aktuellJubiläumZeitreise Corvey

Tonangebend und gut vernetzt in der Buchproduktion

By 9. Juni 2023Februar 15th, 2024No Comments

„Das Skriptorium war die zweite Herzkammer eines Klosters.“ Dieser hervorgehobene Stellenwert im monastischen Organismus zeigt sich, so der renommierte Kunsthistoriker Professor Dr. Harald Wolter-von dem Knesebeck aus Bonn, schon allein im berühmten St. Galler Klosterplan. Denn diese Grundrisszeichnung eines idealen Benediktinerklosters aus dem 9. Jahrhundert ordnet der Bibliothek und dem Skriptorium übereinander einen Raum direkt neben dem Chor der Kirche zu.

Professor Dr. Harald Wolter-von dem Knesebeck machte die Gäste bei der vierten Etappe der „Zeitreise“ mit der Buchproduktion im Skriptorium des mittelalterlichen Klosters Corvey vertraut.

Professor Dr. Harald Wolter-von dem Knesebeck machte die Gäste bei der vierten Etappe der „Zeitreise“ mit der Buchproduktion im Skriptorium des mittelalterlichen Klosters Corvey vertraut. Wir haben seinen Vortrag zum Nachlesen dokumentiert. Sie finden den Link am Ende dieses Beitrags. Fotos: Kirchengemeinde Corvey/Sabine Robrecht

Diese Sammlung mit Büchern und Handschriften war zu einem großen Teil mit Produkten aus dem eigenen Skriptorium ausgestattet. So auch in Corvey. Aus der Schreibstube der Benediktinerabtei und den Skriptorien der mit ihr vernetzten Klöster wie Helmarshausen sind im Mittelalter hochbedeutende Handschriften hervorgegangen. Diese prägten die Buchkultur ihrer Zeit maßgeblich, wie Harald Wolter-von dem Knesebeck, Inhaber der Professur für Kunstgeschichte unter besonderer Berücksichtigung des Mittelalters an der Universität Bonn, bei der vierten Etappe der „Zeitreise“ in Corveys monastische Geschichte anschaulich erläuterte. Vor einem großen Zuhörerkreis erblühte das mittelalterliche Corvey in seiner Strahlkraft als bedeutendes Zentrum der klösterlichen Schriftkultur und Buchmalerei sowie auch als früher Ort des Erhalts und der Rezeption antiker Schriften.

Aushängeschild weist auch auf die Heilige Stadt Gottes

Die Anfänge dieser Erfolgsgeschichte für Wissenschaft und Bildung kamen einem Kulturtransfer gleich. Denn die Mönche aus Corbie, die Corvey 822 gründeten, brachten mit dem Christentum eine Schriftreligion in eine weitgehend schriftlose Kultur. Auf diese Zeitenwende verwies Professor Wolter- von dem Knesebeck zu Beginn seines Vortrags. Die Menschen standen im Weserbogen vor Steinbauten, die sie so nicht kannten, und vor einer eindrucksvollen monumentalen Inschrift mit goldglänzenden Buchstaben, von der eine Kopie noch heute an der Doppelturmfassade des Westwerks zu sehen ist. „Die Inschriftentafel wurde zum Aushängeschild, das auch auf die Heilige Stadt Gottes weist“, konstatierte der Kunsthistoriker mit Verweis auf den Text: „Umhege, o Herr, diese Stadt und lass deine Engel die Wächter ihrer Mauern sein.“ Diesen Segenswunsch hatten die Mönche dem kirchlichen Stundengebet entnommen und in Stein meißeln lassen. Das alles muss auf die Menschen Eindruck gemacht und eine vage Vorstellung von der Heilsbotschaft des Evangeliums vermittelt haben.

Für die Bibliothek der Neugründung in der Einöde Sachsens haben die Mönche sehr wahrscheinlich aus Corbie einen Basisbestand vor allem zur Grundausstattung der Kirche und zur Feier der Liturgie mitgebracht. Personell war auch ein Pergamentmacher dabei. Er bereitete den Rohstoff der damaligen Bücher, Tierhäute, für die Buchproduktion vor. „Papier gab es ja noch nicht.“ Das Pergament musste in den Schreibwerkstätten unter anderem zugeschnitten und gefaltet werden. „Das Illuminieren, wie man die Anlage der Buchmalerei nennt, begann mit Vorzeichnungen“, erläuterte Professor Wolter-von dem Knesebeck.

Das Liber Vitae von Corvey aus dem 12. Jahrhundert gehörte zu den Handschriften, die der Referent des Abends auf der großen Leinwand zeigte,

Das Liber Vitae von Corvey aus dem 12. Jahrhundert gehörte zu den Handschriften, die der Referent des Abends auf der großen Leinwand zeigte,

Handschriften zum Abschreiben verliehen

Zu den aus Corbie mitgebrachten Bibliotheksbeständen kamen, so der Referent, geliehene Handschriften unter anderem aus dem 744 gegründeten Kloster Fulda hinzu. Diese wurden ausgeliehen, damit Schreiber des neuen Klosters sie abschreiben konnten. Das ging ihnen anscheinend zügig von der Hand: Corvey war „als erste Bildungsstätte der Sachsen und führendes Kloster dieser Region tonangebend in der Buchproduktion“, ordnete der Kunsthistoriker die Bedeutung des Weserklosters ein. „Hier entstanden in ottonischer Zeit Prachthandschriften für den Export.“ Das ottonische Corvey hatte mit seinem Skriptorium eine Führungsposition in Norddeutschland. Es bediente sich aber auch im 9. Jahrhundert bereits der Kunstfertigkeit anderer Kooperationspartner. Dies waren, wie Professor Wolter-von dem Knesebeck berichtete, überwiegend Westkontakte.

Im geistlichen Beziehungsgeflecht der Klöster kam es auch vor, dass Konvente Buchbinder und Schreiber „ausgeliehen“ haben, erläuterte der Referent. Auch zum Lernen und Lehren oder zum Recherchieren für ein literarisches Werk gingen Mönche an andere Konvente.

Zusammenarbeit mit Helmarshausen

Für das noch in ottonischer Zeit, Ende des 10. Jahrhunderts, gegründete Helmarshausen gehörte Corvey in der Startphase zu den Leihgebern von Schriften. Die Zusammenarbeit mit dem 30 Kilometer weseraufwärts gelegenen Kloster blieb allerdings keine Einbahnstraße. Im Skriptorium von  Helmarshausen, aus dem das berühmte Evangeliar Heinrichs des Löwen und Mathildes von England (1173 bis 1189) hervor ging, wurde für Corvey unter anderem der Bildschmuck des „Liber vitae“ (Buch des Lebens, vor/um 1158) angefertigt. Dieser enthält auch Eintragungen des Konvents Helmarshausen.

Das Fraternitätsbuch beginnt mit einem Dedikationsbild (Widmungsbild), das Corveys Schutzpatron St. Stephanus zwischen den Äbten Warin (Corvey) und Hilduin (St. Denis bei Paris) zeigt. Letzterem ist die Übertragung der Reliquien des heiligen Vitus aus seiner Abtei nach Corvey zu verdanken. Die Gebeine gelangten 836 in einem Triumphzug unter dem ersten gewählten Abt Warin an die Weser und begründeten Corveys Anziehungskraft als Pilgerort.

Die Musik des Abends ist als Film eingespielt und in eindrucksvolle Bilder gekleidet worden.

Die Musik des Abends ist als Film eingespielt und in eindrucksvolle Bilder gekleidet worden.

Neben dem „Liber vitae“, das an diesen Meilenstein in Corveys früher Geschichte erinnert, haben die Mönche im 12. Jahrhundert trotz eigener tüchtiger Schreiber für weitere Buchproduktionen auswärtige Kunstfertigkeit in Anspruch genommen. Professor Wolter-von dem Knesebeck stellte als Beispiel den im Auftrag von Abt Wibald von Stablo (1146-1158) geschaffenen Cicero-Kodex vor. Als Diplomat und Klostervorsteher in Personalunion wollte Wibald die Handschriften des römischen Politikers, Anwalts, Schriftstellers und Philosophen für die Klosterbibliothek sammeln und lieh sie zum Abschreiben in Hildesheim aus. Wibald sah wohl Parallelen zwischen sich und Cicero. Der um 1150 entstandene Sammelband für die Corveyer Klosterbibliothek zeigt auf dem Titelblatt eine Federzeichnung als Widmung des Codex an Corveyer Patrone sowie eine weitere mit Cicero mit seinem Sohn.

Professor Dr. Christoph Stiegemann (links), Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek (2. von rechts) und Kirchenvorstand Josef Kowalski (rechts) dankten dem Referenten der vierten Zeitreise-Etappe, Professor Dr. Harald Wolter-von dem Knesebeck, für seinen anschaulichen Vortrag.

Professor Dr. Christoph Stiegemann (links), Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek (2. von rechts) und Kirchenvorstand Josef Kowalski (rechts) dankten dem Referenten der vierten „Zeitreise“-Etappe, Professor Dr. Harald Wolter-von dem Knesebeck, für seinen anschaulichen Vortrag.

Kunstfertigkeit und Glaubenstiefe

Der anschauliche Vortrag vermittelte aufschlussreiche Einblicke in die mittelalterliche Buchkunst und ihre Entstehung im Beziehungsgeflecht der Klöster. Professor Harald Wolter-von dem Knesebeck präsentierte auf einer großen Leinwand Werke, die von Kunstfertigkeit und Glaubenstiefe zeugen und auch vor Augen führten, welche kunsthandwerklichen Disziplinen neben der Malerei und Kalligraphie an Prachtbänden wie einem in Prag befindlichen Evangeliar aus Corvey beteiligt waren: Im Mittelpunkt des Einbands steht eine Darstellung des thronenden Petrus aus Elfenbein – umgeben von Edelsteinen und spätmittelalterlichen Metallbeschlägen aus Prager Herstellung.

Die mit eindrucksvollen Filmbeiträgen unterlegte Musik unterstrich die besondere Stimmung dieses Abends, der das mittelalterliche Skriptorium des Jubiläumsklosters an der Weser als Ort der Kunstfertigkeit, des Wissenstransfers, des Netzwerkens und nicht zuletzt des tiefen Glaubens spürbar machte. Wie ein Stern leuchtete eine weitere Facette der Bedeutung Corveys auf. Wenn man sich die „Zeitreise“ und ihre elf Vorträge als Mosaik vorstellt, ist es mit der vierten Etappe um einen strahlenden Stein reicher.

Text: Sabine Robrecht

Zum Nachlesen: Zeitreise Corvey, Corveyer Buchkultur, Vortrag 2023, Textfassung Internet, Prof. Dr. Harald Wolter-von dem Knesebeck