Derzeit bietet der Johannischor der ehemaligen Benediktinerabteikirche Corvey einen außergewöhnlichen und in absehbarer Zukunft wohl nicht so bald wiederkehrenden Anblick. Das erste Obergeschoss des Westwerks ist vom Boden bis zur etwa 15 Meter hohen Balkendecke komplett eingerüstet.

Besprechung der Befunduntersuchung; Foto: Karen Keller

Über einen Treppenaufgang in der Mitte des Gerüsts kann jedes der vier provisorischen Stockwerke erreichen werden. Unsere Restauratoren können so jeden Millimeter an den Wänden und der Balkendecke untersuchen, Befunde dokumentieren und Restaurierungsarbeiten vornehmen. Sie nutzen die Schließphase der Wintersaison und starteten mit ihren Arbeiten im Johannischor in der zweiten Januarwoche. Besondere Aufmerksamkeit schenkten die extra angereisten Fachkräfte zunächst den karolingischen Wandmalereifragmenten aus jener Zeit. Aber ihre Aufmerksamkeit galt auch den geheimnisvoll anmutenden Bereichen über den Säulen. Hier entdeckten Wissenschaftler/innen bereits vor vielen Jahren Vorzeichnungen karolingischen Ursprungs – so genannte Sinopien – für die Gestaltung von Stuckfiguren, die dem Raum einst ein beeindruckendes hoheitlich-herrschaftliches Gepräge gaben.

Ganz aktuell geht es den Restauratoren aber um die Renaissancedecke mit kunstvoll gestalteten, handwerklich beeindruckenden Stuckornamenten, die Ranken- und Drachenmotive auf den Balken zeigen. Diese Decke war vor mehr als vierhundert Jahren um 1596 unter Fürstabt Theodor von Beringhausen (1585-1616) gestaltet worden, insgesamt eine wichtige Zeit für die Region: Das 16. Jahrhundert und das beginnende 17. Jahrhundert erlebten bis zum Beginn des “Dreißigjährigen Krieges“ (1618) die bedeutendste Phase der “Weser-Renaissance“, die das Stadtbild von Höxter bis heute prägt. Stuckornamente auf Deckenbalken entsprachen dem damaligen Zeitgeschmack und galten wie im Johannischor des Westwerks auch in Höxter und den Adelshöfen der Stadt – damals Hauptstadt des kleinen Fürstentums Corvey – als attraktiver und künstlerisch anspruchsvoller Deckenschmuck. Beispiele dafür sind der Hof des Rittmeisters Christoph von Amelunxen (die heutige Dechanei) sowie der Hof des Corveyer Kanzlers Heisterman von Ziehlberg (heute Jacob Pins-Forum).

Alle Untersuchungen der Architektur und Ausstattung des Johannischores sowie die Aufarbeitung historischer Zusammenhänge bilden die Basis für die weiteren Planungen und Maßnahmen im Westwerk Corvey.

Für diesen Text zu den aktuellen Arbeiten bedanken wir uns bei Kirchenvorstand und Gästeführer Josef Kowalski. Er brachte im Januar Restaurator/innen und Pressevertreter/innen zusammen. Zu den dabei entstandenen lesenswerten Presseberichten führen die unten stehenden Links:

Artikel in der Neuen WestfälischenAutorin: Simone Flörke, Neue Westfälische, 18.01.2019; www.nw.de
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Artikel im Westfalenblatt, 17.1.2019, Autor: Marius Thöne

Beitragsfoto/Titelbild: Kirchenvorstand und Gästeführer Josef Kowalski mit dem Restauratorenteam, v. re. nach li.: Elin Lundmark + Misa Asp, Stockholm,  Katharina Heiling, Wedemark, Anna Skriver, Köln; Foto: Karen Keller