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Dem Wunder Sachsens auf der (Kultur-)Spur

By 13. September 2022No Comments

Zuerst erkundeten sie unter fachkundiger Führung der Historikerin Annika Pröbe das karolingische Westwerk und seine Alleinstellungsmerkmale von Weltrang. Direkt im Anschluss nahm der Archäologe Ralf Mahytka die Gruppen dann mit in den Weserbogen, wo die 1190 erstmals schriftlich erwähnte und 1265 schon wieder wüst gefallene Stadt Corvey aus ihrer kurzen Geschichte erzählt: Der „Tag des offenen Denkmals“ führte mehr als 150 Gäste dem Motto entsprechend auf „KulturSpuren“ der besonderen Art.

Annika Pröbe erläutert den Gästen beim “Tag des offenen Denkmals”, wie imposant die Fassade des Westwerks nach dessen Erbauung auf die Menschen gewirkt haben muss. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht

Die  große Resonanz auf die beiden Sonderführungen bestärkt die katholische Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus in dem, was sie für das seit 2014 zum UNESCO-Welterbe gehörende  karolingische Westwerk plant: Der Johanneschor – Herzkammer des Westwerks – erblüht mit Hilfe moderner Technologien virtuell in seiner reichen, ursprünglichen Farbigkeit und bauplastischen Ausgestaltung.

Im Johanneschor vermittelte Annika Pröbe Vorstellungen von dessen ursprünglicher Farbigkeit und bauplastischer Ausgestaltung.

Die hatte es in sich, wie Annika Pröbe bei ihren Führungen verdeutlichte. Die Mediävistin gehört dem wissenschaftlichen Kompetenzteam der Kirchengemeinde an, das die multimediale Erschließung des Westwerks realisiert. Beim Denkmaltag fächerte sie eindrucksvoll auf, wie die lebensgroßen Stuckfiguren, die in karolingischer Zeit von den Arkadenzwickeln aus in das Quadrum des zweigeschossigen Sakralraums schauten, auf dem Bildschirm eines Tablets an ihren exponierten Platz zurückkehren. Dazu haben Experten des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung Darmstadt die imposanten Plastiken anhand erhaltener Stuckfragmente rekonstruiert. Die fragmentarisch erhaltenen Wandmalereien wie die berühmte Odysseus-Szene und die Akanthusranken sahen sich die Gäste beim Denkmaltag ebenfalls an – und stellten sich vor, wie sie in ihrem ursprünglichen Glanz neu erstrahlen.

Das tun auch sie nur auf dem Bildschirm eines Tablets, das die Gäste von der Saison 2023 an zur Erkundung des Johanneschores mitbekommen. Die Wände nach dem Vorbild der karolingischen Künstler direkt wieder zu bemalen, verbietet sich, erläuterte Annika Pröbe. „Alles, was wir tun, muss reversibel sein.“

Restauratoren sichern sensible Substanz

Parallel zur Entwicklung der Augmented-Reality-Anwendungen und ihren Erzählsträngen behalten Restauratoren die sensible Originalsubstanz in einem Monitoring zusammen mit Klimaexperten permanent im Blick. In den vergangenen Jahren haben Fachleute sowohl im Johanneschor als auch in der Erdgeschosshalle des Westwerks viel unternommen, um die karolingischen „KulturSpuren“ nach neuesten Erkenntnissen zu sichern.

Die Erdgeschosshalle des Westwerks hat ebenfalls bedeutende karolingische (Kultur-)Spuren.

Dazu gehören auch die erhaltenen Wandfriese im Südseitenschiff der Erdgeschosshalle des Westwerks. Dieser bedeutende Raum mit seinen großartigen korinthischen Säulen war ebenfalls farblich prachtvoll ausgestaltet. Auch an den Säulen haben Restauratoren Farbreste gefunden. Zu den jüngeren „KulturSpuren“ gehört das Gewölbe im Nordseitenschiff. Es ist im 16. Jahrhundert eingezogen worden. Die Seitenschiffe waren in karolingischer Zeit aber flach gedeckt gewesen – so wie es im Südseitenschiff jetzt wieder der Fall ist: Dort haben Fachleute das Gewölbe herausgenommen und die Flachdecke rekonstruiert. Unter dem Gewölbeansatz waren die Wandfriese zutage getreten, die jetzt direkt unterhalb der flachen Decke aus der Zeit vor 1200 Jahren künden.

Die prachtvolle Triumphal-Architektur der barocken Abteikirche stiehlt der Eingangshalle in ihrer eigenen Raumwirkung seit mehr als 300 Jahren die Show. Der Raum erblüht, wenn am authentischen Ort auf einer bald eingebauten Glaswand die schlichte karolingische Basilika visualisiert wird. Dieser Raumeindruck wird Höhepunkt einer filmischen Reise in Corveys klösterliche Geschichte sein.

Und auch aus dem im Johanneschor schauen die Gäste auf dem Tablet-Bildschirm in die alte Basilika. Der Blick in die Kirche war bin zum Einbau der Barockorgel 1681 frei. Bald wird er virtuell erlebbar sein.

Planungen auf der Zielgeraden

Diese faszinierenden Planungen sind auf der Zielgeraden. Annika Pröbe konnte den Gästen in Aussicht stellen, dass sie beim nächsten „Tag des offenen Denkmals“ mit den Tablets in der Hand den Johanneschor erkunden können. „Wir haben viel geforscht und viele neue Details gefunden. Wir freuen uns darauf, Ihnen all das bald zeigen zu können.“

Die Fassade des Westwerks ist das Gesicht der Welterbestätte.

Beim Anblick der Doppelturmfassade – dem Gesicht der Welterbestätte – hatte die Historikerin den Gästen gleich zu Beginn ihrer Führungen eindrücklich vor Augen geführt, welche Bedeutung die 822 gegründete Reichsabtei hatte. Als das Westwerk 873 bis 885 errichtet wurde, lebten die Menschen in Holzhäusern oder Grubenhäusern. Nahe der Weser standen sie dann vor diesem mächtigen Steinbau, der anfangs sogar drei Türme hatte. Das muss sie beeindruckt haben, wie eine zeitgenössische Bezeichnung Corveys zeigt: Die Menschen sprachen damals vom „Wunder Sachsens und des Erdkreises“. In seiner steinernen Imposanz und der geradezu opulenten farbigen Ausgestaltung zeigte sich, so Annika Pröbe, auch die reichspolitische Bedeutung dieser auf Geheiß Ludwigs des Frommen gegründeten Abtei.

Parallelen zum Konstantinsbogen in Rom zeigte die Historikerin bei ihren Sonderführungen ebenfalls auf: Die Buchstaben der Inschriftentafel, von der eine Kopie an der Fassade des Westwerks die Blicke auf sich zieht, sind in der Schriftart der römischen Capitalis Quadrata ausgeführt. „Das ist ein Rückgriff auf die Antike“, so Annika Pröbe. Am Konstantinsbogen finden sich ebenfalls Inschriften in dieser Schriftart.

Die Tafel am Westwerk bringt einen Segenswunsch der Mönche für die Civitas, den mittelalterlichen Klosterbezirk, ins Wort. Die Civitas ist als Bodendenkmal erhalten und gehört zum Weltkulturerbe.

Archäologe Ralf Mahytka erläutert den Grundriss der Marktkirche.

Pompeji von Westfalen

Als ihre Abtei mehr als 350 Jahre bestanden hatte, gründeten Corveyer Äbte außerhalb der Klostermauern eine Stadt. Diese war aus einem Siedlungskern im Umfeld des Benediktinerklosters gewachsen. 1190 erstmals urkundlich erwähnt, ging sie in der Nacht zum 16. Juli 1265 in Flammen auf. Bewaffnete Verbände des Paderborner Bischofs Simon I. zur Lippe, Bürger der konkurrierenden Stadt Höxter und Corveyer Ministeriale zerstörten die Stadt bei einem gezielten Überfall.

Überreste dieses „Pompeji von Westfalen“ werden zur Landesgartenschau 2023 in einem Archäologischen Park erlebbar sein. Wie, das erläuterte Archäologe Ralf Mahytka beim „Tag des offenen Denkmals“ vor Ort im Weserbogen. Er nahm die Gäste nach den beiden Westwerk-Führungen jeweils am Haupteingang Corveys in Empfang und geleitete sie in die untergegangene, von dem renommierten Göttinger Wissenschaftler und ehemaligen Höxteraner Professor Dr. Hans-Georg Stephan bei Grabungen wiederentdeckte Stadt.

Bestandteile der Stadt veranschaulicht

„Wir haben Bestandteile dieser Stadt veranschaulicht“, erläuterte der Archäologe. Der Grundriss der Marktkirche ist originalgetreu nachempfunden. Vereinfacht und damit lokalisiert haben die Projektbeteiligten das Haus des berühmten „Chirurgen von der Weser“. Dieser hat Operationen durchgeführt, von denen das im Keller gefundene Besteck kündet.

Dieses Gefäß ist im Keller des Hauses gefunden worden, in dem der Chirurg von der Weser wohnte.

Keramikfunde aus der Gründungszeit der Stadt hatte Ralf Mahytka bei den Führungen ebenso dabei wie Werkzeug, das von handwerklichen Tätigkeiten der Bewohner kündet, und einen Steigbügel. Den hatte wohl ein Reiter verloren, der auf dem Hellweg unterwegs war. Diese Handelsstraße führte durch die Stadt Corvey und endete an der Weser, über die damals zusätzlich zu der in Höxter eine eigene Brücke führte. „Dort, wo wir die Brücke vermuten, ist auf der anderen Weserseite ein Hohlwegbündel. Es diente dazu, über den Solling zu kommen“, berichtete Ralf Mahytka.

Während der Hellweg nur für die Landesgartenschau sichtbar gemacht wurde, bleiben große Teile des Archäologieparks über das Event hinaus bestehen. An fünf Hörstationen erfahren die Gäste viel Wissenswertes über die versunkene Stadt. In einem Besucherzentrum, das bald gebaut wird, erzählen Funde aus der Geschichte dieser geheimnisvollen Stadt.

Es wird sich also viel verändert haben, wenn die Denkmaltags-Besucher im nächsten Jahr wiederkommen: sowohl im Westwerk, das im Glanz des 1200-jährigen Bestehens des ehemaligen Benediktinerklosters steht, als auch im Weserbogen. Die Landesgartenschau wird Corvey und sein Umfeld ebenfalls in einem anderen Licht erscheinen lassen.