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Geheimnisvolles Westwerk
Virtuelle Wege in die Vergangenheit Corveys

Die ehemalige Benediktinerabtei Corvey war ein bedeutendes karolingisches Kloster und ein steinernes Monument mit hohem Symbolcharakter. Es verfügte über eine der wertvollsten Bibliotheken seiner Zeit und zahlreiche Bischöfe gingen aus der Abtei am Ufer der Weser hervor. Als sichtbarer Teil aus dieser Zeit ist heute nur noch das Westwerk erhalten. Um die fast 1.200 Jahre alte Bausubstanz zu sichern und für die Besucher zu erschließen, sind aufwändige Restaurierungsmaßnahmen und die Erarbeitung eines zeitgemäßen didaktischen Gesamtkonzepts notwendig. Ein ganzes Team von Experten und Wissenschaftlern arbeitet dabei Hand in Hand.

Das Gespräch mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin und Projektorganisatorin Annika Pröbe vermittelt einen kleinen Einblick in das komplexe Vorhaben und zeigt, wie vielfältig die anstehenden Aufgaben sind.

Hier im Westwerk beginnen bald die Restaurierungsarbeiten. Was genau muss gemacht werden?

Annika Pröbe: Wir haben unterdessen die restauratorische Fachbauleitung besetzt. Es ist Karin Keller, eine Dipl.-Restauratorin aus Köln. Jetzt müssen wir gemeinsam ein umfassendes Restaurierungskonzept zu erarbeiten. Das heißt, in Absprache mit allen Beteiligten, also mit den Restauratoren, den Kunsthistorikern, Archäologen, Denkmalschützern, Architekten und Klimaspezialisten, werden wir überlegen und diskutieren, wie wir das Westwerk mit seiner Architektur und Wandmalerei schützen und erhalten können.

Was sind dabei die größten Herausforderungen?

Annika Pröbe: Die sind sehr vielfältig. Die größte Herausforderung von allen ist tatsächlich, die vielen einzelnen Arbeitsschritte so abzustimmen, zu koordinieren und zu kommunizieren, dass wir ein schlüssiges Gesamtpaket bekommen, bei dem alles möglichst reibungsfrei ineinander greift. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass wir schnell anfangen können zu arbeiten, und dass das Westwerk Corvey so erhalten bleibt, wie es jetzt ist.

        

Von den Wandmalereien und der Architektur sind teilweise nur noch sehr feine Reste zu erkennen. Werden einzelne Bilder oder Motive ergänzt? Wie kann man sich später einmal vorstellen, was früher hier zu sehen war?

Annika Pröbe: Ergänzen dürfen wir gar nicht. Wir befinden uns ja in einem historischen Gebäude. Veränderungen an den Wandmalereien kommen also nicht infrage. Deshalb war es für uns auch relativ knifflig eine Form zu finden, wie wir den Besuchern die ursprüngliche karolingische Ausmalung zeigen können – der Johannischor war bunt, also mit Architektur und Wandmalerei ausgeschmückt. Wir können davon heute nur noch Reste erkennen. Gottseidank ist das Westwerk aber sehr gut erforscht und so haben wir hervorragende Grundlagen, wenn wir den Besuchern die Vielfältigkeit und Vielfarbigkeit des Johannischores vor Augen führen wollen. Wir haben uns dafür entschieden, dabei die faszinierenden Möglichkeiten zu nutzen, die uns heute Augmented Reality bietet – eine Art computergestützte Erweiterung unserer Realitätswahrnehmung.

Was bedeutet das?

Annika Pröbe: Wir erarbeiten gerade ein Drehbuch und schauen, welche Inhalte wir mit dieser Methode präsentieren wollen und können. Augmented Reality ist eine wunderbare Möglichkeit mit dem Original zu arbeiten. Das ist ganz wichtig. Wir wollen den Besuchern die Aura des Originals, des karolingischen Westwerks, über Virtuelle Reality nahebringen, wir wollen sie spürbar machen, ohne ein fiktionales Geschehen zu konstruieren. Mit der digitalen Technik lässt sich zum Beispiel die Farbigkeit rekonstruieren. Die Besucher bewegen sich dann also im Original, so wie es heute erhalten ist, bekommen Tablets ausgehändigt, und erleben mit deren Hilfe den Johannischor etwa so, wie er in karolingischer Zeit ausgesehen haben mag. Wir nutzen die Technik also, um der historischen Realität möglichst nahe zu kommen.

Gibt es auch schon Planungen für das Erdgeschoss des Westwerks?

Annika Pröbe: Ja. Im Zentrum unserer Überlegungen steht hier der Gedanke, die ursprüngliche Raumwirkung wieder erlebbar zu machen. Die war – als die karolingische Basilika noch stand – ganz anders als heute. Außerdem möchten wir die Besucher schon im Erdgeschoss über die Bau- und Kulturgeschichte der ehemaligen Reichsabtei informieren. Auch da kommen neue, innovative Techniken zum Einsatz. Im Mittelpunkt wird eine Filmprojektion stehen, mit der wir die Geschichte des Ortes in Szene setzen und ihn durch Bilder, Sprache und Töne zu neuem Leben erwecken.

Dazu arbeiten wir mit hochspezialisierten Agenturen zusammen, die mit der Gestaltung komplexer Inhalte und der Herstellung räumlicher Medienproduktionen viel Erfahrung haben. Unser Ziel ist es auch hier, die Besucher am historischen Ort in eine Raum- und Lichtinszenierung eintauschen zu lassen, die sie auf ansprechende und innovative Weise über die frühmittelalterliche Geschichte des Welterbes informiert

Sehr spannend! Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Waltraud Murauer-Ziebach

Annika Pröbe, MA, studierte mittelalterliche Geschichte, neuere und neuste Geschichte und Politikwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Ab 2008 arbeitete sie als wissenschaftliche Volontärin im Museum in der Kaiserpfalz, Paderborn. Bevor sie die Organisation und Koordination für das Projekt Welterbe Westwerk Corvey übernahm, war Annika Pröbe bereits wissenschaftlich und kuratorisch an mehreren großen Ausstellungen in Münster und im Diözesanmuseum Paderborn beteiligt.