Titelabbildung: Besondere Hommage an Corvey:
Karen Keller hat ihre Lieblingsdarstellung aus der Odysseus-Szene als Bildschirmschoner auf ihrem Rechner.
Foto: Karen Keller

Karen Keller bei der Arbeit

Karen Keller bei der Arbeit im Welterbe Westwerk Corvey. Foto: Kalle Noltenhans

Ihre Diplomarbeit hat sie über karolingische Wandmalereifragmente geschrieben. Großartige Schätze aus genau dieser Zeit nahm sie bis vor kurzem im Welterbe Westwerk Corvey unter die Lupe. Deshalb hatte der Auftrag, für die Befunduntersuchungen im karolingischen Westwerk die Restauratorische Fachbauleitung zu übernehmen, für Karen Keller aus Köln eine besondere persönliche Note.

„Ich kannte sogar Frau Claussen und Herrn Drescher und habe zusammen mit ihnen auf dem Gerüst gesessen – sie sind bemerkenswerte Wissenschaftler und auch Menschen.“ Die beiden Forscher sind untrennbar mit dem Welterbe Corvey verbunden. Der heutige Erkenntnisstand über das karolingische Westwerk und die ehemalige Abteikirche im Weserbogen sowie ihre Ausmalung und Ausstattung ist ihnen maßgeblich mit zu verdanken: Professor Hilde Claussen hat jahrzehntelang in Corvey geforscht und ist zu spektakulären Erkenntnissen gelangt. Restaurator Gerhard Drescher ist vor allem durch seine Farbuntersuchungen im karolingischen Westwerk bekannt geworden. Da versteht es sich von selbst, dass Karen Keller bei ihrer Arbeit im Welterbe oft an die beiden hochkarätigen Wissenschaftler, auf deren Spuren sie jetzt wandelte, gedacht hat.

Erkenntnisse am karolingischen Bestand gewinnen, Schäden erfassen und Möglichkeiten zur Restaurierung entwickeln  – mit dieser Agenda nahmen Restauratoren vom Winter 2018 an unter ihrer Ägide das Erdgeschoss des Westwerks und auch den hochsensiblen, eigens eingerüsteten Johanneschor mit seinen Arkaden-Wänden und Emporen fachmännisch unter die Lupe. Karen Keller lobt in der Rückschau die Zusammenarbeit mit der Diplom-Restauratorin Katharina Heiling, die  nach einer öffentlichen Ausschreibung die Ausführung übernommen hat. „Sie war ein Glücksfall.“

Wandmalerei

Diese Wandmalerei lässt die ursprüngliche Ausgestaltung des Weltwerks erahnen. Foto: Kalle Noltenhans

Schön zu sehen sei, dass es der Malerei in vielen Bereichen gut gehe. Gleichwohl machen alte Konservierungsmaterialien  Probleme. Aufsteigende Salze im Erdgeschoss mahnen dazu, das Raumklima in Ordnung zu halten. Hohlstellen haben die Fachleute ebenfalls festgestellt. „Im Verhältnis zum Alter der Malereien sind die Schäden an der Putzsubstanz überschaubar“, zieht Karen Keller ein positives Fazit. „Es ist nicht so schlimm, dass ein Restaurator viele Jahre zu tun hätte.“

Angenehm sei, so die Expertin aus Köln, “dass wir dank moderner Kartierungsprogramme eine genaue Auswertung bekommen. Auf Bildplänen und Grundrissen können wir uns alles genau anschauen.” Und auch später gewinnen Fachleute  anhand der Daten einen schnellen Überblick. Modernes Monitoring schafft nachhaltige Kontrollgrundlagen.  “An der Computertechnik von heute hätten Hilde Claussen und Gerhard Drescher ihre Freude gehabt”, ist Karen Keller überzeugt. Und weil die Arbeit an einem so besonderen Ort wie Corvey immer auch eine Herzensangelegenheit ist, hat die Kölner Diplom-Restauratorin bei den Wandmalereien im Johanneschor bestimmte Motive ins Herz geschlossen. „Die Rankenmalereien auf der Westempore sind fantastisch“, schwärmt sie. „Die Odysseus-Szene ist natürlich auch großartig. Die Hundeköpfe des mit Odysseus kämpfenden Wesens Skylla gehören zu meinen Lieblingsdarstellungen.“

Karen Keller möchte sie nicht missen – und hat sie deshalb als Bildschirmschoner auf ihren Rechner gebannt. Wer das Westwerk kennt, entwickelt gleich eine große Sympathie für diese Hommage. Das Welterbe und seine Strahlkraft fesseln nicht nur den (Sach-)verstand, sondern erobern auch das Herz.