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Hightech trifft Historie

Maßnahmen und Projekte der Kirche
zum Erhalt und zur Erschließung des Welterbes Westwerk Corvey

Auszug aus einem Vortrag von Prof. Dr. Christoph Stiegemann
Mitte Februar 2018

© Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold eG, Andreas Krukemeyer

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich möchte Sie heute in die spannende Welt von Hightech und Historie, Wissenschaft und multimedialer Erschließung des Welterbes einführen. Dabei hat für uns das Erlebnis des Originals absoluten Vorrang, dessen Aura ist ein Alleinstellungsmerkmal, das weder zu ersetzen noch zu überbieten ist.

Die Wirkmacht des Welterbes Westwerk Corvey als weltweit einzigem seiner Art bewegt die Menschen im wörtlichen Sinne, die zugleich mit dem Welterbetitel einen Anspruch darauf haben, vor Ort angemessen ins Bild gesetzt – informiert und gebildet – aber auch affektiv-emotional in den Bann des Ortes und seiner großen Stein gewordenen bald 1.200-jährigen geistlich-geistigen und monastischen Geschichte gezogen zu werden. (…)

Der Befund im Westwerk ist einzigartig: solche Vorzeichnungen karolingischer Stuckplastiken gibt es kein zweites Mal. (…) Wir haben ein Team von Spezialisten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Architekten etc. zusammengeführt, die auf unterschiedlichen Ebenen die reichen archäologischen Funde und Quellen, die in Teilen noch nicht erschlossen sind, zusammenführen, aufarbeiten und auswerten: eine „Task Force“ für das Welterbe Westwerk Corvey, ermöglicht durch das finanzielle Engagement des Erzbistums.

Die Bewahrung und Erforschung der Baudenkmäler in Westfalen-Lippe obliegt der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen. Die bei der Erfüllung dieser Aufgabe entstandenen Objektakten, Restaurierungsakten, Dokumentationen, Dias, Pläne, Wandmalereipausen und Fotos zu Corvey lagern in den Archiven der Behörde. Sie wurden erfasst und in einer Datenbank zusammengeführt. (…)

© Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold eG, Andreas Krukemeyer

Die auf hohem Niveau über Jahrzehnte erstellten umfangreichen Dokumentationen der Wandmalereien und Vorzeichnungen der Stuckfiguren (Sinopien) als Strichzeichnungen und Aquarellrekonstruktionen werden in die didaktischen Konzepte eingebunden, doch wird die Dokumentation jetzt digital fortgeschrieben. Dafür werden Bildpläne erstellt, in die alle wichtigen Aspekte zum Bestand eingetragen werden. Sie basieren auf entzerrten, hochauflösenden Fotos und fügen sich ein in die Vermessung des neuen digitalen Aufmaßes des Westwerks, das gerade in Angriff genommen wird. (…)

Seit März 2013 sind kontinuierlich Messdaten zu den Klimaverhältnissen im Kirchenraum und im Westwerk ermittelt sowie in Teilen Befunduntersuchungen zur Zustandserfassung der karolingischen Putze und Wandmalereien begonnen worden. (…) Bei der geplanten Kartierung werden zunächst die aktuellen Schäden an den Wandmalereien im Fokus stehen. (…)

Erst wer genau weiß, wie der Bestand mit seinen beabsichtigten und unbeabsichtigten Zutaten aus späteren Jahrhunderten beschaffen ist, kann sinnvolle Maßnahmen für seine nachhaltige Sicherung auswählen und durchführen. (…)

 

Planungen für das Erdgeschoss: „Von Engeln bewacht – In der Himmelsstadt“
Multimediale Zeitreise in die mittelalterliche Geschichte der Corveyer Klosterkirche

Unter dem Titel „Von Engeln bewacht – In der Himmelsstadt“ sind für das karolingische Westwerk eindrucksvolle multimediale Installationen in Planung, die den Besuchern wesentliche Aspekte der Bau- und Kunstgeschichte (…) auf unmittelbar anschauliche und emotional ansprechende Art und Weise erschließen.

Welterbe Westwerk Corvey · Visualisierung der Glastrennwand für die geplante Multimedia-Installation

© Foto-Collage Noltenhans

Für die Erdgeschosshalle kam uns darüber hinaus die Idee, die ursprüngliche Raumwirkung für den Besucher wieder erlebbar werden zu lassen. Zurzeit dominiert in der Tiefe des Raumes die hell ins Licht gesetzte Triumphalarchitektur der drei Altäre der barocken Saalkirche von 1667 bis 1671, auf der die Besucher über die via triumphalis des barocken Kirchenschiffs zustreben. Damit verkümmert das Westwerk ganz im Sinne barockzeitlicher Szenographie zum dunklen Schwellenraum, es wird zum ‚Proszenium‘, das einzig dazu dient, die Wirkung des Barockraums zu steigern. Ganz anders nahm sich das Raumerlebnis aus, als die karolingische Basilika noch stand. Der Kirchenraum wurde mittels kleiner Fenster in den oberen Wandflächen des Mittelschiffs und den in der Lichtwirkung zurückgenommenen Fenstern der Seitenschiffe in ein diffuses mystisches  Licht getaucht und damit in der Wirkung gedämpft. Demgegenüber trat das durch die seitlichen Fenster beleuchtete Erdgeschoss des Westwerks in seiner Tiefe wie in seiner Breite als Raum sehr viel deutlicher in Erscheinung. Es dominierte das Quadrum mit seinen Säulenstellungen, das die Vertikalordnung des Westchores mit dem Kultraum des Johannischores im Obergeschoß vorgab.

Als Projektionsfläche für die multimediale Inszenierung wird jene gläserne, mit Schwingtüren versehene Glastrennwand zwischen Westwerk und barockem Kirchenschiff genutzt, die ohnehin von Seiten der Kirchengemeinde mit Nachdruck gefordert wird (…). Sie ist notwendig, um die ehemalige Abteikirche in ihrer Integrität als Sakralraum zu schützen und Betenden und Besuchern liturgischer Feiern gleichermaßen die Möglichkeit zu bieten, ungestört an Gottesdiensten teilzunehmen.

Durch den Einsatz von steuerbaren intelligenten Folien lässt sich künftig die gläserne Abtrennung auf Knopfdruck zu 95 Prozent blickdicht verwandeln und als Durchlicht-Projektionsfläche nutzen. (…)

In völlig neuartiger Form werden so für die Besuchergruppen bereits im Eingangsbereich des Westwerks Architektur, Bauplastik und Ausmalung der untergegangenen karolingischen Klosterkirche, aber auch die monastischen Anfänge Corveys und die Verbindung mit Corbie, sowie die Heiligen und Reliquienverehrung mit dem bis heute ja ungebrochen hochverehrten heiligen Vitus als Patron in einer emotional ansprechenden Filmprojektion in Szene gesetzt und durch Bilder, Sprache und Töne zu neuem Leben erweckt. Höhepunkt soll die virtuelle Rekonstruktion des untergegangenen karolingischen Kirchenraums sein.

Die Besucher werden so am historischen Ort Zeugen einer einmaligen virtuellen Raum- und Lichtinszenierung, die sie auf ungewöhnliche und innovative Weise in die frühmittelalterliche Geschichte des Weltkulturerbes eintauchen lässt. Inhalte und Drehbuch sind Bestandteil eines Gesamtkonzeptes, das vom Erzbischöflichen Diözesanmuseum/Fachstelle Kunst in enger Abstimmung mit der katholischen Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus und einem mit Fachwissenschaftlern besetzten Beirat erarbeitet wird. Allen Akteuren ist klar, dass bei sämtlichen Planungen die Denkmalverträglichkeit der Maßnahmen allerhöchste Priorität besitzt.

Planungen für den Johannischor

Foto: Kalle Noltenhans · Grafik: Ludger Schwarze-Blanke · iPad: blackzheep / Fotolia

Das liturgische Zentrum des Westwerks bildete der sogenannte Johannischor im Obergeschoss, der wohl am reichsten mit Architektur, Stuck und Malerei geschmückt war. Reste von einst farbig gefassten, lebensgroßen Stuckfiguren zeugen von seiner originalen Ausstattung. Außerdem finden sich erhaltene Teile eines gemalten Figurenfrieses, auf dem eine Szene aus der griechischen Mythologie dargestellt ist, die den Kampf des Odysseus gegen das Meeresungeheuer Skylla zeigt. (…)

Aus konservatorischer Sicht gilt der Johannischor als hochsensibel, so dass die Planungen besonderer Vorsicht bedürfen. (…) Mit Mitteln der Augmented Reality wird für den Besucher hier die ursprüngliche großartige malerische und plastische Ausstattung dieses hochbedeutenden Raums erlebbar und er kann – gleichsam auf den Spuren der Künstler-Mönche des 9. Jahrhunderts – den künstlerischen Entstehungsprozess verfolgen und nachvollziehen. (…) Mit Hilfe von Tablets können die Besucher sich dann mit auf die detektivische Spurensuche begeben.

Kulturtransfer und das Erbe der Mönche  

Mit den Mönchen aus Corbie kam nicht nur das Christentum an die Weser, sondern zugleich vollzog sich damit ein enormer Kulturtransfer des antiken Erbes in die schriftlosen Gebiete nördlich der Alpen, den die Mönche in dieser Zeit leisteten. Angesiedelt in den klösterlichen Skriptorien, geht von der Schrift eine enorme Faszination aus: Kostbare Materialien und aufwändige Ausstattungen machen sie als Medium des Göttlichen sinnfällig.

Ein schönes Beispiel ist die Inschrifttafel vom Westwerk der Klosterkirche zu Corvey. Die Tafel wurde mit ihren Rahmenteilen beim Aufmauern des Westwerks 873-885 eingefügt. Sie ist ein einzigartiges Zeugnis der „Karolingischen Renaissance“ nördlich der Alpen. Die Zeichnung und Meißelung? der Buchstaben in „Capitalis quadrata“ ist von einer Qualität, wie sie selbst bei antiken Inschriften nicht häufig ist. (…) Für die sicher einst auch im kernfränkischen Reich an anspruchsvollen Monumenten ausgeführte Technik ist Corvey das bislang einzige Zeugnis. Im Text heißt es: CIVITATEM ISTAM … – „Umhege, o Herr, diese Stadt, und lass Deine Engel die Wächter ihrer Mauern sein.“ Diese Textstelle stammt aus dem kirchlichen Stundengebet. Hier wird die großartige, bis in frühchristliche Zeit zurückreichende Tradition greifbar, die die Stadt Gottes, jene triumphale Schlussvision der Apokalypse, mit dem Kirchenbau identifiziert. CIVITATEM ISTAM – Das visionär erschaute Bild der Himmelsstadt in den Finsternissen des Sachsenlandes, die weder den Steinbau kannten noch des Schreibens und Lesens kundig waren. Hier scheint bereits auf, was Europa ausmacht und nachhaltig prägt. Europa ist vor allem eine Kultur der Städte und eine Stätte der Schriftkultur geworden. Das, meine Damen und Herren, macht das Welterbe Westwerk und Civitas Corvey aus in den wilden Wäldern Sachsens – damals wie heute am  Ende der erschlossenen Welt und ich hoffe ich habe Ihnen verdeutlichen können, wie notwendig es ist, alle Kräfte zu bündeln, um das große Erbe der Mönche aus Corbie den Menschen heute auf anschauliche und anrührende Art und Weise zu vermitteln. (…)

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Matthias Goeken, Mitglied des Landtags NRW und Prof. Dr. Christoph Stiegemann, Direktor des Erzbischöflichen Diözesanmuseums Paderborn und Leiter der Fachstelle Kunst im Erzbischöflichen Generalvikariat

Foto: © Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold eG, Andreas Krukemeyer