der Weser bei Corvey einen immensen Luftdruck freisetzte. „Kirchenfenster der Abteikirche zerbarsten“, berichtet Josef Kowalski, geschäftsführender Vorsitzender des Kirchenvorstandes der Gemeinde Corvey. „Das große Altarblatt wurde zerrissen.“

Ob es überhaupt noch hätte restauriert werden können, ist heute genauso unklar wie der Verbleib der Überreste. Fotos, die das verschollene Osterbild zeigen, sind rar.

Beim Bildwechsel eröffnet sich von der Empore aus ein spektakulärer Blick in die Kirche. Foto: Sabine Robrecht

Seit es zerstört wurde, ist zwischen den gewaltigen Säulen über Ostern hinaus das Karfreitagsgemälde mit der Darstellung der Kreuzigung Jesu zu sehen. Vor Pfingsten rückt der Kirchenvorstand dann die Herabkunft des Heiligen Geistes ins Blickfeld. Ein zweites Pfingstmotiv reiht sich ebenfalls ein in das Magazin mit den 4,50 Meter hohen und 3,10 Meter breiten Kunstwerken.  Der Himmelfahrt Mariens und der Geburt Christi sind die weiteren Altarblätter gewidmet.

Tischler Georg Pietsch hat eine intelligente Wechselhilfe konstruiert und demonstriert sie hier am Magazin mit den Altarbildern. Foto: Sabine Robrecht

Dieses Modell im Maßstab 1:20 hat  Georg Pietsch für seine Wechselhilfe angefertigt und im Kirchenvorstand vorgestellt. Es veranschaulicht sehr plastisch, wie der Bildwechsel vonstatten geht.

Alle fünf Ölgemälde stammen aus der Zeit Ende des 17./Anfang des 18. Jahrhunderts. Während das Weihnachtsbild, die Kreuzigung und eines der Pfingstmotive unsigniert sind, hat Hieronymus Sies seinen Namen auf der zweiten Pfingstszene hinterlassen. Tobias Querfurt schuf das Mariä-Himmelfahrt-Gemälde.  Zum Weihnachtsbild und zur Kreuzigung gibt, so Oberbaurat a.D. Fritz Sagebiel in einer Publikation des Heimat- und Verkehrsvereins (HVV) Höxter von 1969, eine überlieferte Rechnung Hinweise  auf den Maler Heinrich Cronenburg aus Münster.

Empore auf Höhe des Bildspiegels

Die fünf Bilder stehen, wenn sie nicht dem Kirchenvolk zugewandt den Hochaltar krönen, in Reih und Glied in einem Magazin auf einer rückwärtigen bühnenartigen Empore in der Sakristei. Diese ist exakt auf  Höhe des Bildspiegels eingezogen worden. Bis vor kurzem waren viele Hände nötig, um die Gemälde jeweils sicher an den vorgesehenen Platz und später zurück ins Magazin zu tragen. Jetzt aber hat Georg Pietsch, Tischler und Mitglied des Kirchenvorstandes, eine intelligente Wechselhilfe auf Rollen konstruiert.

Dieses fahrbare Holzgestell macht es möglich, dass zwei Hände genügen, um die riesigen Bilder auszutauschen. Die Konstruktion hatte zu Beginn der Fastenzeit dieses Jahres eine erfolgreiche  Premiere. Georg Pietsch hat an alles gedacht – sogar an eine minutiöse, bebilderte Anleitung für den Fall, dass er beim Bildwechsel nicht dabei sein kann. Zur Seite stehen ihm aus dem Kirchenvorstand Josef Kowalski, Konrad Gerdemann, Dominik von Wolff-Metternich und Josef Risse, dem der Wechsel der Gemälde des Hochaltars seit seiner aktiven Zeit in dem Gremium am Herzen liegt.

Das Titelbild zeigt den Hochaltar mit der Darstellung der Kreuzigung Jesu. Foto: Kalle Noltenhans