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Das Weserkloster und seine Weingeschichte

By 5. April 2023Februar 15th, 2024No Comments

„Ein Kloster ohne Wein ist nicht denkbar“, sagt der leidenschaftliche Winzer Michael Rindermann. Der ehemalige Inhaber des Corveyer Weinhauses hat jahrzehntelang intensive Nachforschungen zur Weingeschichte des Klosters Corvey angestellt und gewährt anlässlich des 1200-jährigen Bestehens der ehemaligen Benediktinerabtei Einblicke in sein umfassendes Archiv. Anhand der Quellen zeichnen wir die Corveyer Weingeschichte im folgenden Beitrag nach.

Das Weltkulturerbe Corvey steht 2022 und 2023 im Licht des 1200-jährigen Bestehens der ehemaligen Benediktinerabtei. Das Westwerk ist das Gesicht der Welterbestätte.

Die Mönche des Benediktinerklosters Corvey haben sich mit Beginn ihres monastischen Lebens an der Weser 822 sehr bald auch um die Versorgung mit Wein gekümmert.

In seinen Gleichnissen verwendet Jesus oft das Bild vom Weinstock und den Reben. Beim letzten Abendmahl erklärt er den Wein zu seinem Blut – und macht den Rebensaft mithin zu einem Symbol seiner bleibenden Gegenwart. Als zentraler Bestandteil der Liturgie spielt Wein daher in christlichen Klöstern seit jeher eine bedeutende Rolle. Darüber hinaus erlaubt Ordensgründer Benedikt von Nursia seinen Gemeinschaften den gemäßigten Genuss. Kein Wunder also, dass sich die Corveyer Mönche mit Beginn ihres monastischen Lebens an der Weser 822 sehr bald auch um die Versorgung mit Wein gekümmert haben. Nach ersten Messwein-Importen aus dem Mutterkloster Corbie und gleichzeitigem Anbau innerhalb des Klosterbezirks bezogen sie den Rebensaft von 843 an über mehrere Jahrhunderte hinweg von eigenen Gütern an Rhein und Mosel. Womöglich wegen der langen Transportwege bauten sie dann vom 12. Jahrhundert an daheim, auf Kalkhöhen vor der eigenen Haustür, selbst Wein an.

Auch wenn es das Kloster nicht mehr gibt, gehört guter Wein zu Corvey dazu – allerdings als Verkaufsschlager: Das Corveyer Weinhaus hat in einem der Domänengebäude der ehemaligen Reichsabtei und heutigen Welterbestätte seit 1997 ein stilvolles Zuhause und gehört zu den Top-Adressen für erlesenen Wein und Spirituosen. Michael Rindermann, ehemaliger Inhaber der renommierten Weinhandlung in Sichtweite des karolingischen Westwerks, macht ebenso wie sein Nachfolger Robert Kienappel edle Tropfen zu Markenbotschaftern des Welterbes und schreibt Corveys Weingeschichte außerdem mit seiner Hände Arbeit fort: Dort, wo die Ordensmänner im 17. Jahrhundert einen letzten Versuch gestartet hatten – am Südosthang des Räuschenbergs hoch über dem Wesertal und mit Fernsicht auf Corvey –, baut Michael Rindermann seit Frühjahr 2009 wieder Weinstöcke an.

Michael Rindermann betreut sei t2009 den Weinberg am Südosthang des Räuschenberges Oberhalb Höxters.  Er hegt und pflegt die Weinstöcke mit Hingabe.

Geschichte der Importe beginnt 843

Bevor er sich diesen Traum erfüllte, stellte der Kenner und leidenschaftliche Weinhändler über Jahre hinweg akribische Nachforschungen zur Corveyer Weingeschichte an. Sein Archiv umfasst detailreiche Erkenntnisse – gewonnen und gesammelt auch in den Orten, aus denen die strahlkräftige Benediktinerabtei in ihrer Blütezeit im frühen Mittelalter den zum Klosterleben dazugehörenden Wein bezog.

Diese historische Weinbaukarte  von 1904 zeigt die Weinberglagen des früheren Corveyer Gutes bei Kessenich. Foto: Archiv Michael Rindermann

Die Geschichte dieser Importe aus auswärtigen, klostereigenen Weinbergen begann 843 in Kessenich bei Bonn am Rhein und 870 in Litzig bei Traben-Trarbach an der Mosel. Schenkungen des fränkischen Herrscherhauses brachten den Konvent an beiden Orten in den Besitz großer Güter. In der Villa Castenicha, also in Bonn-Kessenich, übertrug Kaiser Lothar I., ältester Sohn Ludwigs des Frommen, dem Grafen Esich in einer in Aachen ausgestellten Urkunde vom 20. März 843 ein Lehen zu freiem Eigentum. Dieses umfasste auch Weinberge. Noch im selben Jahr schenkte der Graf die Güter um seines Seelenheiles willen dem Kloster Corvey. Der Kaiser erklärte diese Schenkung zum freien Eigentum des Corveyer Abtes. Der jungen Benediktinerabtei im Weserbogen stand zu dieser Zeit Abt Warin (826 – 856), ein Verwandter Ludwigs des Frommen, vor, mit dem eine erste Blütezeit begann.

Aufwändige Weintransporte führten über den Hellweg

Zu den Aufgaben des Konvents gehörte es natürlich, den auswärts erzeugten Wein an die Weser zu holen. Diese Fuhren waren langwierig, aufwändig und gefährlich – eine logistische und organisatorische Herausforderung. Der westfälische Hellweg, an dem das Weserkloster lag, war ein Streckenabschnitt der jährlichen Weintransporte. Besitzungen des Klosters dienten als Etappenorte.

Von diesen Zwischenstationen auf dem Weg nach Kessenich ist in einem Bericht über die „‚Corveyer Weinreise‘  zur Beförderung des kostbaren Gutes“ zu lesen, von dem Dr. Hans Joachim Brüning (1921 – 1996), profunder Kenner der Geschichte Höxters und Corveys, in Ergänzung zu einem Aufsatz des Heimatforschers Willi Westermann aus Traben-Trarbach über das Corveyer Weingut in Litzig bei Traben berichtet: „Die Fahrt ging über den Hellweg bis in die Gegend von Duisburg, wo der Rhein erreicht wurde, der als Transportweg wesentlich günstiger war als die Pferdefuhren zu Lande. Eine Reihe von Zwischenetappen werden uns überliefert; von Corvey ging es zunächst nach Mönninghausen (bei Lippstadt), dann nach Büderich (bei Werl), von da nach Steele (heute Ortsteil von Essen) und schließlich nach Lakum (bei Duisburg). Alle diese Raststellen waren in Corveyer Besitz, was die Versorgung der Transportfahrzeuge, ihrer Begleiter und Zugtiere mit Verpflegung, Pferdefutter und sonstigen Notwendigkeiten erheblich erleichterte (und auch verbilligte). Die wohlüberlegte und offenbar wirkungsvolle Organisation der jährlichen Weintransporte lässt auf eine längere Zeitdauer dieses Verfahrens schließen.“ Der Bericht stammt, wie Brüning vermutet, wahrscheinlich aus dem 12. Jahrhundert.

Diese historische Karte weist den Corveyer Besitz in Litzig aus. Foto: Archiv Michael Rindermann

Besitz an der Mosel 400 Kilometer entfernt

Eine Weinfahrt zum etwa 400 Kilometer von Corvey entfernten Besitz an der Mosel wird nirgends erwähnt, konstatiert Albert Brand in einem Beitrag mit dem Titel „Der westfälische Hellweg und die Weinstraße der Benediktiner von Korvey“, erschienen im Juni 1925 in einem der Westdeutschen Monatshefte für das Geistes- und Wirtschaftsleben. „Der Moselwein von Litzig musste inzwischen wohl schon nach Kessenich geschafft worden sein“, schlussfolgert er.

Die „Villa Litzig“, ein königliches Hofgut, hatte Abt Adalgar (856 – 877) im Jahr 870 als Geschenk Ludwigs des Deutschen erhalten. Als das Weserkloster den Gutshof übernahm, lebten dort mehr als 100 Menschen. Der Hof hatte „zu dieser Zeit einen dorfähnlichen Charakter. Seine Bewohner betrieben Viehzucht und bewirtschafteten außer Weinbergen auch Äcker und Wiesen“, berichtet Willi Westermann in einem Aufsatz, den er unter dem Titel „Litzig und seine Fischerzunft von 1455“ veröffentlicht hat. In den Weingärten, so geht es aus der Schenkungsurkunde vom 25. September 870 hervor, können zwei Fuder gelesen werden.

Mit der Schenkung bedachte Ludwig der Deutsche ein Kloster, das zwei Verwandte seines Großvaters Karl der Große, Adalhard und Wala, 822 als „Corbeia Nova“ (neues Corbie) gegründet hatten. In Litzig  ist nach der Inbesitznahme des Gutes durch die noch junge Abtei von Pröpsten die Rede, berichtet Dr. Brüning: „Corvey hat dort vielleicht einen kleinen, von der Mutterabtei abhängigen Konvent gegründet, dessen Mönche gleichzeitig die Seelsorge der dort arbeitenden und wohnenden Familien übernehmen konnten.“ Der mehrfach vorkommende Ausdruck praepositus, Propst, lasse kaum eine andere Deutung zu, so Dr. Brüning. „Zwischen den Jahren 1190 und 1232 werden die Pröpste Reinmar, Hartlev, Ludolf und Heinrich namentlich erwähnt. Andererseits enthalten die spärlichen Schriftquellen keinerlei Hinweise auf Mönche, ein Kapitel oder auf die Kirche. Man muss die Frage nach der Art der Propstei wohl offenlassen.“

Die Karte von 1811 zeigt den Corveyer Hof. Foto: Archiv Michael Rindermann

Verkauf nach 490 Jahren

Die Familie Caspari, deren Stammvater auf dem Corveyer Hof geboren worden ist, berichtet in ihrer ausführlichen Familienchronik mit Verweis auf Willi Westermanns Aufzeichnungen ebenfalls von einer Propstei.  Die Corveyer Mönche suchten sich auf dem weitläufigen Besitz eine von Litzig abgelegenere Stelle für den Bau ihres Hofs – und fanden sie moselabwärts. Sie bauten eine dem Corveyer Schutzpatron St. Vitus geweihte Kapelle. Und: „Neben dem neuen Corveyer Hof errichteten die neuen Herren nahe der St.-Vitus-Kapelle eine Propstei, Wohnung des klösterlichen Vorgesetzten.“

Die Entfernung zwischen Weser und Mosel stellte sich im Laufe der Jahre als hinderlich heraus. „Auch die Errichtung des neuen Hofes oberhalb des alten Königshofes Litzig begann sich als ein Schritt in die falsche Richtung abzuzeichnen“, schreibt Willi Westermann. „Corvey investierte nämlich vornehmlich in seine neuen Gebäude.“ Dies habe zur Folge gehabt, dass der Königshof einen Übergang zu einem Dorf vollzog. Hinzu kam, dass die Kirche zu Traben die Eingliederung der Bewohner Litzigs in ihren Bereich anstrebte und einen Rechtsstreit darum 1212 gewann.

Die Gedenktafel erinnert an das Hofgut der Benediktinerabtei Corvey. Foto: Michael Rindermann

490 Jahre nach Ludwigs Schenkung kündigte sich dann schließlich ein Besitzerwechsel an die Grafen von Sponheim an. 1359 war der Verkauf unter Dach und Fach. Der Kaufpreis von 2700 Gulden war, so Dr. Brüning, für die damalige Zeit eine hohe Summe.  „Zudem ist anzunehmen, dass in der langen Zeit Besitzteile von Corvey veräußert waren, dass also die Schenkung von 870 nicht mehr komplett war. So wissen wir, dass Corvey Teile in unbekannter Größe an das Kloster Hardehausen verkauft hat, bezeugt seit 1251. Um die gleiche Zeit hat Corvey seinen gesamten Besitz in Kessenich an das Kloster Hardehausen abgetreten. Nur zwei Fuder Wein blieben Corvey, die es dann im Jahr 1297 auch noch an Hardehausen verkauft hat.“ Der Besitz in Litzig müsse aber trotz aller Verkäufe noch beträchtlich gewesen sein, wie der Kaufpreis aus dem Jahr 1359 beweise, sagt Dr. Brüning.

Der einstige Königshof hatte weiter Bestand und entwickelte sich im Mittelalter zu dem wohl bedeutendsten Fischerort an der Mosel. Auf das Corveyer Kapitel seiner Geschichte weisen noch heute Flur- und Straßennamen wie die Straße „Am Corveyer Hof“, die Flurbezeichnung „Corveyer Wäldchen“ oder der Bachlauf „Veitsgraben“ hin.

Am Bielenberg entstand erster Weinberg in Westfalen

Corvey ist lange in Besitz seiner auswärtigen Weingüter geblieben. Dr. Brüning: „Die Möglichkeit, große Mengen Wein auf eigenem Grund zu erzeugen und nach Corvey zu schaffen, wird trotz aller Schwierigkeiten die Mönche veranlasst haben, ihre Weingüter möglichst lange zu halten. Schließlich aber entschlossen sie sich doch zum Verkauf, wobei die inzwischen eingetretene wirtschaftliche Notlage in Corvey selbst sicher ein nicht zu unterschätzendes weiteres Motiv darstellte.“ Kessenich bei Bonn war etwa 100 Jahre vor Litzig, um 1250, verkauft worden.

Michael Rindermann vor dem Straßenschild “Am Corveyer Hof” in Traben-Trarbach, das ebenfalls an Corveys Weingut erinnert.

Die „Beschreibung des Kreises Höxter“ von 1870 wirft noch ein Licht auf die Zeit vor Inbesitznahme dieser beiden Güter an Rhein und Mosel: Abt Warin soll den Kaiser im Jahr 838 in Ingelheim aufgesucht und für den Bezug des nötigen Weines die vom Kaiser bestätigte Schenkung von Gütern bei Oppenheim und Wachenheim erlangt haben. „Hinsichtlich der Form wird die Echtheit der Urkunde bezweifelt“, heißt es in dem Beitrag. „Die Weingüter bei Oppenheim und Wachenheim müssen früh wieder verloren gegangen sein, da sie später nicht mehr erwähnt werden.“

Die Corveyer Weingeschichte spielt aber nicht nur auswärts, sondern auch vor der eigenen Haustür – auf den Kalkhängen in Sichtweite des Klosters. Am Südhang des Bielenberges westlich von Höxter entstand im 12. Jahrhundert der wohl erste Weinberg in Westfalen. Den Stein ins Rollen brachte Abt Erkenbert (1107 – 1128): Auf sein Bitten hin übergab Bischof Heinrich II. dem Kloster Corvey im Februar 1114 die Novalzehnten des Ackerlandes auf dem Berg.

Der Weinanbau muss wenig später begonnen haben. Denn nach einer undatierten Urkunde hat Abt Widukind (von Spiegel zum Desenberg, 1189 – 1203) zu seinem und seiner Eltern Seelenheil den Corveyer Mönchen den von ihm zuvor auf eigene Kosten angelegten Weinberg am Südhang des Bielenbergs geschenkt. „Er behielt sich für die Zeit seines Lebens die Lieferung von sechs Fudern Wein vor“, zitiert Michael Rindermann beim Blick in sein umfassendes Archiv aus einem Aufsatz „Weinbau im Mittelalter“. Über die Qualität des Weines haben die Recherchen des ehemaligen Weinhändlers keine Überlieferungen zutage gefördert. Der Niedergang des Weinbaus am Bielenberg dürfe wohl mit dem Niedergang des Klosters durch zunehmende Verweltlichung und den Dreißigjährigen Krieg zu erklären sein, schlussfolgert Michael Rindermann aus den ihm vorliegenden Quellen.

Die Anlagen wurden aufgegeben und stattdessen Hopfen angebaut. „Vom Weinberg am Bielenberg erfahren wir noch im Jahr 1645“, zitiert Michael Rindermann aus seinem Archiv. Noch heute finden sich schmale Hangterrassen im Wald am Südhang. Vielleicht gehen sie auf den Weinanbau zurück.

Fürstabt von Bellinghausen gewann  Weingärtner aus der Wetterau

„Ausreichende und geschmacklich zufriedenstellende Weinmengen“ haben der Bielenberg und später auch der Räuschenberg offenbar geliefert, konstatiert Helmut Müller im Buch „Weinbau und Weinkonsum in Westfalen“. Besseren Wein kaufte das Kloster, wie Müller ausführt,  über Händler: „Aus Quellen des 16. und 17. Jahrhunderts geht hervor, dass das Stift Wein bei Weinhändlern und anderen Privatleuten zukaufte, so 1555 im Höxterschen Weinkeller eine nicht genannte Menge für die Summe von acht Talern und drei Groschen und weitere 24 Ohm und acht Viertel, etwa 3700 Liter, für die erhebliche Summe von 190 Talern und 27 Groschen. In den Jahren 1556 bis 1583 kaufte Corvey insgesamt 1357 Ohm, rund 203.600 Liter, für 13.300 Taler. Der Jahresdurchschnitt hätte damit bei etwa 7500 Litern gelegen.“ Ein Ohm entsprach etwa 150 Litern.

Von den 7500 Litern abzurechnen seien allerdings die Liter, die von Corvey aus weiterverkauft wurden. „So kommt eine durchschnittliche Litermenge von 5000 Litern zustande, die etwa 3690 Taler gekostet haben dürften“, so Helmut Müller. Dieser jährliche Verbrauch – das entnahm der Autor den von ihm ausgewerteten Quellen – entspräche der Angabe, dass der Bielenberg jährlich ebenso viel geliefert haben soll. „Nach groben Schätzungen dürfte der Bielenberg damit etwa einen Hektar Weinanbaufläche gehabt haben.“

Vom Weinberg am Corveyer Hexenstieg aus schaut man auf die Welterbestätte Corvey.

Am Räuschenberg, wo Fürstabt Christoph von Bellinghausen (1678 – 1696) am 25. Mai 1680 am Südosthang mit Fernsicht auf das Kloster einen Weinberg anlegen ließ, war die Anbaufläche nach anfänglich vier Morgen erheblich größer: Auf 18 Morgen wurde sie in den folgenden vier oder fünf Jahren erweitert. Diese Vergrößerung soll der Qualität des Weins jedoch nicht zuträglich gewesen sein.

Das Portal der Weinbergkapelle. Fotos: Sabine Robrecht

Die Weinbergkapelle erinnert an den Weinanbau der Corveyer Mönche.

Aber der Reihe nach: Fürstabt von Bellinghausen gewann 1680 einen Weingärtner aus der Wetterau, Johann Rupen, dafür, auf vier Morgen Weinreben zu pflanzen. Der Weingärtner brachte nicht nur Fachwissen in Sachen Wein mit, sondern kannte sich auch in der Kräuterkunde aus und bewegte den Fürstabt dazu, eine eigene Hofapotheke zu eröffnen.

Die „neu umgebrochene Länderei“ am Räuschenberg oberhalb der Stadt Höxter erbrachte im ersten Jahr fünf bis sechs Ohm (750 bis 900 Liter) guten Wein hervor, berichtete der spätere Abt Florenz von dem Felde (1696 – 1714). Er hielt in seinem Tagebuch auch die den Weinanbau flankierenden Baumaßnahmen fest: „Sie bauten auch daselbst verschiedene Gebäude, erstlich oben am Berg ein kleines Lusthaus, zweigeschossig. Ein oberes und unteres Zimmer mit einem in den Fels gehauenen Keller. In solchem taten sich ihre hochfürstlichen Gnaden nicht allein mit denen häufig angekommenen Fremden öfters belustigen, sondern sie blieben daselbst auch sowohl des Tages als nachts nebst einem einzigen Lakaien. Zweitens wurde unten am Berg ein stattlich Haus gebaut, welches nicht allein zum Keltern, sondern auch zum Wohn- und Wirtschaftshaus für den Weingärtner (…) erbaut.“

Der Weingärtner wohnte darin mit Frau und Kindern und hatte das Recht, Wein, Bier und Branntwein auszuschenken. Richtfest soll am 26. Juni 1686 gewesen sein.

Hochherrschaftliches Wohnhaus gebaut

Außer diesem Gebäude entstand oben am Berg noch ein herrschaftliches Wohnhaus mit Küche, Kellern, vielen Zimmern, einem überaus großen Saal und einer Hofkapelle. Zuvor, 1689/90, hatte Abt Christoph 1689/90 mitten im Berg die bis heute erhaltene Josephskapelle erbauen lassen. Der achteckige Zentralbau, dessen Eingangstür von Trauben aus Stein schmuckvoll gerahmt ist, hat als einziges der Gebäude die Jahrhunderte überdauert.

Florenz von dem Felde schätzte die Kosten des Weinbau-Unternehmens auf 15.000 bis 16.000 Taler. Die Bursfelder Kongregation, der Corvey angehörte, waren diese Aufwendungen anscheinend zu hoch. Bei einer Visitation durch Abt Emmerich Quincken vom Kloster Grafschaft im Dezember 1690 ordnete dieser an, das herrschaftliche Weinberghaus abzureißen und den Weinberg nicht weiter auszudehnen.

In dieser Zeit setzte der Niedergang des Weinanbaus ein. Zuvor jedoch waren so gute Jahrgänge dabei, dass hochgestellte Persönlichkeiten den Corveyer Wein bevorzugten. Zu diesen Prominenten gehörte keine Geringere als Charlotte Amalia Königin von Dänemark (1650 – 1714), geborene von Hessen-Kassel.  Als sie 1681 mit großem Gefolge den Fürstabt in Corvey besuchte, soll der Räuschenberger Wein von allen Gästen, insbesondere von der Königin höchstselbst, in den höchsten Tönen gelobt worden sein.

Mehr als 300 Jahre nachdem die Mönche den Weinanbau am Räuschenberg eingestellt haben, wachsen an diesem historischen Ort wieder Trauben. Foto: Sabine Robrecht

Dieser gute Ruf war nicht von langer Dauer: „Der am Räuschenberg gewonnene Wein war mehr stark als edel, verursachte leicht einen Rausch und kam deshalb auch allmählich in Misskredit“, ist überliefert. So geht der Bürgermeister von Beverungen in die Weingeschichte des Räuschenbergs ein: Er hat beim Vitus-Fest 1685 zum Frühschoppen eine ganze Flasche getrunken und stellte dann während der Prozession im Rausch einen solchen Unsinn an, dass er mit Gewalt weggetragen werden musste. Welch eine Blamage auch für den Wein!

Kleine Eiszeit und kalkiger Boden

Die Wetterkapriolen der Kleinen Eiszeit, der kalkige Boden und die überaus empfindlichen Reben hatten dem Wein des Räuschenberges so zugesetzt, dass er mit der Konkurrenz aus dem Süden des Reiches nicht mithalten konnte. Michael Rindermann geht davon aus, dass wahrscheinlich die falschen Rebsorten in den Muschelkalkboden gepflanzt worden sind. Die anfangs erfolgversprechende Unternehmung Abt Christophs scheiterte jedenfalls. 1705 wurde der Weinanbau nach mehreren Missernten endgültig eingestellt. Bis auf die Weinbergkapelle wurden alle Gebäude abgerissen.

Dieses Epitaph in der barocken Abteikirche Covrey erinnert an Abt Christoph von Bellinghausen. Foto: Sabine Robrecht

Abt Christoph von Bellinghausen, der das kostspielige Weinanbau-Unternehmen im Räuschenberg   angestoßen hatte, gilt trotz des Scheiterns als segensreich für die Abtei und das Fürstentum Corvey. Er war mit 16 Jahren in den adeligen Benediktinerkonvent eingetreten und erhielt 1666 die Priesterweihe. Für zwei Jahre schickte die Abtei ihn Corveys früheres Mutterkloster Corbie. Von dort aus reiste er auch nach Paris und lernte dort den Prunk am Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. kennen. Eine Italienreise führte den jungen Mönch nach Assisi, Rom und an die Keimzelle seines Ordens, das Benediktinerkloster Monte Cassino.

In seinem Heimatkloster Corvey wurde er mit 37 Jahren Abt: Als Münsters Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen, der dem darniederliegenden Kloster Corvey nach dem Dreißigjährigen Krieg als Administrator zu einer positiven Entwicklung verhalf, 1678 starb, bewarb sich der weitgereiste von Bellinghausen um die Nachfolge.

Die kleine Weinbergkapelle erinnert an Christoph von Bellinghausen. Sie ist Startpunkt des ökumenisch-biblischen Weinpfads. Dieser rund drei Kilometer lange Rundweg macht die Wanderer mit der Corveyer Weinbaugeschichte und der Bedeutung der ehemaligen Reichsabtei, aber auch mit den Botschaften der Bibel vertraut. Bezüge bietet wiederum der Wein, der in der Heiligen Schrift als Symbol der Lebensfreude und der Nähe Gottes gilt. Wer an den Buchstationen des Weinpfads inne hält, bereichert nicht nur sein Wissen, sondern erhält auch spirituelle Impulse. Viele Ausflügler aus Nah und Fern nutzen dazu die Gelegenheit.

Ganz anders – wie ein Ermittler – hat Ralf Pankoke von der Technischen Hochschule OWL den Räuschenberg mehrmals erkundet. Im Rahmen seiner Doktorarbeit zum Thema „Der Corveyer Weinberg in Höxter – ein regional oder überregional kulturhistorisch bedeutendes Landschaftselement?“ stellte er auf etwa sieben Hektar intensive Bodenuntersuchungen an, um Aussagen über die konkrete Lage des Weinanbaugebiets der Mönche treffen zu können. Er stieß auf alte Mauerstrukturen und Gewölbe, Terrassen und unterschiedliche Vegetation.

Michael Rindermann betreut den Weinberg seit 2009 mit Herz und Sachverstand. Er hegt und pflegt die Weinstöcke mit Hingabe. Foto: Sabine Robrecht

Weinbautradition erlebt gedeihliche Fortsetzung

Michael Rindermann knüpft auf der Sonnenseite des Berges an dessen Weinbautradition an.  Zusammen mit einigen Mistreitern betreut er am Hexenstieg 99 Weinstöcke: auf der Westseite den Rotwein, den Regent, und auf der Südostseite den Weißwein, die Phönixtraube. Während vor 300 Jahren die kleine Eiszeit dem Weinanbau zum Verhängnis wurde, lässt der Klimawandel von heute eine gute Weinlese erwarten: „Wir haben in den letzten zehn Jahren hier im Raum Höxter 15 Prozent Feuchtigkeit verloren, gleichzeitig eine Zunahme von Strahlung. Strahlung bedeutet, dass nicht immer die Sonne scheinen muss. Auch hinter den Wolken kommt die Strahlung, und plötzlich passten die Werte“, erläutert Michael Rindermann.

Zeitgleich mit dem 1200-jährigen Bestehen der ehemaligen Benediktinerabtei – 2022 – haben der leidenschaftliche Weinbauer und die befreundeten Hobbywinzer einen großartigen Ertrag eingefahren. Die Qualität der Trauben war ein Rekord. Und auch der Jungwein aus diesen außergewöhnlich prachtvollen Trauben machte der Einordnung als Jahrhundert-Jahrgang im Frühjahr 2023 bereits alle Ehre.

Der Rot- und Weißwein aus diesen wunderbaren Trauben trägt den Namen „Corveyer Hexenstieg“ und wird, wie in den Vorjahren, nicht verkauft, sondern nur im privaten und kirchlichen Rahmen sowie bei Veranstaltungen ausgeschenkt. Denn Michael Rindermann und seine Crew betreiben den Weinanbau nicht kommerziell, sondern als Hobby. Der Jahrhundertjahrgang werde 80 bis 100 Flaschen je Sorte hervorbringen, kalkuliert er.

Orleans in 2022-er Jahrgang mit eingeflossen

Der 2022-er Jahrgang ist eine Cuvée aus der Hauptrebsorte Phönix und ein wenig Solaris. „Ich habe vom Rebstock an der Dechanei auch einige Trauben geerntet.“ Und auch der Orleans ist mit eingeflossen. Von dieser mittelalterlichen Rebsorte stehen am Hexenstieg zehn Rebstöcke.

Auf dem Weinberg am Corveyer Hexenstieg stehen zehn Rebstöcke der  mittelalterlichen Orleans. Fotos: Sabine Robrecht

Die Regent-Trauben am Corveyer Hexenstieg haben im herausragenden Wein-Jahr 2022 einen exzellenten Rotwein hervorgebracht.

Sie sind eine Reminiszenz an Corveys Klostergeschichte. Denn Karl der Große soll den „Gelben Orleans“ aus Frankreich an den Rhein gebracht haben. Und auch sein Sohn Ludwig der Fromme – Stifter der Benediktinerabtei Corvey – muss diese Rebsorte gekannt haben. Gut möglich also, dass auch den Benediktinermönchen des von Ludwig gestifteten Klosters Corvey dieser Wein geläufig war. Daher ist der „gelbe Orleans“, abgefüllt im Weingut Abthof in Rheinhessen und erhältlich im Corveyer Weinhaus, der Jubiläumswein zum 1200-Jahrfeier der Abtei.

Katja Kaspers, Michael Rindermann und Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek präsentieren vor der mittelalterlichen Kulisse des Johanneschores den Wein Ludwigs des Frommen und der Benediktiner. Foto: Sabine Robrecht

Michael Rindermann hatte die Idee, das Corvey-Jubiläum mit einem edlen Tropfen abzurunden. Im Corveyer Weinhaus, das er vor wenigen Jahren in jüngere Hände übergab, hatte er regelmäßig Weinproben zur Corveyer Weingeschichte angeboten. Für diese Geschmacks-Zeitreisen hatte er sich auf die Suche nach einer historischen Weinsorte gemacht, die den Geschmack des Mittelalters widerspiegelt. „Der ‚Orleans‘ galt seit Anfang des 20. Jahrhunderts als verschollen“, berichtet Rindermann. Bei einem Besuch im Weingut Dr. Gietz im Rheingau entdeckte er auf der Weinkarte diese verschwundene Urrebe. Jetzt entfaltet sie im Jubiläumswein den Geschmack des Mittelalters.

Michael Rindermann ist es ein Herzensanliegen, die Corveyer Weingeschichte mit dem Jubiläumswein und auch mit seiner Hände Arbeit auf den Spuren der Mönche an historischer Stätte auf dem Räuschenberg fortzuschreiben. Denn – wie gesagt: „Ein Kloster ohne Wein ist nicht denkbar.“ Und Michael Rindermann liebt beide: das strahlkräftige Herz der Welterbestätte Corvey und den Wein.

Text: Sabine Robrecht