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“Es war ein erhebendes Gefühl, im Westwerk zu arbeiten”

By 23. Oktober 2019 No Comments

Einmal in der Heimat arbeiten – und dann auch noch im Welterbe Westwerk Corvey: Dieser besondere Herzenswunsch hat sich für den Restaurator Rudolf Geburzi (54) vor einigen Monaten erfüllt. Im Interview berichtet der gebürtige Höxteraner über seine Befunduntersuchungen an der Stuckdecke des Johanneschores und über seine persönlichen Beziehungen zu Corvey, die auch nach Corbie, den Standort des Mutterklosters der einstigen Reichabtei, führen.

 

Sie haben im Johanneschor des Westwerks Voruntersuchungen und Schadensaufnahmen an der renaissancezeitlichen Stuckdecke vorgenommen. War es für Sie eine besondere Ehre, an jenem Ort, den Sie seit Ihrer Kindheit kennen und schätzen, beruflich wirken zu dürfen?

Restaurator Rudolf Geburzi aus Höxter hat im Johanneschor des Westwerks gearbeitet.

Rudolf Geburzi: Ich bin mein ganzes Berufsleben lang überregional, sehr oft im Rhein-Main-Gebiet tätig. Zwischen der Heimat und meinen Einsatzorten liegen meistens hunderte Kilometer. Oft regte sich in mir die Sehnsucht, auch mal im Weserbergland zu arbeiten, das ja nicht arm an kulturellen Schätzen ist. In erster Linie hatte ich dann immer Corvey im Kopf – die innerste Herzkammer meiner Heimat. Es war ein Herzenswunsch, an diesem besonderen Kristallisationspunkt zu arbeiten. Daher war es ein erhebendes Gefühl, im Westwerk tätig zu sein.

 

Welche Erkenntnisse haben Sie bei der Begutachtung der renaissancezeitlichen Decke gewonnen?

Rudolf Geburzi: Mein Kollege Wolfgang Hansmann und ich haben für die Firma Wibbeke aus  Geseke die Stuckdecke untersucht und festgestellt, dass sie immer weiß getüncht war. Die Ornamentik war nie farblich abgesetzt, sondern hat immer nur in ihrer eigenen Plastizität gewirkt. Die Muster sind um 1586 mit einer Holzform direkt vor Ort in den noch nicht trockenen Putz gedrückt worden. Der Zustand hat sich trotz vereinzelter Rissbildungen und einiger roh liegender Teile als recht gut und tragfähig herausgestellt. Die Weserrenaissance-Decke im Westwerk war stilbildend für repräsentative Gebäude ihrer Zeit. Ein Vergleichsbeispiel findet sich im Heisterman-von-Ziehlbergschen Adelshof an der Westerbachstraße in Höxter.

 

Was haben Sie während der vielen Stunden, die Sie im Johanneschor verbracht haben, empfunden? Haben sich Szenen aus Corveys monastischer Vergangenheit vor Ihrem geistigen Auge abgespielt?

Rudolf Geburzi: Wenn ein Wald von Gerüsten und luxstarke Leuchten den Raumeindruck prägen, ist das Verhältnis zum Objekt eher sachlich. Während der Arbeit rückt die Phantasie in den Hintergrund. Erblüht ist sie hingegen immer, wenn ich Führungen gemacht habe – wenn ich im offenen Raumgefüge des Johanneschores stehe und die Geschichte dieses Ortes erläutere. Unter entsprechenden Rahmenbedingungen tauche ich in die Vergangenheit ein. Bei der Arbeit hingegen tritt die Phantasie hinter den gegenwärtigen Gegebenheiten zurück.

 

Was ist Ihre erste Erinnerung in Zusammenhang mit Corvey?

Rudolf Geburzi: Als ich 1971 in der ersten Klasse war, unternahmen wir einen Wandertag nach Corvey. Wir besichtigten die Kirche sowie das karolingische Westwerk und liefen auch um das gesamte Anwesen herum. Aus der Perspektive eines Sechsjährigen kam mir die Anlage immens groß und faszinierend unheimlich vor. Die Schlossfassaden waren zum Teil berankt, die Gräfte waren noch offen, die Domänen wirkten gewaltig. Wir Kinder haben uns zugeraunt, dass wir aus diesem Labyrinth nie wieder rauskommen, wenn wir uns darin verlaufen sollten.

 

Detailaufnahme der Stuckdecke im Johanneschor. Foto: Ansgar Hoffmann

Sie haben regelmäßig Gruppen und auch private Gäste mit Corvey und seiner bedeutenden monastischen Geschichte vertraut gemacht. Wie reagieren die Besucher auf diesen besonderen Ort?

Rudolf Geburzi: Die Besucher reagierten je nach Interessenshintergrund unterschiedlich. Schüler im Teenager-Alter, für die der Besuch Pflichtprogramm war, ließen sich natürlich nicht so leicht begeistern. Jüngere Kinder hingegen reagierten aufgeschlossen. Sie staunten und ließen ihre Phantasie spielen. Besonders gute Erfahrungen habe ich mit ausländischen Gruppen gemacht. Ich habe Gäste aus Frankreich, Polen, Großbritannien und den USA geführt. Mit ihnen entstand immer ein wechselseitig befruchtendes Gespräch. Die Zeit verging wie im Fluge.

 

 

Erinnern Sie sich an den Tag der Welterbe-Anerkennung im Juni 2014? Wo waren Sie, als die frohe Kunde aus Katar kam?

Rudolf Geburzi: Ja, ich erinnere mich. Ich hatte in Darmstadt zu tun und untersuchte eine Fassade aus dem 19. Jahrhundert. Meine Mutter rief mich an und erzählte mir freudestrahlend von der Welterbe-Anerkennung.

 

Dieses Detailfoto einer Balkenuntersicht zeigt Pressmodeln mit Greifenköpfen. Foto: Ansgar Hoffmann

Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

Rudolf Geburzi: Ich war glücklich und froh. Ein solches Kulturerbe-Monument wertet die gesamte Region, die ja reich an kulturellen Schätzen und landschaftlichen Reizen ist, touristisch auf. Der Welterbe-Status ist eine Herausforderung, die jetzt mit Substanz erfüllt werden muss. Hier ist ja einiges in Bewegung. Die multimediale Erschließung des Westwerks wird großes Interesse wecken. Corvey ist ein Diamant, der  geschliffen werden muss. Das Schleifrädchen dreht sich schon.

 

Sie haben familiäre Bande nach Frankreich. Ihre Ehefrau stammt aus Amiens, das nicht weit entfernt ist von Corveys Mutterkloster Corbie. Mönche von dort gründeten 822 die Benediktinerabtei im Weserbogen. Sehen Sie dem Jubiläumsjahr 2022 angesichts Ihrer familiären Verbundenheit mit besonderer Freude entgegen?

Rudolf Geburzi: Die Ehe mit meiner Frau Anne-Lise ist ein Resultat der Städtepartnerschaft zwischen Höxter und Corbie. Über gemeinsame Freunde haben wir uns kennengelernt. Vor diesem Hintergrund sehe ich dem Corvey-Jubiläum mit Freude und Spannung entgegen. Die freundschaftlichen Bande zwischen den beiden Städten haben in der Gründung Corveys  ihre Wurzeln. Interessanterweise sind die Verbindungen nach Nordfrankreich seit damals trotz aller wechselhaften Zeitläufe der Geschichte nie ganz abgerissen. Das wird mir angesichts des Corvey-Jubiläums  bewusst.

Das Gespräch führte Sabine Robrecht.