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„Führungen via Tablet bringen Steine zum Sprechen“

By 23. September 2022No Comments

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach werden am Sonntag, 25. September, Augenzeugen einer virtuellen Renaissance sein: Der Johanneschor des karolingischen Westwerks wird in seiner imposanten ursprünglichen Ausgestaltung mit Wandmalereien und Stuckfiguren erlebbar. Wie – das zeigen die Ideengeber und beteiligten AR-Experten den prominenten Gästen am Sonntag nach dem Festakt zum Auftakt des Jubiläumsjahres „1200 Jahre Corvey“.

Rekonstruktion der karolingischen Basilika, Blick Richtung Westen in den Johanneschor. Dort, wo sich dieser Blick in den erhabenen Sakralraum hinein eröffnet hat, ist heute die 1681 geschaffene kostbare Barockorgel zu sehen. © Fraunhofer IGD

Mit den multimedialen Inszenierungen startet die Kirchengemeinde Corvey in die Saison 2023. Diese museumsdidaktischen Innovationen sind ein neues Kapitel in der langen Geschichte der ehemaligen Benediktinerabtei und heutigen Welterbestätte an der Weser bei Höxter. Gleichzeitig weisen sie aber auch auf die Anfänge des Klosters. Denn die Erbauer des Westwerks sind ebenfalls neue Wege gegangen. Sie gestalteten ihr Kloster architektonisch in der Formensprache der karolingischen Renaissance aus. Rückgriffe auf die Antike waren ihr Markenzeichen. Das war innovativ. Prägnante Beispiele haben sich im Westwerk bis heute erhalten. Dazu gehören die korinthischen Kapitelle der Erdgeschosshalle und nicht zuletzt die Inschriftentafel mit ihrer antik-römischen Schriftart, der Capitalis Quadrata.

Rekonstruktion des Johanneschores und Blick in die rekonstruierte karolingische Basilika, An dieser Stelle schauen die Menschen heute auf die Rückwand der Orgel. © Fraunhofer IGD

Blick Richtung Osten in die rekonstruierte karolingische Basilika. © Fraunhofer IGD

Im Zuge der multimedialen Erschließung des Westwerks spielt auch sie eine Rolle. Denn die Buchstaben, mit denen die Mönche den Segenswunsch für ihr Klosterareal, die Civitas, in Stein meißelten, waren vergoldet. In dieser Erhabenheit erstrahlen sie an der Außenfassade des Westwerks virtuell neu.

Diese Inszenierung gehört zu der App, die Forschende des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung IGD Darmstadt entwickeln und die den beeindruckenden ursprünglichen Zustand des Johanneschores auf der Grundlage von Untersuchungen verschiedener Wissenschaftler mittels Augmented Reality (AR) sichtbar macht. „Ob Stuckfiguren, Wandmalereien oder eine ganze Basilika: Mit der Einführung der neuen App bekommen die Besucherinnen und Besucher des Westwerks in Corvey zukünftig noch bessere Eindrücke des karolingischen Baus“, erläutert der Projektverantwortliche des Fraunhofer-Instituts, Andreas Zapf.

Rekonstruktion des ersten Kirchbaus

Neben der App erarbeiten die Spezialisten aus Darmstadt auch wichtige Bausteine, etwa die virtuelle Rekonstruktion des ersten Kirchbaus von 844, für die filmische Einführung in die große monastische Geschichte Corveys, die Besuchergruppen künftig als Projektion auf der Glastrennwand im Erdgeschoss zwischen Westwerk und barocker Abteikirche erleben können. Sie wird bis zum Jahresende eingebaut sein.

Im Obergeschoss des Westwerks erhalten künftig die Gäste für die „Zeitreise“ ins 9. Jahrhundert ein Tablet in die Hand, mit dem sie den berühmten Johanneschor erkunden können. „Was Mitarbeitende bis heute bei Führungen durch den historischen Johanneschor mit Worten beschreiben, wird bald sichtbar sein“, fasst das Team des Darmstädter Instituts zusammen, was sich verändern wird.

Rekonstruktion einer Stuckfigur im Johanneschor. © Fraunhofer IGD

Das Ganze geschieht ohne jeglichen Eingriff in die karolingische Bausubstanz. Zur Ausrichtung des Tablets haben sich die Spezialisten an Blickpunkten orientiert, die bereits da sind. Dazu gehören fragmentarisch erhaltene Wandmalereien wie die Odysseus-Szene und die Sinopien (oxidrote Vorzeichnungen) für lebensgroße Stuckfiguren. Diese Großplastiken werden ebenfalls virtuell zu sehen sein. Hier wurde das Team mit Know-how eines weiteren Kompetenzzentrums des Fraunhofer IGD unter Leitung von Pedro Santos unterstützt. Die Abteilung fertigte hochauflösende Scans erhaltener Stuckfragmente, anhand derer die Figuren für die Augmented-Reality-App rekonstruiert werden konnten.

Eine Vorab-Version der App zeigen der Leiter des wissenschaftlichen Kompetenzteams der Kirchengemeinde, Professor Dr. Christoph Stiegemann, Projektleiterin Annika Pröbe und Professor Dieter Fellner, Leiter des Fraunhofer-Instituts, im Anschluss an den Jubiläumsfestakt am Sonntag, 25. September, den prominenten Gästen.

Karolingische Inschriftentafel an der Fassade des Westwerks mit rekonstruierten Goldbuchstaben. © Fraunhofer IGD

Ministerin würdigt Einsatz und Leidenschaft

Ina Scharrenbach, Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen freut sich auf die Präsentation und würdigt die innovative Leistung in der Vermittlung des Welterbes: „Stolzes Alter mit langer Tradition und ein außergewöhnlicher universeller Wert, der bis heute fasziniert: Das UNESCO-Welterbe Corvey feiert sein 1200-jähriges Jubiläum. Das älteste und einzige fast vollständig erhaltene Karolingische Westwerk der Welt, mit seinen einzigartigen archäologischen Relikten der Karolingerzeit, gilt noch immer als ein strahlendes Bauwerk der Christenheit. Durch Führungen via Tablet werden künftig die Steine zum Sprechen gebracht und dieses imposante Bauwerk unserer Zeitgeschichte mittels modernster Technologie für noch mehr Menschen erlebbar. Der Einsatz und die Leidenschaft für die Aufbereitung unseres gemeinsamen Welterbes hat höchste Anerkennung verdient. Ich danke allen, die daran beteiligt sind und alles daransetzen, den Kulturschatz Corveys auch für nachfolgende Generationen zu bewahren.“

Weiterführende Informationen:

Pressemitteilung des Fraunhofer-Instituts

Bericht auf der Homepage des Fraunhofer-Instituts